Fastnachtspiel

Aus Theaterlexikon
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Das F. ist die im Spätmittelalter wichtigste Repräsentationsform des weltlichen Dramas im deutschsprachigen Raum. Aufgeführt wurde es zur Fastnachtszeit in städtischer Umgebung von Handwerkern und Patriziern.

Die gegenüber dem Brauchtum selbstständigen literarisch-theatralischen Formen tauchten um 1430 auf und verschwanden nach 1600 wieder. Zentren waren Nürnberg, Lübeck, Tirol und alemannische Städte.

Ein Grossteil der überlieferten Texte stammt aus Nürnberg. Formal lassen sie sich in Reihen- oder Revuespiele, Handlungsspiele und Mischformen einteilen. Gespielt wurde in Wirts- und Bürgerstuben (ab 1550 auch fester Spielort). Der Proclamator vermittelte zwischen Spielebene und Fastnachtsgeselligkeit: Er bat das Publikum um seine Aufmerksamkeit, führte es in das Spiel ein und forderte es nach der Darbietung zu Tanz und Umtrunk auf (Ein- und Ausschreien des Spiels als Rahmenteile). Die stark typisierten Figuren, allen voran der Bauernnarr, bedienten sich einer derb-sinnlichen Sprache und einer drastischen Gestik. Während sich im frühen Nürnberger F. die Sinneslust noch ungeniert artikulieren und ein frivoles Spiel mit Verhaltensvorschriften treiben konnte, beeinflusste gegen Ende des 15. Jahrhunderts die Forderung nach Affektregulierung zusehends die fastnächtlichen Theaterproduktionen. Ungezügeltes Triebleben wurde in Form "negativer Didaxe" als verlachenswerte Deformierung blossgestellt. Bei den F. des 16. Jahrhunderts dominierten Sozialdidaxe und plakatives Moralisieren, sexuelle Obszönitäten wurden vermieden.


