Hermann Scherchen

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* 21.6.1891 Berlin-Schöneberg (D), † 12.6.1966 Florenz (I). Vater der Komponistin Tona S.-Hsiao. ∞ III. 1927 Gerda Müller, Schauspielerin.

Weit gehend Autodidakt. 1906–10 Bratschist unter anderem im Berliner Blüthner-Orchester und bei den Berliner Philharmonikern. 1912 debütierte S. als Dirigent im Rahmen der Uraufführungstournee von Schönbergs "Pierrot lunaire". Im Sommer 1914 war er zweiter Kapellmeister in Dubbeln bei Riga, wurde aber bei Kriegsbeginn als Zivilgefangener in Russland interniert. Dort Kompositions- und Dirigiertätigkeit. Nach dem Krieg gründete er in Berlin 1918 das S.-Quartett, 1919 die Neue Musikgesellschaft und 1920 die Musikzeitschrift "Melos". 1920/21 Lektor an der Staatlichen Hochschule für Musik in Berlin. 1920–22 Dirigent des Grotrian-Steinweg-Orchesters in Leipzig und Leiter von Arbeiterchören. Seit der Gründung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik 1923 war S. vor und nach dem Zweiten Weltkrieg bei deren jährlich stattfindenden Musikfesten aktiv. Er leitete ausserdem die Sinfoniekonzerte der Museumsgesellschaft in Frankfurt am Main (1922–24) und des Leipziger Konzertvereins (1925–28). 1928–31 musikalischer Oberleiter des Ostmarken-Rundfunks in Königsberg, ab 1929 Generalmusikdirektor. Daneben bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs internationale Gastdirigate, Dirigierkurse und Arbeitstagungen (unter anderem in Palästina sowie mehrfach in Moskau und Leningrad). S. gründete ausserdem diverse Orchester und Zeitschriften, die alle den Namen "Musica Viva" trugen und sich mit zeitgenössischer Musik auseinander setzten, sowie die Musikverlage Ars Viva (1935 in Brüssel und 1950 in Zürich). 1933 emigrierte S. in die Schweiz, wo er mit Unterbrechungen bis zu seinem Tod lebte (zunächst in Riva San Vitale im Tessin, 1936–46 in Neuenburg, bis 1953 in Zürich und danach in Gravesano im Tessin). Bereits 1923 war S. vom Musikkollegium Winterthur als ständiger Gastdirigent des Stadtorchesters Winterthur verpflichtet worden. Während S.s Wirken und durch die finanzielle Unterstützung des Mäzens Werner Reinhart wurde Winterthur ein wichtiges Zentrum der Neuen Musik. Neben zahlreichen Uraufführungen brachte S. bis 1950 vor allem neue sowie unbekannte ältere Werke von rund fünfzig Schweizer Komponisten zur Aufführung. Seine Interpretationen von Werken der Moderne (zweite Wiener Schule, Busoni, Strawinsky, Dallapiccola) galten als modellhaft. S. dirigierte auch an Schweizer Bühnen, so leitete er 1924 am →Schauspielhaus ZürichCharles Ferdinand Ramuz/Strawinskys "L’→Histoire du Soldat"in der deutschen Fassung von →Hans Reinhart sowie 1934 am →Grand Théâtre in Genf die Uraufführung der zweiten Fassung von Cocteau/Milhauds "Le Pauvre matelot" und erneut "L’Histoire du Soldat" mit Cocteau als Vorleser. 1941–44 leitete er eine Dirigentenklasse am →Konservatorium für Musik Bern. 1945 wurde er trotz Widerstand verschiedener Schweizer Musikverbände musikalischer Oberleiter von Radio Beromünster und Chefdirigent des Studio-Orchesters Beromünster in Zürich. Auf Grund seines kompromisslosen avantgardistischen Kunstverständnisses und seiner politischen Haltung erwuchs ihm in der Schweiz viel Opposition. Nachdem er 1950 in Prag dirigiert hatte, wurde er im gleichen Jahr wegen kommunistischen Tendenzen aus den Verträgen mit der Schweizerischen Rundspruchgesellschaft und dem Musikkollegium Winterthur entlassen. Erst 1965 dirigierte er wieder in der Schweiz. Nach dem Krieg hatte S. seine internationale Konzert- und Lehrtätigkeit wieder aufgenommen und wandte sich nun vermehrt im Ausland der neuen Oper zu (Uraufführungen von Dallapiccolas "Il prigioniero" 1950 in Florenz, →Bertolt Brecht/Paul Dessaus "Das Verhör des Luculls" 1951 an der Deutschen Staatsoper Berlin sowie von einer gekürzten ersten Fassung von Henzes "König Hirsch" 1956 an der Städtischen Oper Berlin). Ausserdem war S. Mitverfasser des Librettos zu der von ihm angeregten Oper "Simplicius Simplicissimus" von Karl Amadeus Hartmann (szenische Uraufführung 20.10.1949, Köln). Vereinzelt führte er Regie, beispielsweise 1962 bei Mozarts "Idomeneo" am Teatro San Carlo in Neapel. An seinem letzten Wohnort Gravesano gründete er unter dem Patronat der UNESCO ein elektroakustisches Tonstudio zur Erforschung der Schallplatten-, Radio- und Fernsehtechnik und gab 1955–66 die "Gravesaner Blätter – Eine Vierteljahresschrift für musikalische, elektroakustische und schallwissenschaftliche Grenzprobleme" heraus. In Gravesano wurden auch Kongresse abgehalten, an denen sich unter anderem Boulez, Dallapiccola, Nono, Henze und Milhaud trafen. S.s letztes festes Engagement war 1959–60 die Leitung der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford. S. war einer der vielseitigsten Musiker und Wegbereiter der Moderne. In der Schweiz wurde er zu einem wichtigen Mentor und Förderer emigrierter Musiker aus Deutschland. Er verfasste mehrere Schriften, unter anderem "Lehrbuch des Dirigierens" (1929), "Vom Wesen der Musik" (1946) und "Musik für Jedermann" (1950). 1986 wurde in Dornach der H.-S.-Verein gegründet, der Tondokumente von S. sammelt und herausgibt.

Auszeichnungen

  • Ehrendoktorate der Universitäten Königsberg (1930) und Santiago de Chile (1948),
  • 1957 Kritikerpreis des Verbands der deutschen Kritiker,
  • 1961 Ehrenmitgliedschaft der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik.

Literatur

  • H. S. 1891–1966. Phonographie, herausgegeben vom Deutschen Rundfunkarchiv, 1991.
  • Pauli, Hansjörg: H. S., 1993.

Nachlass

  • Akademie der Künste, Berlin.


Autorin: Ingrid Bigler-Marschall



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Bigler-Marschall, Ingrid: Hermann Scherchen, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1599–1600.

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