Figurentheater St. Gallen, St. Gallen SG

Aus Theaterlexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

Figurentheater mit eigener Spielstätte, Eigenproduktionen für Kinder und Erwachsene und Gastspiele

Das F. wurde 1956 von →Hans Hiller unter dem Namen St. Galler Puppentheater gegründet. Seit 1959 verfügt es über eine eigene Spielstätte. Anfänglich wurde der Spielplan von bestehenden Figurentheatergruppen (aus Amateuren und/oder an Schulen) der Region, später zunehmend mit einem eigenen Ensemble aus Amateuren bestritten. Daneben fanden Gastspiele aus dem In- und Ausland statt; das F. seinerseits gastierte in der Region und auch im Ausland. Rechtsträger und Pächter des Theaters ist der Verein Figurentheater St. Gallen, der 1986 den Nachfolger Hillers, den heutigen, vollamtlich tätigen Leiter Tobias Ryser anstellte. Ryser hatte bereits seit fast zwanzig Jahren als Spieler und Regisseur am F. mitgewirkt. Als Bühnenleiter intensivierte er die Zusammenarbeit mit hauptberuflich tätigen Theaterschaffenden und öffnete das F. zu Mischformen von Figurenspiel mit Schauspiel, Musiktheater, Tanz und Objekttheater, was 2001 durch die Namensänderung zum Ausdruck gebracht wurde. Das F. finanziert sich durch Subventionen von Stadt und Kanton St. Gallen, Mitgliederbeiträge und Spieleinnahmen. Unter Hillers Leitung entstanden neunzig Inszenierungen und wurden insgesamt rund 3300 Vorstellungen gegeben. Heute produziert das F. pro Saison zwei bis drei neue Stücke, und es finden etwa 120–140 Aufführungen statt. Das Repertoire umfasst jeweils etwa acht Stücke für Kinder und ein bis zwei für Erwachsene. Ab 1960 wurde während Jahrzehnten im August und September das "Kleine Sommertheater" für Erwachsene mit jeweils einer Eigenproduktion durchgeführt. Anfangs dominierten Produktionen mit Marionetten oder Handpuppen; neben Hiller und seiner Frau Ursula Hiller-Vogt engagierten sich zunächst vor allem Magda Werder (Textbearbeitungen, Regie, Figuren und Bühnenbild, beispielsweise 1957 für Hauffs "Kalif Storch"), →Jörg Widmer (Textvorlagen, Regie, Figuren und Bühnenbild, beispielsweise 1962 für sein Stück "Der blaue Garten") und →Rudolf Stössel (Regie, Figuren und Bühnenbild). Ausserdem studierte das F. zwei Inszenierungen des 1943 geschlossenen →St. Galler Marionettentheaters neu ein (1956/57 "Heidi" und 1957/58 "Tischlein deck dich"), inszenierte Klara Fehrlin 1957 "Von dem Fischer un siner Frau" und Hiller 1965 Gozzis "König Hirsch" mit den Original-Marionetten von →Sophie Taeuber, die sie 1918 für die Marionettentheateraufführungen im Rahmen der ersten Schweizerischen Werkbund-Ausstellung in Zürich angefertigt hatte (1966 gastierte das F. mit dieser Produktion im Kunsthaus Zürich). Experimenteller Art waren Stössels stereometrische Karton-Figuren (Cabaretprogramm "Press-iflage" zum Thema Pressewesen, 1972), seine Wurzelfiguren oder sein figürlich-optisches Instrumentarium für Schattenspiele. Nachhaltige Mitarbeit leisteten ab Mitte der siebziger Jahre Katharina (auch Bühnenbilder) und Walter Raschle (auch Regie), deren Produktionen von einem poetischen Realismus geprägt waren (beispielsweise "Bozzi. Eine unglaubliche Geschichte", 1986). Anfang der achtziger Jahre wurde auch mit Stabpuppen gespielt, etwa in →Heinrich Sutermeisters Oper "Seraphine oder Die stumme Apothekerin" (1981). Als 1986 Ryser die Leitung des F. übernahm, führte er selbst in zahlreichen Produktionen Regie und lud daneben Gastregisseure ein, unter anderen →Arnim Halter, der beispielsweise "Erec und Enite" mit offen geführten Tisch- und Stockpuppen inszenierte (1988). In "Hochzeitsnacht mit Noah" (1990) und "Was isch im Chinderzimmer los?"(1994) wurden Puppenspiel und Schauspiel kombiniert. In jüngster Zeit wurden mehrere Spiele koproduziert, so "Kalif Storch" mit dem Puppentheater Störgeli aus Nassen (1997), "Die Odyssee" mit dem Theater parfin de siècle aus St. Gallen (1999), "Die Galeere am Säntis" mit dem →Fährbetrieb (2000) oder "Heidi, das Original" mit dem Theater Konstellationen aus St. Gallen (mit Unterstützung der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, 2001). Verbandsmitglied: →UNIMA Suisse.

Spielstätte

Lämmlisbrunnenstrasse 34, 9000 St. Gallen. 1959 als eingeschossiger Theaterraum mit privaten Mitteln in einem neu gebauten Hochhaus eingerichtet. Platzkapazität: zunächst 120 Plätze, 1977 Vergrösserung des Zuschauerraums auf 160 Plätze. 2001 erneute Innenrenovation, Neueröffnung 2002. Bühne: Veränderbare Podestbühne, 9 m breit, 4 m tief und 3,6 m hoch.

Literatur

  • Ryser, Tobias: Hans Hiller und das St.-Galler Puppentheater. In: Puppenspiel und Puppenspieler 1/1986.
  • Krafka, Elke: 30 Jahre Puppentheater unter Hans Hiller. In: Figura 4/2002.


Autor: Gustav Gysin



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Gysin, Gustav: Figurentheater St. Gallen, St. Gallen SG, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 588–589.