Das F. in der Schweiz

Aufführungen von F. lassen sich erst für das zweite Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts nachweisen und unterscheiden sich wesentlich von den oben beschriebenen kurzen, schematisierten Einkehrspielen des Nürnberger Typus. Charakteristisch für schweizerische F. ist die formale und inhaltliche Heterogenität: das Nebeneinander von mittelalterlichen Spielformen und Humanistentheater, die Gleichzeitigkeit von ungehemmter Lebenslust und strenger Moraldidaxe, von Alltagswelt und komplexen politischen Problemen. Trägerschaft war das gehobene Bürgertum und das Patriziat, gespielt wurde auf öffentlichen Plätzen auf geräumigen Simultanbühnen, fallweise mit komplizierten Bühnenaufbauten. Der hohe Stellenwert des Schauspiels im Rahmen städtischer Feste und der beträchtliche Grad an Öffentlichkeit liessen das eidgenössische F. zu einem wirksamen Massenkommunikationsmittel werden, das politische, religiöse und moraldidaktische Botschaften transportierte. Die Bauernfigur wurde (vor allem in den die Reformation befürwortenden und polemisch gegen den katholischen Glauben gerichteten F.) zum schlauen und moralisch überlegenen "frumen edlen pur" umgewertet. Überhaupt spielte die sexuelle Metapher eine untergeordnete Rolle. Abgesehen von der zeitkritischen Stossrichtung sind die schweizerischen F. stofflich und motivisch eng mit den übrigen Spielen des deutschen Sprachraums verwandt. F.aufführungen sind aus Altdorf im Kanton Uri, Basel, Bern, Freiburg, Lausanne, Luzern, Winterthur und Zürich belegt. Das aus dem 14. Jahrhundert stammende "Spiel vom Streit zwischen Herbst und Mai" ist möglicherweise das älteste erhaltene Schweizer F. Es lässt sich jedoch, wie die 1434 entstandenen "Basler Fastnachtspielszenen" und "Des Entkrist Vasnacht" (Ursprungsort vermutlich Zürich 1353/54) nur schwer einordnen. Erster namentlich bekannter F.dichter war der Basler →Pamphilus Gengenbach. Seine Ständekritik "Die X alter dyser welt" (um 1515) gehörte zu den meistgespielten F. Auch mit seinen übrigen F. ("Nollhart" 1517, "Die gouchmat" 1519 oder 1521) prangerte er gesellschaftliche Missstände an. Der Berner →Niklaus Manuel formte seine F. zu Grossspektakeln im Dienst der Reformation. Sein auf den Gengenbach’schen "Todtenfressern" beruhendes F. "Vom Papst und siner Priesterschafft" (aufgeführt am 15.2.1523 in Bern) und das eine Woche später aufgeführte "Von Papsts und Christi Gegensatz" gehören zu den schärfsten Satiren gegen die Korruption der katholischen Kirche. Die noch bei Gengenbach praktizierte Revuetechnik wandelte Manuel in "Der Ablasskrämer" (1525, eine Aufführung ist nicht belegt) zu komplexer dramatischer Form. In der Nachfolge von Manuel verfasste →Hans von Rüte "Ein Fassnachtspiel den ursprung, haltung vnd Baepstlicher Abgoettereyen allenklich verglychende" (aufgeführt 1531 in Bern, gedruckt 1532 in Basel). Im Gegensatz zu den kämpferisch-polemischen F. seines Vaters wollte →Hans Rudolf Manuel mit seinem "Weinspiel" (1548) nur der "kurtzwyl" dienen. Aus Luzern stammen mehrere, zum Teil anonyme F., die der Chronist →Renward Cysat archivierte. Für die F. auf dem Weinmarkt waren dieselben "regenten" und "spilsgenossen" zuständig wie für die prestigeträchtigen →Osterspiele. Von →Zacharias Bletz stammen der "Marcolfus" (1546, mit zwei Zwischenspielen aufgeführt), "Der Wunderdoktor" (1565 oder 1567) und "Der Narrenfresser" (undatiert). Das von einem unbekannten Luzerner Autor stammende "Fassnachtspil von Astrology vnd warsagren" wurde 1560 in Freiburg gezeigt. Mittels F.aufführungen versuchte die Luzerner Obrigkeit, das wilde Fastnachtsbrauchtum in kontrollierte Bahnen zu lenken und gesellschaftspolitische Probleme in ihrem Sinn darzustellen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts vermischten sich geistliche und weltliche Spieltraditionen. Ein letztes F., das noch als entfernter Vertreter der Gattung gelten kann, ist das 1593 aufgeführte Riesenspektakel "Convivii Process", mit dem Cysat fastnächtliches Treiben als Teufelswerk denunzierte. Einen Einzelfall in der F.tradition stellt die Schwyzer →Japanesengesellschaft dar, die Mitte des 19. Jahrhunderts eine eigene, geschlossene F.reihe auf die lokale Bühne brachte.

Literatur

  • Sidler, Viktor: Wechselwirkungen zwischen Theater und Geschichte. Untersucht anhand des schweizerischen Theaters vor Beginn der Reformation, 1973.
  • Bastian, Hagen: Mummenschanz. Sinneslust und Gefühlsbeherrschung im F. des 15. Jahrhunderts, 1983.
  • Pfrunder, Peter: Pfaffen, Ketzer, Totenfresser. Fastnachtskultur der Reformationszeit – Die Berner Spiele von Niklaus Manuel, 1989.
  • Wuttke, Dieter (Hg.): F. des 15. und 16. Jahrhunderts, 1989 [überarbeitete Auflage].
  • Greco-Kaufmann, Heidy: Vor rechten lütten ist guot schimpfen. Der Luzerner Marcolfus und das Schweizer F. des 16. Jahrhunderts, 1994.


Autor: Mats Staub



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Staub, Mats: Fastnachtspiel, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 561–562.