Die Schauspieltruppe Zürich, Zürich ZH

Aus Theaterlexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

Tourneebühne, Sprechtheater, 1958–91

Das unabhängige Tourneetheater wurde unter dem Namen "Die Schauspieltruppe" am 30.1.1958 von →Maria Becker, →Robert Freitag und →Will Quadflieg als Gesellschaft in Berlin gegründet. Zuvor hatten die drei unter diesem Namen bereits mit zwei Eigenproduktionen, 1956 Goethes "Torquato Tasso" (mit Becker als Leonore von Este und Quadflieg als Tasso) und 1957 dessen "Iphigenie auf Tauris" (mit Becker als Iphigenie und Quadflieg als Orest, Regie beide: Freitag) sowie einer Wiederaufnahme von "Torquato Tasso", erfolgreich Gastspielreisen unternommen (Organisation der Tourneen: Kurt Raeck, damals Direktor des Renaissance-Theaters in Berlin). Nun machten sie sich selbstständig und zeigten 1958 Molières "Der Menschenfeind" (mit Quadflieg als Alceste, Regie: Freitag). Die künstlerische Direktion übernahmen die drei Gründungsmitglieder. Die Geschäftsführung und die Organisation der Gastspielreisen lag ab 1958 bis zur Spielzeit 1974/75 bei Günther Vogt, anschliessend bei Robert Freitags Bruder →Otto Freitag. 1960 verlegte das Wandertheater seinen Sitz von Berlin nach Zürich und nannte sich nun "Die Schauspieltruppe Zürich". Während der 35 Jahre ihres Bestehens realisierte die nicht subventionierte S. 1956–91 mit ein bis zwei Produktionen pro Jahr rund fünfzig Inszenierungen, mit denen sie auf ausgedehnten Tourneen in den grösseren Städten der Schweiz sowie im Ausland (London, Paris, Brüssel, Luxemburg, Amsterdam, Düsseldorf, Köln, Hannover, Hamburg, Berlin, München, Salzburg, Wien) zahlreiche Gastspiele gab. Das Repertoire pflegte vor allem Klassiker der Bühnenliteratur, mitunter auch Dramen zeitgenössischer Autorinnen und Autoren. Meist mit Becker und Quadflieg in den Hauptrollen zeigte die S. in der Regie von Robert Freitag, der annähernd zwei Drittel aller Produktionen inszenierte und zahlreiche Dramen für die S. bearbeitete, unter anderem: 1960 Ibsens "Rosmersholm" (Entwurf der Ausstattung: Oskar Kokoschka, Ausführung: →Ary Oechslin), 1962 Kleists "Penthesilea", 1964 Molières "Don Juan" und 1966 Tschechows "Onkel Wanja" (Bühnenbild: →Toni Businger). 1965 inszenierte Boleslaw Barlog Scribes "Das Glas Wasser" (Koproduktion mit dem Schloßpark-Theater Steglitz Berlin). 1966 verliess Quadflieg die S., Becker und Freitag führten das Unternehmen weiter. In der Regie Freitags, in der Regel mit Becker und oft mit Freitag selbst in tragenden Rollen, folgten unter anderem: 1966 Williams’ "Die tätowierte Rose", 1967 →Friedrich Dürrenmatts "Die Ehe des Herrn Mississippi", 1969 erneut Goethes "Iphigenie auf Tauris" (Koproduktion mit dem Verein für Freilichtspiele Augst, im →römischen Theater in Augst), 1971 Shaws "Frau Warrens Beruf" und Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" (Koproduktion mit dem →Stadttheater Luzern, im Rahmen der Internationalen Musikfestwochen Luzern), 1974 →Wolfgang Hildesheimers "Maria Stuart", 1976 →Fritz Hochwälders "Der öffentliche Ankläger", 1980 Giraudoux’ "Undine" (Koproduktion mit dem →Stadttheater Bern, im →Theater am Käfigturm), 1986 Loleh Bellons "Zärtliche Bande" und 1989 Nestroys "Einen Jux will er sich machen". Seit 1969 führte auch Becker Regie und inszenierte, nun oft mit Freitag als Protagonisten, unter anderem 1969 →Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" und dessen "Die grosse Wut des Philipp Hotz", 1973 Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen", 1978 Shaws "Die heilige Johanna", 1986 dessen "Caesar und Cleopatra" und 1987 Claudels "Der seidene Schuh" (Bühnenfassung: S.). 1981 inszenierten Becker und Freitag gemeinsam erneut "Die Ehe des Herrn Mississippi" (anlässlich des 60. Geburtstags von Dürrenmatt), und 1982 folgte Ibsens "Peer Gynt" (Bearbeitung, Regie und Bühnenbild: Freitag, mit den beiden Söhnen von Becker und Freitag, →Benedict Freitag als jüngerem und →Oliver Tobias als älterem Peer Gynt). Als Regisseure wirkten bei der S. unter anderen →Gerhard Klingenberg, →Leopold Lindtberg, Jiří Procházka und Oliver Tobias, als Ausstatter Josef Brun, Walter Dörfler, Rudolf Heinrich, Walter von Hoesslin, Verena von Kerssenbrock, Oechslin, Theo Schweizer und →Jörg Zimmermann. Wiederholt traten unter vielen anderen Hanns Otto Ball, Benedict Freitag, Otto Freitag, Christian Ghera, →Fred Haltiner, →Franz Matter, Evelyn Palek, Maria Sebaldt, Norbert Skalden und →Georges Weiss in Inszenierungen der S. auf. Besondere Erfolge feierte sie 1961 und 1963 am Festival "Theater der Nationen" in Paris mit den Produktionen von Ibsens "Rosmersholm" und Kleists "Penthesilea" (unterstützt von der schweizerischen Botschaft in Paris und der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia) und 1969, als sie mit Dürrenmatts "Die Ehe des Herrn Mississippi", Frischs "Die grosse Wut des Philipp Hotz" und dessen "Biedermann und die Brandstifter" sowie Goethes "Iphigenie auf Tauris" eine zehnwöchige Gastspielreise durch die USA und Kanada unternahm (unterstützt von Pro Helvetia), während welcher die Vorstellungen immer ausverkauft waren und die auf ein ausserordentlich grosses Presseecho stiess. Auf Initiative der S. wurde 1973 die Interessengemeinschaft deutschsprachiger Tourneetheater gegründet, und 1980 gründeten in der Folge die Abnehmerstädte die Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (INTHEGA). Dadurch erhielt das deutschsprachige Tourneewesen ein zentrales Organ sowie ein funktionierendes Netzwerk, und Tourneetheater wurde in zahlreichen Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz als fester Bestandteil des Kulturlebens verankert. 1991 realisierte die S. als letzte Produktion Ibsens "Gespenster", in der die Theaterfamilie Becker-Freitag nochmals vereint auf der Bühne zu sehen war: Becker spielte Helene Alving, Benedict Freitag Oswald, ihren Sohn, Otto Freitag Engstrand und Robert Freitag Pastor Manders (als Becker erkrankte, sprang Sebaldt vorübergehend für sie ein). Regie führte Oliver Tobias. Nach dem Abspielen dieser Inszenierung wurde der Betrieb der S. eingestellt.

Literatur

  • Barz, Paul: Komödianten kommen in die Stadt. Tourneetheater heute: Maria Becker und die S. Sonderdruck. In: Westermanns Monatsheft 2/1973.
  • Freitag, Robert: Es wollt mir behagen mit Lachen die Wahrheit zu sagen, 1994.


Autorin: Christine Wyss



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Wyss, Christine: Die Schauspieltruppe Zürich, Zürich ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1589–1590.