Auawirleben, Bern BE

Aus Theaterlexikon
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Festival für zeitgenössisches Theater

Unter dem Namen "Aua, wir leben!" führte →Peter Borchardt als Direktor des →Stadttheaters Bern 1983–87 eine Gastspielreihe ein, die jeweils während rund eines Monats zeitgenössisches deutschsprachiges Theater vorstellte. Bereits ab 1985 arbeitete →Beatrix Bühler bei der Planung und Durchführung mit. Unter den ausgewählten Inszenierungen aus dem In- und Ausland waren zahlreiche Ur- oder Erstaufführungen. Unter anderen gastierten das →Schauspielhaus Zürich, Zürich ZH, die →Basler Theater, das →Theater am Neumarkt, Zürich ZH und das →Theater an der Winkelwiese aus Zürich, das →Theater M.A.R.I.A. aus Aarau, das Théâtre des Trois Coups aus Lausanne sowie das Düsseldorfer Schauspielhaus, das Burgtheater Wien, die Bühnen der Stadt Bonn, das Festival Steirischer Herbst und die Vereinigten Bühnen aus Graz mit Theaterstücken von Gert Hofmann, Peter Handke, →Urs Widmer, →Bernard Liègme, Manuel Puig, Herbert Achternbusch, Friederike Roth und Elfriede Jelinek. Neben diesen Gastspielen zeigte das Stadttheater Bern Eigenproduktionen (Uraufführungen von Schweizer Autoren wie →Heinz Stalder, Roland Merz, →Hansjörg Schneider und E. Y. Meyer sowie Schweizer Erstaufführungen von Heiner Müller, Gert Heidenreich, Fitzgerald Kusz und George Tabori). Gespielt wurde im Stadttheater, in der Mansarde des Stadttheaters und im →Alten Schlachthaus. Nach seiner Direktionszeit führte Borchardt die Gastspielreihe ab 1988 als vom Stadttheater unabhängiges Festival fort, das wie bisher im Frühjahr, jeweils während drei bis vier Wochen stattfand. Borchardt und Bühler bildeten weiterhin die künstlerische Leitung, zu der 1989–91 auch →Guy Krneta gehörte. Ausserdem gründeten die Leiter die freie Theatergruppe →Berner Ensemble, um eine theaterpraktische Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren zu ermöglichen. Das Berner Ensemble zeichnete 1988–98 als Veranstalter, Borchardt als Rechtsträger des Festivals (1989–98 unter dem Namen "Aua wir leben"), das sich bis heute im Wesentlichen durch Beiträge von Stadt und Kanton Bern finanziert. Zur Hauptspielstätte des Festivals wurde nun das Alte Schlachthaus/Schlachthaus Theater in Bern, 1990 kam die →Dampfzentrale als weiterer Spielort dazu. Wahlweise oder programmbedingt wird auch in der →Hochschule für Musik und Theater sowie im →Tojo und in der grossen Halle der Reitschule gespielt. Das erste selbstständige Festival 1988 wurde mit einer Eigenproduktion des Berner Ensembles, der Uraufführung von →Beat Sterchis "Dr Sudu", eröffnet. Bis 1995 war das Berner Ensemble jeweils mit ein bis zwei Eigenproduktionen (meist Uraufführungen, in der Regel Dialektstücke) am Festival vertreten. Die eingeladenen Gastspiele gaben einen Überblick über das zeitgenössische Theaterschaffen, insbesondere in der Schweiz (rund ein Viertel der Gastspiele waren Schweizer Produktionen, auch aus der französisch- und der italienischsprachigen Schweiz, ab 1996 vermehrt aus der freien Szene) und im übrigen deutschsprachigen Raum. Bis 1998 wurden über achtzig Gastspiele gezeigt; davon waren knapp zwei Drittel Uraufführungen. Vereinzelt wurden auch Kinder- und Jugendtheaterinszenierungen präsentiert, ab 1996 bisweilen Produktionen verschiedener Schauspielschulen. A. präsentierte zahlreiche Stadttheater aus dem deutschsprachigen Raum, bekannte Ensembles, beispielsweise Taboris Theater Der Kreis aus Wien oder Andrej Worons Teatr Kreatur aus Berlin, und innovative oder prägende Theaterschaffende, beispielsweise die Autoren Franz Xaver Kroetz, Rainald Goetz, Thomas Bernhard, Peter Brasch, Werner Schwab, die Autorinnen Gerlind Reinshagen, Kerstin Specht und Dea Loher, die Regisseure →Christoph Marthaler (1991), →Elias Perrig (1995), →Ruedi Häusermann (1996), Thomas Ostermeier (1998) und Armin Petras (1998). A. wurde von Anfang an unter einer thematischen Fragestellung veranstaltet und reagierte auch auf politische Veränderungen, beispielsweise indem 1990 Autoren aus der ehemaligen DDR in Lesungen und das Realistische Theater Prag (Realisticke Divadlo Praha) mit der Erstaufführung in tschechischer Sprache von Havels "Sanierung" vorgestellt wurden oder 1995 der Krieg im ehemaligen Jugoslawien unter anderem mit einem Gastspiel des Theaters Mladih aus Sarajevo thematisiert wurde. Nach dem Festival 1998 beendete Borchardt seine Arbeit im Leitungsteam, für die er 1997 zusammen mit Bühler den Sisyphus-Preis der Stadt Bern erhalten hatte. Rechtsträger wurde der neu gegründete Verein A.; Bühler führte das Festival mit wechselndem Leitungsteam weiter (unter dem Namen Auawirleben, zunächst jeweils während zweieinhalb Wochen, seit 2001 während zehn Tagen), nun in enger Zusammenarbeit mit der Leitung des Schlachthaus Theaters. Weiterhin wurde mit jeweils rund zehn Produktionen, darunter zahlreiche Ur- und Erstaufführungen, zeitgenössisches Theaterschaffen vorgestellt. Aus der Schweiz gastierten beispielsweise 1999 das →Junge Theater Zürich, der Autor Gerhard Meister, 2000 die Gruppe →400asa sowie die Autorin und Regisseurin Sabine Harbeke, 2001 das →Theater Hora aus Zürich, 2002 →Klara Theaterproduktionen aus Basel (bereits früher mehrmals zu Gast), 2003 die Regisseurin Ursina Greuel (Krnetas "Zmittst im Gjätt uss"). Seit 2000 ist auch das Stadttheater Bern, ursprünglich das Stammhaus von A., nach Möglichkeit wieder mit einer Eigenproduktion eines zeitgenössischen Autors (beispielsweise Michael Stauffer) vertreten (Spielort: grosse Bühne oder Kornhausbühne des Stadttheaters). A. betätigte sich ausserdem als Koproduzent und präsentierte zunehmend Koproduktionen anderer Theater (beispielsweise der Sophiensäle aus Berlin, des Theaters in der Fabrik TIF des Staatsschauspiels Dresden, des Theaterhauses Jena, des Thalia Theaters Hamburg). Weiter stellte A. unter anderen den Regisseur →Niklaus Helbling (1999), die Autorinnen und Autoren Sarah Kane, Mark Ravenhill (2000), Gesine Danckwart, Neil LaBute (2002) und Kathrin Röggla (2003) vor. Über die Grenzen des deutschsprachigen Raums hinausgehend, lud A. ausserdem fremdsprachige Gastspiele ein (1999 aus dem flämischen Raum und 2001 aus Frankreich und der französischsprachigen Schweiz).



Autor/in: Guy Krneta/Christine Wyss



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Krneta, Guy/ Wyss, Christine: Auawirleben, Bern BE, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 86-87.