Ferdinand Rieser

Aus Theaterlexikon
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* 18.2.1886 Riesbach ZH, † 27.6.1947 Rüschlikon ZH. ∞ 1924 Marianne Werfel (→Marianne R.), Autorin, Malerin.

R. wuchs in einer aus Deutschland nach Zürich eingewanderten jüdischen Familie auf. 1907 übernahm er den Familienbetrieb, eine Likörfabrikation und Weingrosshandlung. Er entwickelte ein leidenschaftliches Interesse für das Theater und schlug in den zehner Jahren dem Verwaltungsrat des →Stadttheaters Zürich ohne Erfolg Reformen vor. 1921 wurde das Schauspiel­ensemble des Stadttheaters entlassen und das bislang von diesem bespielte →Pfauentheater an einen privaten Untermieter vergeben. R. wurde administrativer Leiter des privat geführten →Schauspielhauses Zürich (künstlerischer Direktor: →Franz Wenzler), bereits 1922 schied R. wieder aus der Leitung aus. Er erwarb gemeinsam mit seinem Bruder, dem Juristen Siegfried R., die Mehrheit der Anteilscheine der Genossenschaft Pfauen und wurde damit Besitzer des Schauspielhauses Zürich. Als 1926 der Pachtvertrag zwischen der Theater AG und der Pfauengenossenschaft auslief und nicht verlängert wurde, fand Wenzlers Intendantenzeit ein Ende. R. trennte das Schauspielhaus mit der Gründung der Zürcher Schauspiel AG endgültig von der Theater AG und somit vom Stadttheaterbetrieb. Er veräusserte seinen Familienbetrieb und baute 1926 mit eigenen Mitteln das Schauspielhaus komplett um. 1926–38 war R. Generaldirektor des Schauspielhauses; künstlerische Direktoren waren zunächst Richard Rosenheim und →Herman Wlach, ab 1929 R. selbst. Zu R.s Ensemble gehörten →Leny Marenbach, →Theo Shall, →Traute Carlsen, →Fritz Essler, die Regisseure →Herbert Waniek und →Eugen Schulz-Breiden, nach 1933 →Wolfgang Langhoff, →Wolfgang Heinz, →Erwin Kalser, →Ernst Ginsberg, →Kurt Horwitz, →Therese Giehse und →Leonard Steckel, die Regisseure →Gustav Hartung und →Leopold Lindtberg sowie der Bühnenbildner →Teo Otto. R. legte grossen Wert auf Unabhängigkeit und finanzielle Autonomie; das Schauspielhaus erhielt damals keine Subventionen. Als konfliktbereiter Mann, "der nicht vor Rang und Namen kuschte", war er in Zürich nicht beliebt. Der reiche, zugleich heterogene Spielplan seiner Ära bewies gesellschaftskritische Positionen. Nicht erst seit 1933, als er das später gerühmte Emigrantenensemble zusammenstellte und das Schauspielhaus durch die deutschsprachigen Uraufführungen von Exilautoren seinen guten Ruf gewann (unter anderem 1933 Uraufführung von Ferdinand Bruckners "Die Rassen", 1934 Uraufführung von Ödön von Horváths "Hin und her" und deutschsprachige Erstaufführung von Friedrich Wolfs "Professor Mannheim", 1936 Uraufführung von Else Lasker-Schülers "Arthur Aronymus und seine Väter", 1937 deutschsprachige Erstaufführung von Karel Čapeks "Die weisse Krankheit"), bemühte sich R., ein für Zürich würdiges Schauspiel zu bieten, obwohl er aus finanziellen Gründen immer wieder auf Boulevardstücke zurückgreifen musste. Ab 1938 vermietete R. das Schauspielhaus an die auf Initiative des Verlegers →Emil Oprecht neu gegründete Neue Schauspiel AG (Direktor ab 1938: →Oskar Wälterlin) und emigrierte über Frankreich in die Vereinigten Staaten. Wenige Wochen nach seiner Rückkehr 1947 verunglückte R. tödlich bei einem Sturz in Rüschlikon.

Literatur

  • Exinger, Peter: Die Narretei eines Idealisten oder Schillernd, böse, grossartig. F. R. und das Schauspielhaus Zürich. Dissertation Wien, 1996.
  • Dumont, Hervé: Das Zürcher Schauspielhaus von 1921 bis 1938, 1973.


Autor: Peter Exinger



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Exinger, Peter: Ferdinand Rieser, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1495–1496.

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