Antichristspiel

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Ausserliturgisches geistliches Spiel, welches das Auftreten, die zeitweilige Weltherrschaft und den Sturz des Antichrist thematisiert. Die Antichristfigur beruht auf vorchristlichen, vor allem jüdisch-apokalyptischen Vorstellungen von einem endzeitlichen Kampf zwischen Gott und einem oder mehreren dämonischen Widersachern. Geprägt wurde der Begriff "Antichrist" im Neuen Testament und bezeichnete Anhänger einer häretischen Lehre, wonach Jesus nicht der Erlöser sei. In der im ersten christlichen Jahrhundert nach biblischen und apokryphen Quellen entstandenen Legende wird der Antichrist als Feind Gottes verstanden, der die letzten Tage der Welt regiert und die Parusie (Wiederkunft) Christi zum Endgericht ankündigt. Um die Mitte des 10. Jahrhunderts fasste der Abt Adso von Montier-en-Der († 992) in seiner Schrift "De ortu et tempore Antichristi" (Über Ursprung und Zeit des Antichrist) die verschiedenen Antichristtraditionen zusammen: Geboren in Babylon als Sohn eines Verbrechers und einer Dirne und erzogen von Teufeln wird der Antichrist nach Jerusalem kommen, sich als Gottessohn ausgeben und im Tempel den Thron besteigen. Er wird durch Scheinwunder die Menschen täuschen und sie mit Reichtümern verführen, bis ihm schliesslich die ganze Welt untertan ist. Die Propheten Enoch und Elias sowie alle gläubigen Christen wird er töten, seine Anhänger aber mit einem Mal kennzeichnen. Nach dreieinhalbjähriger Herrschaft wird er durch das Eingreifen Gottes vernichtet werden. Adso legte mit seinem Traktat den stofflichen Grundstein für die meisten A. Der von einem unbekannten Autor gegen 1160 verfasste und in einer Handschrift des Benediktinerstifts Tegernsee überlieferte "Ludus de Antichristo" markiert den Beginn und zugleich den Höhepunkt der Gattung. In diesem lateinischen Endzeitdrama wurden die heilsgeschichtlich-eschatologischen Vorstellungen mit aktuellen politischen Bezügen versehen, eine Vorgehensweise, der sich auch spätere Bearbeiter bedienten, indem sie ihre jeweiligen zeitgenössischen Feinde als Antichrist darstellten. Der Tegernseer Antichrist gilt als Einzelwerk, für die späteren volkssprachlichen Spiele lassen sich keine direkten Beziehungen nachweisen.


Antichristspiele in der Schweiz

In der Schweiz sind Aufführungen von A. im 16. Jahrhundert bezeugt, jeweils in Kombination mit einem →Weltgerichtsspiel. Als früheste Beschäftigung mit dem Stoff gilt aber ein um 1353/54 datiertes, nicht mehr erhaltenes Spiel. Der mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Zürich stammende Text diente als Vorlage für das in Nürnberg um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstandene und in einer Fastnachtspielsammlung überlieferte Spiel "Des Entchrist Vasnacht" (→Fastnachtspiel). Das 470 Verse umfassende Fragment enthält zahlreiche politische Anspielungen und führt den Kaiser – vermutlich Karl IV. – als irregeleitetes Opfer des Antichrist vor. Bis zum vorzeitigen Abbruch hält sich das Stück meist an das traditionelle Schema: Enoch und Elias warnen vor dem Antichrist, werden aber von dessen Schergen erschlagen. Die Juden hingegen feiern den falschen Messias, der ihnen den Sieg über die Christenheit verheisst. Den Bemühungen des Antichrist, den Kaiser durch Geschenke und Wunder auf seine Seite zu ziehen, stellt sich der Ritter Degenhart – vermutlich das Sprachrohr des Autors – entgegen und ruft zur Glaubenstreue auf. Als jedoch der Antichrist den toten Vater des Kaisers, den König von Böhmen, wieder zum Leben erweckt, unterwirft sich auch der Kaiser. Mit Leichtigkeit gelingt es dem Antichrist, die Kleriker für sich einzunehmen: Bischof "Gugelweit" verspricht er Reichtum und das Bistum Luzern, den Äbten "Gödlein Waltschlauch" und "Schludreich" stellt er ein Leben in Saus und Braus in Aussicht. Selbst der "Bilgram", der den Antichrist als Teufelsknecht identifiziert, wird nach seiner Ermordung und Wiedererweckung bekehrt. Unvermittelt meldet sich der "Froß" – möglicherweise als Vertreter der Hauptsünde Gula (Unmässigkeit) – zu Wort und preist das verschwenderische Leben unter der neuen Herrschaft. Mit einer Entschuldigung für den "Schimpf" (Scherz) beschliesst der Ausschreier das Spiel. Der Inhalt ist durchaus ernst gehalten und frei von grotesken Übertreibungen; mit der etwas unmotiviert auftretenden komischen Figur "Froß" und der Ausschreierrede stülpt der Bearbeiter seiner Vorlage eine fastnächtliche Maske über.


