Arthur Honegger

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* 10.3.1892 Le Havre (F), † 27.11.1955 Paris (F). ∞ Andrée Vaurabourg, Pianistin. Zuvor Lebensgemeinschaft mit der Sängerin Claire Croiza.

Nach erstem Musikunterricht in Le Havre studierte der aus einer Zürcher Familie stammende H. 1909–11 am Konservatorium Zürich (Violine bei Willem de Boer und Theorie bei →Lothar Kempter). 1911–13 Musikstudien in Paris, unter anderem bei Lucien Capet (Violine), Charles-Marie Widor (Instrumentation) und Vincent d’Indy (Dirigieren). 1913 Niederlassung in Paris. Nach dem Krieg gehörte H. zum Kreis der "Groupe des Six" um Jean Cocteau, ohne sich jedoch dessen stilistischen und ästhetischen Maximen anzuschliessen. Nach ersten Erfolgen mit Instrumental- und Vokalkompositionen folgte 1921 der Durchbruch im dramatischen Genre mit "Le Roi David" (Psaume dramatique, Libretto: →René Morax, Uraufführung 11.6.1921, →Théâtre du Jorat, Mézières, musikalische Leitung: H.). Mit "Roi David" befasste sich H. erstmals mit einer Mischform zwischen szenischer Kantate respektive Oratorium und musikalischem Drama nach einem biblischen, liturgischen oder allgemein religiösen Stoff. H. setzte somit einerseits französische Gattungstraditionen (Légende dramatique, Mystère) in einer modernen musikalischen Ausdrucksweise fort, wobei Sprachbehandlung, Rhythmik und Orchesterklang das Allegorisch-Rituelle betonen, andererseits schuf er auf diese Weise einen Gegenpol zur artifiziellen Sprache der Literaturoper. Als zweites gemeinsames Werk mit Morax entstand "Judith" (Drame biblique, Uraufführung 1925 in Mézières, musikalische Leitung: H.) nach dem Buch Judith aus den deuterokanonischen Büchern der Septuaginta. H. verfolgte weiterhin das Konzept eines historisch angelegten Spiels, in dem der biblische oder antike Stoff auf eine mythische Ebene gehoben ist. Anstelle der dramatischen, psychologisch gezeichneten Einzelperson rückt der Chor als episch-distanziertes Kollektiv in den Vordergrund. H. hat sich später von den Umarbeitungen von "Roi David" und "Judith" zu Oratorien (teils in deutscher Übersetzung) eher distanziert, obschon diese die breitere Rezeption der Werke gegenüber den szenischen (Erst-)Fassungen begünstigt haben. Mit "Cris du monde" (Oratorio scènique, Libretto: René Bizet, Uraufführung 3.5.1931, Solothurn), «Jeanne d’Arc au bûcher» (Oratorio dramatique, Libretto: Claudel, Uraufführung 12.5.1938 konzertant in Basel, musikalische Leitung →Paul Sacher, szenisch in deutscher Übersetzung von →Hans Reinhart 13.6.1942, →Stadttheater Zürich, Regie: →Hans Zimmermann, musikalische Leitung: H., mit →Maria Becker und →Heinrich Gretler), den beiden "légendes dramatiques" "La Danse des morts" (Libretto: Claudel, Uraufführung 2.3.1940 konzertant in Basel, szenisch in deutscher Übersetzung von Reinhart 2.6.1940 Stadttheater Zürich, musikalische Leitung beide: Sacher) und "Nicolas de Flue" (Libretto: →Denis de Rougemont, Uraufführung 27.10.1940 konzertant im grossen Konzertsaal in Solothurn, szenisch 31.5.1941 in Neuenburg) schuf H. Varianten dieser Mischform, wobei ihm eine grosse Bandbreite an technischen und stilistischen Mitteln zur Verfügung stand. In «Jeanne d’Arc au bûcher», H.s Hauptwerk in diesem geistlich-szenischen Genre, in dem die Stationen der Lebens- und Leidensgeschichte der Protagonistin (eine Sprechpartie) in Form von Rückblenden dargestellt