Alfred Reucker

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* 30.3.1868 Ründeroth (D), † 14.12.1958 Dresden (DDR, heute: D). ∞ Bertha Trebess, Sängerin.

Debüt 1883 als Schauspieler am Fürst Sulkowski-Theater in Wien. Engagements 1885 am Sommertheater Zoppot (als Schauspieler, Sänger, Inspizient und Bürohilfe), 1885–95 am Stadttheater Danzig (als Inspizient, Schauspieler sowie ab 1893 auch als Regisseur) und 1895–1901 am Königlichen Deutschen Landestheater Prag (als Schauspieler und Oberregisseur). 1901–21 war R. Direktor am →Stadttheater Zürich und dort als Regisseur im Musik- und Sprechtheater tätig. Bei seinem Amtsantritt wurde als zweite Spielstätte das →Pfauentheater hinzugepachtet und die Sparte Schauspiel zunehmend dorthin ausgelagert. R.s Direktionszeit wurde eine der fruchtbarsten Epochen in Zürichs Theatergeschichte, die beiden Bühnen erlangten unter seiner Leitung internationale Bedeutung. Zu den wichtigsten Verdiensten R.s in Zürich zählen unter anderem die Bildung eines qualitativ hoch stehenden Ensembles im Schauspiel und in der Oper, die Einführung von Reliefbühnenbildern und ein damit verbundener, auf diesem Niveau bisher nicht gekannter Inszenierungsstil sowie eine äusserst vielfältige Spielplangestaltung, die regelmässig wichtige Neuheiten in Oper und Schauspiel vorstellte. Im Schauspielrepertoire nahmen die Werke Shakespeares, Schillers und Ibsens eine konstant zentrale Stellung ein. Im Musiktheater beherrschten →Richard Wagner, Verdi und Fall den Spielplan. Zu den wichtigsten Uraufführungen im Schauspiel zählten Ernst Zahns "(Josepha)" (1901), Emanuel von Bodmans "(Der Fremdling von Murten)" (1908) und "(Donatello)" (1919), →Konrad Falkes "(Caesar Imperator)" (1911), →Robert Faesis "(Die offenen Türen)" (1911) und "(Odysseus und Nausikaa)" (1913), →Frank Wedekinds "(Schloss Wetterstein)" (1917) sowie Stefan Zweigs "(Jeremias)" (1918), in der Oper Georg Haesers "(Hadlaub)" (1903), →Hans Jelmolis "(Sein Vermächtnis)" (1904), →Othmar Schoecks "(Erwin und Elmire)" (1916) und "(Don Ranudo)" (1919), Busonis "(Arlecchino oder Die Fenster)" und "(Turandot)" (beide 1917 unter der musikalischen Leitung des Komponisten) und Alexander Savines "(Ksenia)" (1919). Viel beachtete Höhepunkte in R.s Direktionsära waren die Schweizer Erstaufführungen von Richard Strauss’ "(Salome)" (1907), Tschaikowskys "(Eugen Onegin)" (1909), Puccinis "(Madama Butterfly)" (1909), Verdis "(Don Carlo)" (1911) und Wagners "(Parsifal)" (1913). R. gelang es ausserdem, bedeutende Sprech- und Musiktheaterensembles zu Gastspielen nach Zürich einzuladen: so etwa 1901/02 das Kaiserliche Hoftheater Tokio mit Sada Yaco, 1911 und 1917 das Deutsche Theater Berlin unter Max Reinhardt, 1916 erstmals die Stagione d’Opera Italiana unter →Max Sauter-Falbriard und die Comédie Française Paris, 1917 das Grossherzogliche Hof- und National-Theater Mannheim mit Richard Strauss, das Grossherzogliche Hoftheater Darmstadt mit →Felix Weingartner, das Hofburgtheater Wien, die Hofoper München unter Bruno Walter und das Theater an der Wien mit den ihre eigenen Werke dirigierenden Komponisten Fall, Lehár, Nedbal und Oscar Straus sowie 1918 die Opéra Comique Paris. Zu den Bühnenkünstlerinnen und -künstlern in R.s Ensemble gehörten im Schauspiel unter anderen →Elisabeth Bergner, →Leopold Biberti, →Josef Danegger (* 1865), →Heinrich Gretler, Paul Hartmann, Hilde Herterich, Luis Rainer und →Johanna Terwin-Moissi, im Musiktheater →Bernardo Bernardi, Marie Burk-Berger, →Hilde Clairfried, Irene Eden, Ludwig Ermold, →Max Hirzel, Alois Jerger (→Alfred Jerger), →Rudolf Jung, Martha Kriwitz, →Emmy Krüger und →Willy Ulmer. Unter R.s Direktion traten erstmals fest engagierte Schweizer Künstler in wichtigen Aufgaben in Erscheinung. Ein Entschluss des Verwaltungsrats, das Pfauentheater auf die Saison 1921/22 aus finanziellen Gründen in Pacht abzugeben, war entscheidend für R.s Rücktritt. 1921–33 wirkte er als Generalintendant der Sächsischen Staatstheater in Dresden, wo unter anderem die folgenden Opern uraufgeführt wurden: Busonis "(Doktor Faust)" (1925), →Paul Hindemiths "(Cardillac)" (1926), Schoecks "(Penthesilea)" (1927) und "(Vom Fischer un syner Fru)" (1930) sowie Richard Strauss’ "(Intermezzo)" (1924), "(Die ägyptische Helena)" (1928) und "(Arabella)" (1933). 1933 wurde R. vom nationalsozialistischen Regime zum Rücktritt gezwungen. Nach 1945 setzte er sich für den Wiederaufbau der zerstörten Dresdner Bühnen ein.

Auszeichnungen

  • 1914 Ehrendoktorwürde der Universität Zürich,
  • Ehrenmitglied der Dresdner Staatstheater.

Literatur

  • Frei, Guido: Das Zürcher Stadttheater unter der Direktion A. R. 1901–1921, 1951.

Nachlass

  • Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin.


Autor: Paul Suter



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Suter, Paul: Alfred Reucker, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1483–1484.

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