Dieter Forte

Aus Theaterlexikon
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* 14.6.1935 Düsseldorf (D).

F. absolvierte eine kaufmännische Lehre und war 1960–61 am Düsseldorfer Schauspielhaus und 1962–63 beim Fernsehen des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg Regieassistent und Lektor. 1971–75 war F. Hausautor an den →Basler Theatern (Direktion: →Werner Düggelin). Sein erstes Schauspiel "Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung" wurde am 4.12.1970 an den Basler Theatern uraufgeführt (Regie: →Kosta Spaic). Im Umfeld der Studentenbewegung löste das Stück heftige Kritik aus. Evangelische Kirchenhistoriker und Bischöfe monierten die historische Unverfrorenheit und warfen F. Gotteslästerung vor. Das Stück zeigt eine Chronik der frühbürgerlichen Revolution 1514–25, wobei nicht die theologischen Aspekte im Vordergrund stehen, sondern die politisch-ökonomischen Hintergründe der Reformation. F. verfolgt den Mechanismus von Macht und Ausbeutung sowie die Legitimation von Herrschaft durch die Kirche anhand historischen Materials und verwandelt den religiösen Fanatiker Thomas Münzer in einen Sozialrevolutionär. Auch in weiteren Dramen stehen historische Figuren als anonyme Meinungsträger und Repräsentanten gesellschaftlicher Kräfte im Vordergrund. "Jean Henry Dunant oder Die Einführung der Zivilisation" (Uraufführung 1978 Staatstheater Darmstadt) umfasst in einem gross angelegten Panorama industrielle Revolution, Kolonialismus und das Börsenwesen des 19. Jahrhunderts. Eine Momentaufnahme der Restaurationszeit und der Biedermeiergesellschaft mit deutlichen Bezügen zur politischen Gegenwart bietet "Kaspar Hausers Tod" (Uraufführung 1979 Hessisches Staatstheater Wiesbaden). Das Stück "Das Labyrinth der Träume oder Wie man den Kopf vom Körper trennt" (Uraufführung 10.3.1983 Basler Theater, Regie: Friedrich Beyer) beschäftigt sich mit den Obsessionen und Wahnvorstellungen zweier Massenmörder: Peter Kürten und Adolf Hitler. F. stützt seine Faschismus-Analyse auf sozioökonomische Hintergründe und massenpsychologische Erkenntnisse. Mit dem Essay "Warum historische Stücke?"(1984) zog F. zwischen diesen drei Stücken eine Verbindungslinie und interpretierte sie als Trilogie, die den europäischen Konflikt zwischen Vernunft und Glaube von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert verfolgt. Für das 700-jährige Stadtjubiläum von Düsseldorf schrieb F. "Das endlose Leben" (Uraufführung 1991 Stadtmuseum Düsseldorf), einen weit ausgreifenden Bilderbogen über Seidenweber aus Florenz, die, als Hugenotten verfolgt, im Rheinland Zuflucht finden. Diese Familiengeschichte ist als Vorstudie für sein Romandebüt "Das Muster" (1992) zu sehen. Weitere Bühnenwerke: "Weisse Teufel" (nach John Webster, Uraufführung 11.2.1972, Basler Theater, Regie: Spaic), "Cenodoxus" (Uraufführung Salzburger Festspiele 1972, Regie: Düggelin), "Das Gespräch" (Uraufführung 10.11.1979, Keller des →Schauspielhauses Zürich, Regie: Mani Wintsch), "Der Artist im Moment seines Absturzes" (Uraufführung 1991, Staatstheater Kassel). F. ist Mitglied des PEN-Zentrums der BRD und der Schweiz.

Auszeichnungen

  • 1968 Gerhard-Grünholz-Preis für Literatur,
  • 1978 Stipendium des Landes Baden-Württemberg,
  • 1992 Basler Literaturpreis,
  • 1999 Literaturpreis der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung (Bremen) für den Roman "In der Erinnerung".

Literatur

  • Hof, Holger (Hg.): Vom Verdichten der Welt. Zum Werk von D. F., 1998.


Autorin: Brigitte Marschall



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Marschall, Brigitte: Dieter Forte, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 616–617.

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