sind, hat Claudel zudem Elemente des Volkstheaters und des japanischen No-Theaters einfliessen lassen. Durch die Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg erhielt das Werk, das Krieg, Unterdrückung und die Besetzung Frankreichs durch eine fremde Macht thematisiert, politische Brisanz. "Jeanne d’Arc" erlebte im nichtbesetzten Teil Frankreichs über vierzig Aufführungen. Mit "Nicolas de Flue", einem Beitrag zur geistigen Landesverteidigung der Schweiz während des Kriegs, beabsichtigte H. ein Werk zu schaffen, das mit illustrativer Musik "wirklich volkstümlich" im Sinn der schweizerischen Festspieltradition war, ohne in "Banalität zu versinken" (Honegger, NZZ, 1.2.1946). Die divergierenden Stilmittel wie Polytonalität, freitonale Klangflächen und rhythmische Textdeklamation, Einbezug von Jazz, Choral und Volkslied und so weiter kennzeichnen auch die Werke anderer Genres wie "Antigone" (Tragédie musicale, Libretto: Cocteau nach Sophokles, Uraufführung 28.12.1927, Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, Regie: Georges Dalman) oder "Amphion" (Mélodrame, Libretto: Valéry, Uraufführung 23.6.1931, Opéra Paris im Palais Garnier). Im Gegensatz zu der ebenfalls 1927 entstandenen Oper "Oedipus Rex" von Strawinsky, wo äusserste Verknappung, Abstraktion und Distanzierung herrschen, setzte H. in "Antigone" auf dramatische Sinnhaftigkeit und Verständlichkeit. H.s kompositorische Vielseitigkeit hinsichtlich seiner musikdramatischen Sprache dokumentieren die Operetten "Les Aventures du roi Pausole" (Libretto: Albert Willemetz nach Pierre Louÿs, Uraufführung 12.12.1930, Théâtre des Bouffes-Parisiens in Paris, musikalische Leitung: H.) und "La Belle de Moudon" (Libretto: Morax, Uraufführung 30.5.1931, Théâtre du Jorat). H. schrieb ausserdem über dreissig Schauspielmusiken und Kompositionen für den Rundfunk, dreizehn Ballettmusiken (unter anderem "Skating-Rink", Ballett für Rollschuhläufer nach Ricciotto Canudo, Uraufführung 20.1.1922, Théâtre des Champs-Elysées in Paris) und fast fünfzig Kompositionen für den Film (unter anderem für Filme von Pierre Chenal und Marcel Pagnol). Trotz Krieg und Besetzung blieb H. in Frankreich als Musikkritiker und unterrichtete an der Pariser Ecole normale de musique. Veröffentlichung zahlreicher Schriften: 1948 Incantation aux fossiles, 1951 Je suis compositeur, 1957 die Schriften- und Dokumentensammlung A. H., herausgegeben von →Willi Reich. Ab 1938 Mitglied des Institut de France, ausländisches Mitglied der Académie des Beaux-Arts, ab 1954 Präsident der Confédération Internationale des Sociétés d’Auteurs et Compositeurs, Vizepräsident des Conseil international de la musique der Unesco.

Auszeichnungen

unter anderem

  • 1946 Musikpreis der Stadt Zürich,
  • 1948 Ehrendoktortitel der Universität Zürich,
  • 1949 Kompositionspreis des Schweizerischen Tonkünstlervereins,
  • Grosskreuz der Ehrenlegion der Republik Frankreich.

Literatur

  • Meylan, Pierre: René Morax et A. H. au Théâtre du Jorat, 1966.
  • Meylan, Pierre: A. H. Humanitäre Botschaft der Musik, 1970.
  • Halbreich, Harry: A. H., 1992.

Nachlass

  • Paul Sacher Stiftung, Basel, und Bibliothèque cantonale et universitaire, Lausanne.


Autor: Hanspeter Renggli



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Renggli, Hanspeter: Arthur Honegger, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 869–870, mit Abbildung auf S. 869.