Churer Antichrist

In einer Churer Handschrift vom Anfang des 16. Jahrhunderts sind ein Antichrist- und Weltgerichtsspiel überliefert. Die sprachliche Gestaltung der eschatologischen Spiele weist in die Ostschweiz, lokalhistorische Anspielungen und der Handschriftvermerk "Anno 1517 hat man gehept das jungst gricht" deuten auf eine Aufführung in Chur hin. Vermutlich führte man zu Ostern 1517 aber nicht nur das "Jüngste Gericht" auf, sondern auch den Antichrist, der eng mit dem Weltgerichtsspiel verbunden ist. Dass das A. den Abschluss des Weltgerichtsspiels bildet, steht in der Tradition exzeptionell da. Interpretiert wird diese Umordnung mit der Intention des Verfassers, die Gefährdung des Menschen in der Welt noch einmal vorzuführen und der vom Propheten Enoch ausgesprochenen Bussforderung besonderes Gewicht zu verleihen. In diesem Spiel führt sich der als "Antechristus" bezeichnete Widersacher Christi selbst ein, verlangt göttliche Verehrung und droht seinen Gegnern mit Rache. Neben den Juden, die ihn als ihren Messias anerkennen, treten Allegorien der Hauptsünden Superbus (Hoffart), Avarus (Geiz), Luxuria (Wollust), Ira (Zorn) und Gula (Unmässigkeit) als Anhänger des Antichrist auf. Ein Christ will lieber als Märtyrer sterben, als von seinem Glauben ablassen. Um diesen und die übrigen Standhaften zu bekehren, kündigt der Antechristus seine Himmelfahrt an, die aber misslingt. Abweichend von der Tradition greifen die Propheten Elias und Enoch erst nach dem Sturz des Widerchrist ins Geschehen ein und richten mahnende Worte an das Volk.


Luzerner Antichrist- und Weltgerichtsspiel

Die bedeutendste und umfangreichste volkssprachliche Überlieferung eschatologischer Spiele stammt aus Luzern. Das zweitägige Luzerner Antichrist- und Weltgerichtsspiel von Stadtschreiber und Spielleiter →Zacharias Bletz wurde an Ostern 1549 an zwei Tagen auf dem Weinmarkt aufgeführt. Das A. ist in zwei Handschriften mit drei Fassungen überliefert: Die älteste, 1541 entstandene Fassung besteht aus 6736 Versen; sie wurde später um etwa 2000 Verse gekürzt. Eine zweite Handschrift enthält eine 5290 Verse umfassende Reinschrift dieser umgearbeiteten Fassung. Die Manuskripte enthalten zahlreiche Regieanweisungen, Notizen zu Bühne und Kostümen sowie ein Personenverzeichnis. Nach einführenden Prologen des Fähnrichs künden die Propheten das Kommen des Antichrist an. Darauf wird in einem Vorspiel der wahre Messias vorgeführt: Der Salvator heilt Lazarus, predigt im Tempel und antwortet den Jüngern auf Fragen zum Weltende. Mit einer Höllenszene und der Verkündigung der Geburt des Antichrist beginnt die Haupthandlung. In der älteren Fassung folgen hier Szenen der Geburt durch Cleopatra und der Jugendzeit des Antichrist. Der "Entcrist" gibt sich als Sohn Gottes aus und vollbringt mit Hilfe der Teufel "Astharott", "Gydtt", "Nyd" und "Vnküschheyt" Scheinwunder. In den folgenden Szenen entfaltet der Antichrist seine Macht: Er ernennt zwölf Jünger, beruft Gog und Magog an seinen Hof, lässt den Tempel wieder aufbauen und gewinnt durch die Verteilung von Geld und betrügerische Totenerweckungen die Huld des Volkes. Mit Unterstützung seiner Apostel will er die Herrscher Asiens, Afrikas und Europas unterwerfen. Wer sich ihm entgegenstellt, wird getötet. Als der Antichrist auf der Höhe seiner Macht steht, greift der Salvator ein. Auf sein Geheiss predigen die Propheten Elias und Enoch gegen den Antichrist. Sie werden von Gog erschlagen, Gabriel ruft sie wieder ins Leben zurück und sie fahren zum Himmel. Darauf wenden sich die meisten Gefolgsleute vom Antichrist ab. Durch ein noch grösseres Wunder, seine eigene Himmelfahrt, will er sie zurückgewinnen. Auf Befehl des Salvators erschlägt "Ravael" den Widerchrist, die Teufel laden ihn auf einen Karren und fahren mit ihm zur Hölle. Johannes beschliesst das Spiel mit einer langen lehrhaften Rede und kündigt das Weltgericht an, das am folgenden Tag aufgeführt werden soll. Der altgläubige Bletz greift in seiner Bearbeitung zwar auf traditionelle Antichristvorstellungen zurück, aktualisiert das Spiel aber durch zahlreiche zeitkritische Anspielungen (der Antichrist trägt ein für die Humanisten und Reformatoren typisches Gewand, seine Anhänger gewinnt er durch Schätze, die er aus Kirchen und Klöstern geraubt hat) und verstärkt die im Stoff vorhandenen antijüdischen Züge. Er wendet sich explizit an alle, "so am waren glouben irrung hand".

Literatur

  • Brandstetter, Renward: Die Technik der Luzerner Heiligenspiele. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 75/1886.
  • Reuschel, Karl: Die deutschen Weltgerichtsspiele des Mittelalters und der Reformationszeit, 1906.
  • Eberle, Oskar: Theatergeschichte der innern Schweiz, 1929.
  • Christ-Kutter, Friederike (Hg.): Frühe Schweizerspiele, 1963.
  • Michael, Wolfgang F.: Frühformen der deutschen Bühne, 1963.
  • Jenschke, Georg: Untersuchungen zur Stoffgeschichte, Form und Funktion mittelalterlicher A. Dissertation Münster, 1971.
  • Aichele, Klaus: Das Antichristdrama des Mittelalters, der Reformation und Gegenreformation, 1974.
  • Litz, Markus: Theatrum Sacrum und symbolische Weltsicht, 1990.
  • Duncker, Veronika: Antijudaismus, antireformatorische Polemik und Zeitkritik im Luzerner A. des Zacharias Bletz, 1994.


Autorin: Heidy Greco-Kaufmann



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Greco-Kaufmann, Heidy: Antichristspiel, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 55-56.