Innerstadtbühne Aarau, Aarau AG

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Kleintheater, Gastspiele und Eigenproduktionen, Sprechtheater

Die I. (auch abgekürzt "IBA") wurde 1965 auf Initiative von einigen Mitgliedern der Theater­gemeinde Aarau, Trägerin des Gastspielprogramms im Saalbau Aarau, als Kellertheater an der Rat­hausgasse 18 gegründet. Die I. verfolgte mehrere Ziele: Sie wollte Eigenproduktionen mit professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern aufführen, Gastspiele von anderen Kleintheatern sowie Künstlerinnen und Künstlern zeigen und den Raum für Aufführungen von Amateuren und Jugendlichen zur Verfügung stellen. Die Theatergemeinde fungierte als Betreiberin. Sie gewährte eine Defizitgarantie und setzte einen "Ausschuss" zur Betriebsführung ein, in dem →Anton Krättli als künstlerischer Leiter wirkte. Die Beteiligten der Eigenproduktionen wurden im Stückvertrag verpflichtet. Eröffnet wurde die I. am 9.10.1965 mit zwei Eigenproduktionen: Johannes Elias Schlegels "Die stumme Schönheit" und Wilders "Liebe – wie man sie heilt" mit Absolventen des →Bühnenstudios Zürich in der Regie von →Klaus Steiger. In der Folge zeigte die I. bis 1974 jährlich drei bis vier Eigenproduktionen, dabei setzte Krättli auf ein breites Spektrum von Dramen und Autoren. Gezeigt wurden sowohl Komödien wie auch avantgardistische oder aktuelle gesellschaftskritische Stücke, unter anderem 1966 Saunders’ "Ein Eremit wird entdeckt" (Regie: →Peter Oehme) und Osbornes "Blick zurück im Zorn", 1967 Félicien Marceaus "Das Ei", 1968 Shaws "Ländliche Werbung" und ein Abend mit drei Einaktern von →Friedrich Dürrenmatt unter dem Titel "Kurse für Zeitgenossen", 1969 Charles Dyers "Die Rassel" sowie Tschechows Einakter "Der Heiratsantrag" und "Der Bär", 1970 Albees "Zoogeschichte" und Saunders’ "Nachbarn", 1971 Audibertis "Quoat-Quoat", 1972 →Heinrich Henkels "Eisenwichser" (Regie: →Jean Grädel, Koproduktion mit der →Claque Baden), 1973 die Uraufführung von →Peter Schweigers "Beiläufige Veränderung" nach Justinus Kerner (Regie: Schweiger), Pinters "Die Kollektion" zusammen mit Mrożeks "Striptease" sowie die deutschsprachige Erstaufführung von Athol Fugards "The Blood Knot" (Regie: →Ingold Wildenauer). Neben den Eigenproduktionen wurden Gastspiele von Kleintheatern (etwa des →Kleintheaters Kramgasse 6 Bern, der Claque Baden, des →Studios am Montag in Bern, des Prager ­Theaters Viola) und Puppentheatern (etwa von →Peter W. Loosli), literarische und musikalische Abende sowie Programme von Kabarettisten und Mimen (etwa von →Franz Hohler, →Kaspar Fischer) gezeigt. Gespielt wurde insgesamt an sechzig bis achtzig Abenden pro Jahr. Da die räumlichen und technischen Bedingungen an der Rathausgasse nicht optimal waren (so konnte beispielsweise der Zuschauerraum wegen der engen Raumverhältnisse nur über die Bühne betreten werden), bemühten sich die Verantwortlichen der I. schon seit Ende der sechziger Jahre um eine neue Spielstätte. 1974 konnte die I. – zusammen mit dem neu gegründeten Aarauer Jugendhaus – in das Haus zur Tuchlaube an der Metzgergasse 18 einziehen. Mit dem Umzug erhielt die I. auch eine neue Struktur: Sie löste sich aus dem Protektorat der Theatergemeinde und konstituierte sich als selbstständige juristische Person in der Rechtsform eines Vereins. Neuer künstlerischer Leiter wurde Schweiger. Erstmals wurde ein kleines Ensemble fest engagiert, das nach einem neu eingeführten Mitbestimmungsmodell wirkte (unter anderem Marianne Burg, Luciano Simioni, →Hans Suter, →Janet Haufler, Beatrix Köhler, →Michael Maassen und Lilo Zinder). Weitere Beteiligte wurden produktionsbezogen verpflichtet. Der Spielplan war auf zeitgenössisches Theater ausgerichtet; häufig