Berner Heimatschutz-Theater, Bern BE

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Amateurtheater, Sprechtheater in berndeutschem Dialekt

Die Idee zur Gründung eines "Heimatschutz-Theaters" entstand im Vorfeld der Schweizerischen Landesausstellung in Bern 1914. Im "Dörfli" der Ausstellung wurde ein Theater erbaut, das man am 17.5.1914 mit →Otto von Greyerz’ "Der Chlupf" eröffnete. Auf dem Spielplan des Ausstellungstheaters standen mehr als dreissig Stücke, die wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs grösstenteils nicht gegeben werden konnten. Trotzdem verlieh die Landesausstellung Greyerz den Impuls, 1915 den "Heimatschutz-Theater-Spielverein Bern" zu gründen, der am 8.1.1916 seine erste Vorstellung im Berner Restaurant "Bierhübeli" gab. Ziel der Vereinigung war es, die Dialektdramatik und die "heimatliche Liebhaberspielkunst" zu fördern. Im Wandel der Zeit wurde versucht, Fortschritt und Tradition zu vereinen. Seither wurden über hundert traditionelle, historische und Gegenwartsstücke gegeben, in den ersten Jahren fast ausschliesslich unter der Regie von Greyerz, später inszenierten auch Mitspieler und Autoren des B., man verpflichtete sogar professionelle Regisseure. Häufig gespielt wurden Greyerz’ "Ds Schmocker Lisi" und "Der Napolitaner", →Simon Gfellers "Geld und Geist" und "Hansjoggeli, der Erbvetter", →Emil Balmers "Der Glückshoger" und "Die zwöiti Frou"; als Hausautoren des B. kann man unter anderen auch →Karl Grunder, →Ernst Balzli ("Der Schärer-Micheli") und Rudolf von Tavel ("Die gfreutischti Frou") bezeichnen. Seit den fünfziger Jahren prägen Stücke unter anderen von →Werner Gutmann den Spielplan sowie Adaptionen und Übersetzungen englischsprachiger Werke wie Wilders "Üses Stedtli", Nashs "Dr Rägemacher", Steinbecks "Vo Müüs u Mönsche" und Priestleys "… und das am Mändigmorge". Klassiker (Shakespeares "Mass für Mass", Ibsens "Hedda Gabler" und Kleists "Der zerbrochene Krug") erweitern das Repertoire ebenso wie Ladislaus Fodors "Matura" und →Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker" und dessen "Frank der Fünfte". Seit 1984 steht alle zwei Jahre ein Märchen (vorwiegend der Gebrüder Grimm) auf dem Spielplan. In der ersten Spielzeit gab das B. im Saal des Restaurants "Bierhübeli" in Bern Vorstellungen, ab 1916/17 im alten Theatersaal des →Kursaals Schänzli in Bern. Auch nach der Sanierung 1933 blieb der Kursaal bis Ende der sechziger Jahre die permanente Spielstätte. Dann fanden Aufführungen in Bern im →Theater am Käfigturm, Bern BE oder →Theater am Zytglogge statt. 1930 produzierte das B. die erste Freilichtaufführung im Schlosspark Spiez (Tavels "Der Heimat einen ganzen Mann"). Zudem gab das B. Gastspiele in der ganzen Schweiz, unter anderem in Aarau, Basel, Biel, Freiburg, Langenthal, Lausanne, Luzern, Neuenburg, Nidau, Romanshorn, St. Gallen, Schaffhausen, Solothurn, Thun, Zofingen und Zürich. Bereits 1926 wurden Inszenierungen des B. als Hörspiele gesendet, später bildete sich eine vom Verein unabhängige Spielgruppe ("Spieler des Heimatschutz-Theaters"). Die Radiohörspiele trugen zum lokalen und nationalen Bekanntheitsgrad des B. bei. Zwischen 1954 und 1987 zeigte das Schweizer Fernsehen über ein Dutzend Fernsehübertragungen. Das B. engagierte sich auch in der Dramatikerförderung; unter anderem führte es 1935–44 die J. Gfeller-Rindlisbacher-Wettbewerbe durch, in denen neue Dialektstücke prämiert wurden. Das B. arbeitete bisher ohne Subventionen. Verbandsmitglied: →ZSV.

Auszeichnungen

  • 1956 Preis des Radio Studios Bern für die "über vierzigjährige Pionierarbeit als Dialektbühne".

Literatur

  • Jubiläumsschriften zum 20-, 50- und 75-jährigen Bestehen des B.


Autor: Franz Grütter



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Grütter, Franz: Berner Heimatschutz-Theater, Bern BE, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 173–174.