Fred Schneckenburgers Puppencabaret, Zürich ZH

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Figurentheater ohne eigene Spielstätte

1947 gründete →Fred Schneckenburger die Bühne, die er grösstenteils nebenberuflich und bis 1966 ohne Subventionen betrieb. Er schuf mit seinem Amateurensemble Inszenierungen, die im In- und Ausland gezeigt wurden und durch die Verwendung unkonventionellen Materials für seine eigenwilligen Puppenkreationen dem modernen, experimentellen Puppentheater im Westeuropa der fünfziger Jahre zuzurechnen sind. In den ersten Inszenierungen der Jahre 1947 und 1948 verwendete Schneckenburger ausschliesslich Handpuppen, die zwischen vierzig und sechzig Zentimeter gross waren, und bespielte damit eine Guckkastenbühne. Ab 1951 hauptsächlich Stock- und Stabfiguren (teilweise menschengross), die er nicht als naturalistische Nachschöpfung eines menschlichen Körpers anlegte, sondern durch den häufig asymmetrischen Einsatz von Form, Farbe, Material und "objets trouvés" zu skurrilen Handlungsträgern machte. Diese Figuren wurden nicht mehr in einer Guckkastenbühne geführt, sondern von unten über einen schwarzen Paravent vor schwarzem Hintergrund. Oft hatten sie symbolische oder allegorische Bedeutung. Neben diesen Figuren auch Verwendung von Objekten, die erst im Spiel als Metapher erkannt werden konnten. Zu jeder Aufführung gehörte die Figur des Kaspers, stets geführt von der langjährigen Mitarbeiterin Luzzi Wolgensinger. Schneckenburgers abendfüllende Programme für Erwachsene waren meist in vier bis sechs Nummern aufgeteilt. Die bissig-gesellschaftskritischen, auch poetischen Texte wurden auf Band aufgezeichnet (gesprochen beispielsweise von →Ruedi Walter, →Voli Geiler, →Walter Morath, →Margrit Rainer, →Ettore Cella), ab Band ebenso die Geräusche und die Musik. lnszenierungen nach eigenen Sketchen: 1947 "Die Hexenküche" (Musik: Robby Frey), "Reeli, Seeli, Feeli" (Musik: Paul Danuser) und "Begegnungen", 1948 "Der Unentschlossene" (Musik: Hans Jürg Frei), 1951 "Die Lieblichen, eine nach der anderen" und "Die Tänzerin und die Liebe" (Musik: →Nico Kaufmann), 1952 "Was Euch gefällt – was uns gefällt", "Der Geist Europas" (Musik: Danuser), 1963 "Wir lesen Kritik" (Musik: René Brüderlin), "Das Mädchen ohne S" (Musik: Yehoshua Lak­ner) und "Der Tanz des Lebens" (Musik: Carl Heinrich Veerhoff). 1948 erster Erfolg am Internationalen Puppentheaterfestival in London, 1949 in Amsterdam. 1951 Durchbruch im Düsseldorfer Kom(m)ödchen, was in den folgenden Jahren bis 1957 zu weiteren Gastspielen in Deutschland führte. 1952 fand die Uraufführung seiner surrealen Handpantomime "Das Grün und das Gelb", die in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Bernd Alois Zimmermann entstand, grosse Anerkennung (Uraufführung 30.11.1952, Hamburg, Studioreihe des Nordwestdeutschen Rundfunks "Das neue Werk"). 1963 internationale Beachtung am International Puppet Festival in Colwyn Bay (Wales, Grossbritannien). 1964 letzte Aufführungen im Rahmen von Ausstellungen im Helmhaus Zürich und im Stadtmuseum München. Eine umfassende Retrospektive seiner Arbeit für das Puppen-Cabaret war 1991 im Münchner Stadtmuseum zu sehen, 1992 im Museum Bellerive in Zürich, 1999 im Nationalmuseum Prag.

Literatur

  • Fred Schneckenburgers Puppencabaret (1947–1966), Text von Hana Ribi, 1991 [Ausstellungskatalog Münchner Stadtmuseum, Museum Bellerive, Zürich].
  • Erweiterte Ausgabe mit Verzeichnis der Sammlung Museum Bellerive, 1992.
  • Mit Biografien der wichtigsten Mitarbeiter ergänzte Ausgabe, Nationalmuseum Prag, 1999.

Nachlass

  • Figuren, Texte, Tonbänder, Fotomaterial, Partituren im Museum Bellerive, Zürich.


Autorin: Hana Ribi



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Ribi, Hana: Fred Schneckenburgers Puppencabaret, Zürich ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 627–628.