Anne Martin

Aus Theaterlexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

* 24.8.1953 Rolle VD. Tochter der Organistin und Klavierlehrerin Jeanne Martin.

Nach einem Musikstudium am Konservatorium in Lausanne 1969–73 (Klavier bei Denise Bidal) und Ballettunterricht bei →Philippe Dahlmann absolvierte M. ihre Ausbildung zur Tänzerin 1973–76 am Centre international de danse Rosella Hightower in Cannes. Nach einem ersten Engagement 1976–78 in der Tanzcompagnie Gigi Caciuleanu am Grand Théâtre in Nancy war M. 1978–91 Solistin an Pina Bauschs Tanztheater Wuppertal, bildete sich daneben bei →Hans Züllig und Jean Cébron weiter und wirkte in zahlreichen Uraufführungen Bauschs mit: in "Kontakthof" (1978), "Arien", "Keuschheitslegende" (beide 1979), "1980 – Ein Stück von Pina Bausch", "Bandoneon" (beide 1980), "Nelken" (1982), "Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört" (1984), "Viktor" (1986) und "Ahnen" (1987). Ausserdem übernahm sie Partien in Bauschs Tanztheaterproduktionen "Frühlingsopfer" (Musik: Strawinskys "Le Sacre du printemps"), "Café Müller" (die Rolle, die zuvor Bausch verkörpert hatte), "Komm tanz mit mir", "Die sieben Todsünden" (Musik: Weill, Text: →Bertolt Brecht), "Blaubart – Beim Anhören einer Tonbandaufnahme von Béla Bartóks Oper ‹Herzog Blaubarts Burg›", "Renate wandert aus" und "Walzer". Ausserdem wirkte sie in den Filmen "Was tun Pina Bausch und ihre Tänzer in Wuppertal?" (1982), "Un jour Pina m’a demandé …" (1983, Regie: Chantal Akerman) sowie "Die Klage der Kaiserin" (1989, Regie: Bausch) mit. Neben ihrem langjährigen Engagement am Tanztheater Wuppertal war M. ab den achtziger Jahren freischaffend tätig: 1984 schuf sie zusammen mit der Kontrabassistin Joëlle Léandre und dem Kontrabassisten Peter Kowald ein Improvisationstanzstück und 1986 mit Léandre das Stück "Zon". Nachdem sie bereits in Bauschs "Nelken" mit dem Akkordeon auf der Bühne gestanden hatte, begann sie sich ab 1986 intensiv mit diesem Instrument auseinander zu setzen und gab 1990 in Deutschland, Frankreich und auf Sardinien ihre ersten Solokonzerte mit traditionellen sizilianischen, korsischen und französischen Liedern. Als sie 1991 das Tanztheater Wuppertal verliess, wandte sie sich verstärkt der Musik zu: 1991–96 bildete sie ihre Stimme bei Dorothea Hackenberg in Wuppertal und 2000 bei dem Sänger und Stimmtherapeuten Benoît Amy de la Bretèque weiter. Mit ihren Liedprogrammen trat sie an verschiedenen Festivals auf, unter anderem 1993 mit "Faim sous la chaleur" am Festival Avignon und 1997 zusammen mit dem Musiker Pascal Jaussaud mit dem Rezital "Aman" am Rheinischen Musikfest (beide Programme erschienen auch auf CD). Es folgten Auftritte als Sängerin in verschiedenen Tanzproduktionen, beispielsweise 1997 in "Geraldo’s solo" (Konzept und Regie: Raimund Hoghe, zuvor Dramaturg am Tanztheater Wuppertal) und in Malou Airaudos Choreografie "Le Jardin des souvenirs". Nachdem sie mit Tanzen längere Zeit pausiert hatte, wirkte sie ab Ende der neunziger Jahre wieder als Tänzerin und weiterhin als Sängerin in verschiedenen Projekten mit, darunter 1999 zusammen mit Kowald und anderen in Brechts "Baal" (Regie: Claudine Hunault, am Festival Perspektiven in Saarbrücken) und in dem gemeinsam mit Airaudo erarbeiteten Stück "Jane" (am Festival "solo donne" im Rahmen der Biennale in Venedig), 2000 in ihrem Solo für Tanz und Stimme "Rouge amande" (am Festival international de danse contemporaine in Uzès), 2002 in "Nafas (le souffle)" nach Gedichten des persischen Mystikers Rumi (gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Majid Rahnema sowie Jaussaud und dem persischen Perkussionisten Madjid Khaladj, unter anderem am Tanzfestival Oltre 90 in Mailand sowie in Chiasso gezeigt) und in Anthony Girards "La Voix lointaine d’Eurydice" für acht Instrumente und eine Tänzerin (mit dem Ensemble Carpe Diem in Paris). Ausserdem zeichnete sie 2004 für die Choreografie in Macha Makeïeff/Jérôme Deschamps’ Inszenierung von Schostakowitschs Oper "Moscou, quartier des cerises" am Opernhaus in Lyon verantwortlich. Seit 1998 ist M. als Tanzpädagogin tätig und bildete sich 2000–02 erneut bei Cébron weiter. Sie erhielt zahlreiche Gastlehraufträge, unter anderem am Konservatorium in Montpellier, an der Sommerakademie in Marburg, am Pomona College der Universität von Claremont in Kalifornien, an der kalifornischen Kunstakademie "CalArts" und an der Ménagerie de verre in Paris. Seit 2003 hat sie einen festen Lehrauftrag am Conservatoire national supérieur de musique et danse (CNSMD) in Lyon.



Autorin: Christine Wyss



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Wyss, Christine: Anne Martin, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 1189–1190.

Normdaten