Die Pfeffermühle, Zürich ZH

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Ensemble ohne eigene Spielstätte

"Literarisches Cabaret", auf Anregung des Komponisten und Pianisten Magnus Henning gegründet von →Erika Mann und →Therese Giehse. Die ersten beiden Programme wurden ab 1.1.1933 beziehungsweise 1.2.1933 in der Bonbonniere in München gezeigt. Am 13. März emigrierte Erika Mann in die Schweiz; die für den 1. April vorgesehene dritte Münchner Premiere konnte nicht mehr gezeigt werden. Die Neugründung des Kabaretts in Zürich wurde durch die Tatsache, dass Giehses Bruder in Sippenhaft genommen worden war, ebenso verzögerte wie durch die mangelnde Arbeitserlaubnis. Letztere wurde schliesslich durch einen Scheinvertrag mit →Max Werner Lenz ermöglicht. Am 30.9.1933 Premiere des ersten Exilprogramms im Restaurant "Hirschen" an der Niederdorfstrasse 13 in Zürich. Zu Giehse, Henning, Mann und Sybille Schloss waren der Schweizer Schauspieler →Robert Trösch, die Pianistin Valeska Hirsch, der amerikanische Tänzer Caird Leslie sowie Igor Pahlen und →Fritz Pfister gestossen. Das zweite Programm (mit der Tänzerin Lotte Goslar) folgte am 1.1.1934 ebenfalls im "Hirschen". Das dritte Exilprogramm startete am 3.10.1934 im Bühnensaal des Hallenbads Rialto in Basel; in Zürich wurde die Vorstellung (nachdem der "Hirschen" durch das inzwischen gegründete →Cabaret Cornichon belegt worden war, im Kursaal am Alpenquai) am 16. November durch die Nationale Front unter der Anführung von James Schwarzenbach, einem Cousin der Autorin Annemarie Schwarzenbach, einer Freundin von Erika und Klaus Mann, gestört; in der Folge erhielt die Truppe Polizeischutz. Eine "Lex Pfeffermühle", die angeblich (Teubner, Mittenzwei) Auftritte in Zürich verbot, ist nach neuerer Forschung (Maissen) nicht nachweisbar. 1935 und 1936 Tournee durch Holland, Belgien, Luxemburg und die Tschechoslowakei. Das Ensemble wurde von den diplomatischen Diensten des Dritten Reichs in der Schweiz und den übrigen Gastländern scharf überwacht. Am 5.1.1937 erster Auftritt in New York mit einem deutsch-englisch gemischten Programm, das nicht erfolgreich war. Nach insgesamt 1034 Vorstellungen seit 1933 löste sich die P. auf. Weitere Mitglieder waren unter anderen →Maria-Eve Kreis, Hans Sklenka, Kitty Mattern. Die Texte stammten hauptsächlich von Erika und Klaus Mann, weitere von Wolfgang Koeppen und Walter Mehring. Die antinational­sozialistischen Programme standen unter der Devise: "Immer indirekt. – Kein Name – auch nicht der unseres verdorbenen Landes – ist bei uns je gefallen. Wir wirkten in der Parabel, im Gleichnis und im Märchen."(Erika Mann) Pläne von Erika Mann in den sechziger Jahren für ein Buch und einen Film über die P. zerschlugen sich.

Literatur

  • Teubner, Hans: Exilland Schweiz, 1975.
  • Mann, Thomas: Tagebücher 1933–34, 1977, und 1935–36, 1978.
  • Mittenzwei, Werner: Exil in der Schweiz, 1978.
  • Gisel-Pfannkuch, Susanne: "Die Pfeffermühle" in der Schweiz 1933–1936. Lizenziatsarbeit der Universität Basel, 1987.
  • Keiser-Hayne, Helga: Erika Mann und ihr politisches Kabarett "Die Pfeffermühle" 1933–1937, 1995 [ausführliche Bibliografie der Sekundärliteratur].
  • Maissen, Anna Pia: Gab es in Zürich eine "Lex Pfeffermühle"? – In: Bertolt Brecht im Plakat/Therese Giehse in Zürich, herausgegeben vom Präsidialdepartement der Stadt Zürich, 1998 [Ausstellungskatalog].


Autor: Christian Jauslin



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Jauslin, Christian: Die Pfeffermühle, Zürich ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 1404–1405.