Hans Kaufmann

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* 26.11.1876 Berlin (D), † 17.7.1957 Detmold (D). ∞ II. Theresa L. E. Staadt, unter dem Namen Theamaria Lenz als Schauspielerin und Rezitatorin tätig.

K. besuchte 1885–96 das (humanistische) Französische Gymnasium in Berlin. Er studierte 1896–1900 in München, Halle, Freiburg im Breisgau, Berlin und Heidelberg Jura (Abschluss mit Promotion). K., der sich schon während des vom Vater auferlegten Pflichtstudiums mit Literatur- und Musikgeschichte befasst hatte, schlug nunmehr die Theaterlaufbahn ein, absolvierte Praktika bei Otto Brahm in Berlin und André Antoine in Paris und war als Schauspieler und Regisseur an mittleren deutschen Bühnen beschäftigt. Erlebte er damals aus nächster Nähe den Durchbruch des Naturalismus, so machte ihn die erste feste Anstellung an den Schiller-Theatern in Berlin (1904–11) mit der Volksbühnenbewegung bekannt. K., damals noch in der doppelten Funktion eines Dramaturgen und Regisseurs, redigierte die Zeitschrift "Die Volksunterhaltung" und inszenierte unter anderem Stücke von Sudermann und Tolstoi; 1907 wurde unter seiner Regie das Drama des Schauspielers Rudolf Rittner "Narrenglanz – ein Spielmannsdrama in vier Akten" uraufgeführt. 1912–20 war K. Oberregisseur am Deutschen Opernhaus in Charlottenburg (heute Berlin). Er inszenierte dort rund dreissig Werke meist leichten bis mittleren Zuschnitts von Lortzing, Humperdinck, Smetana, Suppé, Johann Strauß und anderen, aber auch Verdis "La Traviata" und Mozarts "Die Entführung aus dem Serail". Im Ganzen war K., der als Eklektiker über eine Vielfalt von Möglichkeiten gebot, ein überaus erfolgreicher, fast stets ausverkaufte Häuser erzielender Spielleiter. 1920–25 hatte K. die Intendanz des Braunschweigischen Landestheaters und der Kammerspiele im Schloss in Braunschweig inne. Die "Kunstbühne ersten Ranges" (so K. über sein Ziel) sollte aus dem Leben schöpfen; sie sollte nicht nur die ästhetischen, sondern auch die geistigen Entwicklungen und die sozialen Fragen der Zeit spiegeln. Unter seiner Intendanz waren die Klassiker Pflichtpensum; die naturalistische Trias Hauptmann, Ibsen, Strindberg und die zeitgenössischen Expressionisten (→Georg Kaiser, Hasenclever, →Frank Wedekind) fanden vor allem in den Kammerspielen intensive Pflege. In der Oper erstreckte sich das Repertoire von Mozart bis Franz Schreker und Richard Strauss; an Uraufführungen brachte Braunschweig unter anderem 1921 Rudolf Hartungs "Johannisfest". Das Schauspiel hob ab 1921 jährlich zwei neue Stücke aus der Taufe, beispielsweise von Paul Gurk, Walter von Molo, Max Mohr, Wilhelm Speyer. Herausragend waren die Bearbeitung von Ben Jonsons "Volpone" sowie Klabunds "Der Kreidekreis", die beide auch während K.s folgender Intendanz am →Stadttheater Bern gespielt wurden. K. führte in Braunschweig, wo ihm auch die geschäftliche Leitung unterstand, nur gelegentlich Regie. Am Stadttheater Bern hingegen war er während seiner Amtszeit 1925–31 als Direktor und Oberspielleiter nur für das künstlerische Ressort verantwortlich, was nicht ausschloss, dass finanzielle Probleme die Arbeit behinderten. Die Musiktheateraufführungen (Oper und Operette) stellten – wie im deutschsprachigen Raum üblich – etwa sechzig Prozent des Repertoires, das Sprechtheater vierzig Prozent. Im Bereich der Oper konnte K. an den Braunschweiger Spielplan anknüpfen, Mozart, Verdi, →Richard Wagner blieben die Hauptsäulen, ergänzt beispielsweise durch Strawinsky, →Paul Hindemith und →Othmar Schoeck. Das Schauspiel wurde ebenfalls mit Novitäten bedacht; K. verschob den Schwerpunkt des Sprechtheaters, der bisher bei klassischen Dramen und Unterhaltungsstücken gelegen hatte, zu moderner Dramatik und erhöhte die Anzahl der gespielten Dramen, beispielsweise durch die Eröffnung der "Kammerspiele", die jedoch wenig Anklang fanden. Er nahm sich auch der zeitgenössischen Dramatiker der Schweiz an. Für die Uraufführung gewann er Friedrich Donauers "Das Münster" (5.11.1925, Regie: K.), →Jakob Bührers parabelartige Tragikomödie "Die Pfahlbauer" (20.3.1929, Regie: Carl Weiss), →Werner Johannes Guggenheims "Die fünf Verehrer" (5.3.1930, Regie: K.) und →Werner Rudolf Beers "Abenteuer auf Grönland" (17.1.1931). Ferner brachte er Werke von →Cäsar von Arx, →Robert Faesi und anderen. K. war dafür bekannt, dass er gute junge Kräfte ausfindig zu machen wusste; unter den Talenten, denen er das erste Engagement verschaffte, ragt insbesondere →Käthe Gold hervor. Von ihm engagierte Mitglieder wie →Walter Furrer, Ludwig Hollitzer, →Gerty Wiessner und →Erich Frohwein blieben dem Stadttheater jahrzehntelang treu. Ab August 1932 war K. am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg als Verwaltungsdirektor engagiert; im Sommer 1933 erzwang das nationalsozialistische Regime wegen seiner jüdischen Herkunft seine Entlassung. Er blieb in Deutschland; er überlebte die Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt (1942–45). Eine letzte Intendanz am Landestheater in Detmold fand ein rasches Ende (1945/46). K. war ein versierter, experimentierfreudiger Theatermann, der aufgriff, was die an Dramen und Regiestilen fruchtbare Zeit hervorbrachte. Vom Naturalismus der Jahrhundertwende geprägt, lehnte er auch den späteren Antiillusionismus nicht ab.

Literatur

  • Nef, Albert: Fünfzig Jahre Berner Theater, 1956.
  • Meyer zu Heringdorf, Detlef: Das Charlottenburger Opernhaus von 1912 bis 1961, 1988.
  • Fuhrmann, Manfred: Aus der Bahn geworfen. Die Stationen des jüdischen Theatermannes Dr. Hans Kaufmann, 2003.


Autor: Manfred Fuhrmann



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Fuhrmann, Manfred: Hans Kaufmann, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 969–670.

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