Frank Martin

Aus Theaterlexikon
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* 15.9.1890 Genf, † 21.11.1974 Naarden (NL). ∞ III. Maria Boeke, Flötistin. Vater der Tänzerin →Teresa M., Onkel der Tänzerin und Choreografin →Mariette von Meyenburg, Schwiegervater des Dirigenten →Christian Vöchting.

Seit 1906 privat Klavier- und Kompositionsunterricht bei →Jo­seph ­­Lauber in Genf. 1908–10 Universitätsstudien in Mathematik und Physik. Studienaufenthalte in Zürich, Rom und Paris. 1926 gründete M. die Société de musique de chambre de Genève, die er bis 1936 leitete. 1926–28 Studium am Institut →Jaques-Dalcroze in Genf, anschliessend dort Lehrer für Improvisation und Rhythmustheorie. 1926–36 Musikkritiker bei der Tageszeitung "Tribune de Genève". 1930–33 und 1941–46 Dozent für Kammermusik am →Conservatoire de Genève. 1933 Gründung der privaten Musikschule Technicum moderne de musique, deren künstlerischer Leiter M. bis zu deren Schliessung 1939 war. 1946 Übersiedlung nach Holland. 1950–57 Professor für Komposition an der Staatlichen Hochschule für Musik in Köln. In den zwanziger Jahren erste Bühnenkompositionen, beispielsweise die Szenenmusiken zu den Sophokles-Tragödien "Œdipe-Roi" (1922) und "Œdipe à Colone" (1923) für die →Comédie de Genève, zu Shakespeares "Roméo et Juliette" (1929) für das →Théâtre du Jorat in Mézières sowie zu Albert Rudhardts "La Nique à Satan" (1933 am →Grand Théâtre in Genf), die M. jeweils selbst dirigierte. Den kompositorischen Durchbruch schaffte M. mit dem weltlichen Oratorium "Le Vin herbé"(als Auftragskomposition von →Robert Blum und dessen Madrigalchor Zürich, Text: Auszüge aus Joseph Bédiers "Le Roman de Tristan et Iseut", szenische Uraufführung 15.8.1948 in der deutschsprachigen Fassung als "Der Zaubertrank" an den Salzburger Festspielen, Regie: Oscar Fritz Schuh, musikalische Leitung: Ferenc Fricsay). Dem Werk liegt kompositorisch ein Reihenkonzept zu Grunde. In der musikalisch-sprachlichen Ausdrucksweise greift M. bald differenzierte Textrhythmen in der Art Debussys, bald eine archaische Haltung auf. M.s szenisch-musikalisches Prinzip, der Wechsel von dramatischen und erzählend-betrachtenden Elementen, wird in den späten Oratorien "Golgotha" (nach Texten aus der Bibel und von Augustinus, Uraufführung 29.4.1949 in Genf, musikalische Leitung: →Samuel Baud-Bovy) und "Le Mystère de la nativité"weiter verfeinert (Text nach dem spätmittelalterlichen "Mystère de la passion" von Arnoul Gréban, szenische Uraufführung 15.8.1960, Salzburger Festspiele, musikalische Leitung: Heinz Wallberg, Regie: Margarete Wallmann). In M.s einziger Oper "Der Sturm" (Libretto: M. nach Shakespeare in der Übersetzung von Schlegel, Uraufführung 17.6.1956, Wiener Staatsoper, Regie: Heinz Arnold, musikalische Leitung: →Ernest Ansermet) bedient sich der Komponist sämtlicher ihm zur Verfügung stehender Ausdrucksmittel (unter anderem Atonalität, Couplets, Chorkommentare, Tanz). "Der Sturm" ist eine Literaturvertonung, in der "Musik und Theater sich nicht gegenseitig im Licht stehen, wo jedes der beiden Elemente sein eigenes Leben bewahren kann" (M.). Weitere Kompositionen für die Bühne sind: "Die blaue Blume" (Ballett, 1935, nicht orchestriert), "Das Märchen vom Aschenbrödel" (Ballett, Uraufführung 12.3.1942, →Stadttheater Basel, Choreografie: →Marie-Eve Kreis, musikalische Leitung: →Paul Sacher), "Ein Totentanz zu Basel im Jahre 1943" (Bühnenmusik und Ballett, Uraufführung 27.5.1943, auf dem Münsterplatz in Basel, Szenario: von Meyenburg), Bühnenmusik zu Racines "Athalie" (1947 in Genf) sowie die musikalische Komödie "Monsieur de Pourceaugnac" (nach Molière, Uraufführung 23.4.1963, Grand Théâtre in Genf, Regie: Jacques Charon, musikalische Leitung: Ansermet). 1942–46 war M. Präsident des Schweizerischen Tonkünstlervereins. Eine Auswahl seiner Schriften wurde veröffentlicht in "Un Compositeur médite sur son art" und "A propos de… commentaires de F. M. sur ses œvres". 1979 wurde in Lausanne die "Société F. M."gegründet.

Auszeichnungen

unter anderem

  • 1947 Komponistenpreis des Schweizerischen Tonkünstlervereins,
  • 1949 respektive 1961 Ehrendoktorate der Universitäten Genf und Lausanne,
  • 1951 Prix de Genève,
  • 1953 Grosser Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen,
  • 1959 Philadelphia Symphony Award,
  • 1965 Mozart-Medaille der Mozart-Gemeinde Wien,
  • 1969 Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland.

Literatur

  • King, Charles W.: F. M. A Bio-Bibliography, 1990.
  • Billeter, Bernhard: F. M., 1999.
  • Perroux, Alain: F. M., 2001.

Nachlass

  • Paul Sacher Stiftung, Basel.


Autor: Hanspeter Renggli



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Renggli, Hanspeter: Frank Martin, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 1190–1191.

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