Heidi-Bühne, Bern BE

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Tourneetheater, Sprechtheater in Dialekt

1936 gründete der Schauspieler →Josef Berger die insgesamt vierzehn Personen beschäftigende "Kinder- und Märchenbühne Bern", die mit seiner Dramatisierung von Johanna Spyris Kinderbuch "Heidi" am 3.10.1936 im →Stadttheater Bern debütierte. Durch dieses professionelle Mundarttourneetheater sollten Jugendliche aus Stadt und Land am Bildungsmedium Theater Gefallen finden. Mit 372 "Heidi"- und 147 "Theresli"-Aufführungen (das zweite Stück nach Elisabeth Müllers Jugendbuch) verliefen die ersten beiden Spielzeiten höchst erfolgreich und begründeten den Ruf des fortan H. genannten Unternehmens, das für pädagogisch wertvolles, veristisches Theater stand. Die Spielzeiten dauerten in der Regel von September bis Mai. Ein Zürcher Plakat zur dritten Produktion vom März 1939 verdeutlicht, inwiefern die H. den Zeitgeist traf. "Kniri Seppli"– ein Stück Bergers, das den Freiheitskampf der Nidwaldner 1798 thematisiert – wurde als "Belehrung und Erbauung im Sinn der geistigen Landesverteidigung" angekündigt, und es ist nicht verwunderlich, dass Bundesrat Philipp Etter der H. zur selben Zeit "ihrer historisch-schweizerischen Sujets wegen nationale Bedeutung" zuerkannte. Die vierte Spielzeit 1939/40 wurde wegen der Militärdienstpflicht von Schauspielern sowie unvorhersehbaren Truppeneinquartierungen in vielen Spielstätten zur Bewährungsprobe. Ab 1940 gab die H. neben den Nachmittagsvorstellungen für Kinder und Jugendliche abends auch ein Stück für Erwachsene. Mit "Knörri und Wunderli" von →Otto von Greyerz, "Wie me’s trybt, so het me’s" (nach →Jeremias Gotthelfs "Die Käserei in der Vehfreude") und später mit Dramen von →Alfred Fankhauser kam der H. auch im Volkstheater Vorbildfunktion zu. Während des Zweiten Weltkriegs spielte die Bühne die Erwachsenenstücke, aber auch "Heidi" und "Frau Holle" vor Truppenverbänden. In den fünfziger Jahren konsolidierte sich der Theaterbetrieb dank regelmässiger Engagements durch Schulen, Firmen und Vereine weiter. In den sechziger Jahren ging das Publikumsinteresse zurück. Trotz der Protektion und finanziellen Unterstützung durch das Eidgenössische Departement des Innern, die Kulturstiftung Pro Helvetia sowie Stadt und Kanton Bern verlief die Spielzeit 1967/68 katastrophal. Der Tod des Prinzipals Berger, von dessen künstlerischer und organisatorischer Tüchtigkeit das Unternehmen gelebt hatte, verhinderte die geplante Neuorientierung. Die H. kann auf eine erfolgreiche Bilanz zurückblicken: 1936–68 gab das Wandertheaterunternehmen in der Deutschschweiz über 5000 Aufführungen von siebzehn berndeutschen Repertoirestücken für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. →Oskar Eberle bezeichnete die H. als erstes Schweizer Berufstheater volkstümlicher Ausrichtung, das "wie die Migros Brot, Nudeln und Würste, einfaches, bekömmliches und wohlbereitetes Theater vor die Haustür" bringe (Schweizer Theater-Almanach 10/1953). Eine literarische Schilderung des Tourneebetriebs beinhaltet die Autobiografie von →Guido Bachmann, der 1950 die Titelrolle in "Christeli" spielte. Bergers druckfertiges Typoskript "Von Dorf zu Dorf: Mit der Heidibühne kreuz und quer durchs Schweizerland" findet sich in seinem Nachlass.

Literatur

  • Schwyzerlüt 1/1955 [Jubiläumsnummer zur 20. Spilzyt 1955/56]. Bachmann, Guido: Lebenslänglich, 1997.

Archiv

  • Schweizerische Theatersammlung, Bern.


Autor: Stefan Hulfeld



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Hulfeld, Stefan: Heidi-Bühne, Bern BE, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 814, mit Abbildung auf S. 814.