versuchte die I. eine Synthese zwischen spielerischer Unterhaltung und sozialkritischer Aussage, teilweise unter Berücksichtigung regionaler Themen. Zusammen mit der Claque Baden und den Kleintheatern Kellertheater Bremgarten und Kleine Bühne Zofingen gehörte die I. zur Gruppe der aargauischen Kleinheater, die gegenseitig ihre Produktionen austauschten und koproduzierten. Solche Koproduktionen waren beispielsweise: 1974 Johann Christoph Pepusch/John Gays Opernparodie "Die Bettleroper" (Regie: →Daniel Fueter), 1975 Alonso Alegrias "Die Überquerung des Niagarafalls", 1977 Kotzebues "Die deutschen Kleinstädter", 1978 die Uraufführung von →Kurt Hutterlis "Das Matterköpfen" (Regie jeweils: Schweiger) und 1979 Shakespeares "König Lear" (Regie: →Paul Weibel). Eigenproduktionen der I. waren unter anderem: 1975 Wolfgang Deichsels "Frankenstein – Aus dem Leben der Angestellten" (Regie: Verena Strasser), 1976 Handkes "Das Mündel will Vormund sein" (Regie: Maassen) und die Uraufführung von →Klaus Merz’ "Zschokke-Kalender", 1977 drei Stücke von H. C. Artmann unter dem Titel "Der karierte Charmeur" (Regie jeweils: Schweiger), Sartres "Geschlossene Gesellschaft" und Synges "Die Kesselflickerhochzeit", 1978 Sternheims "Die Hose", 1979 die Schweizer Erstaufführung von Karl Otto Mühls "Wanderlust" und Dario Fo/Franca Rames "Nur Kinder, Küche, Kirche". Ausserdem wurden weiterhin Gastspiele gezeigt, unter anderem von Klein­theatern und Gruppen, Mimen und Kabarettisten sowie Kinder- und Puppentheaterproduktionen. Daneben betätigten sich die Mitglieder der I. im Bereich des Jugend- und Schultheaters. Finanziell unterstützt wurde sie unter anderem durch Beiträge des 1969 gegründeten Gönnervereins, der Stadt Aarau, des Aargauer "Kuratoriums zur Förderung des kulturellen Lebens", der Kulturstiftung Pro Argovia und verschiedener Gemeinden. Da die Unterstützungsbeiträge aber – zusammen mit den Einnahmen – nicht ausreichten, um die I. auf eine solide Basis zu stellen, vergrösserte sich das Defizit zusehends. Zusätzlich wurde die I. mit Vorwürfen konfrontiert, der Spielplan sei zu wenig auf die Bedürfnisse des Publikums ausgerichtet. Die I. geriet je länger je mehr unter Druck, der 1978 zum Ausscheiden von Schweiger führte. Auch danach verbesserte sich die Situation nicht. Auseinandersetzungen mit dem Vorstand des Trägervereins und den städtischen Behörden über strukturelle und inhaltliche Fragen gipfelten in der kollektiven Kündigung des Ensembles auf Ende der Spielzeit 1979/80. In Kooperation mit verschiedenen aargauischen Kleintheatern wurde für die Spielzeit 1980/81 ein Gastspielprogramm zusammengestellt und der Aufbau eines neuen Ensembles geplant. Doch mit dem negativen Ausgang der Volksabstimmung vom 30.11.1980, in der die städtische Bevölkerung einen höheren jährlichen Betrag für die I. verwarf, war das Ende der I. besiegelt. Unter dem Namen →Theater Tuchlaube wurde das Theater später mit einer neuen Trägerschaft als Gastspielbetrieb weitergeführt. Der erste Spielort an der Rathausgasse wurde Ende der neunziger Jahre unter dem Namen I. wieder als Theaterraum genutzt.

Spielstätte

1965–74: Rathausgasse 18, 5000 Aarau. 1965 Umbau des Kellers zum Theaterraum. Platzkapazität: 108 Plätze. 1974–81: Haus zur Tuchlaube, Metzgergasse 18, 5000 Aarau. Guckkastenbühne. Platzkapazität: 162 Plätze. Portal: 6 m breit, 2,8 m hoch. Bühne: 8 m breit, 3 m hoch, 4,5 m tief.

Literatur

  • Kleintheaterarbeit. 10 Jahre I. Zur Situation des Kleintheaters in der Schweiz. Die aargauischen Kleintheater, 1975 [mit Dokumentation].
  • Arnold, Peter: Auf den Spuren des "anderen" Theaters, 1987.


Autor/Autorin: Peter Arnold/Tanja Stenzl



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Arnold, Peter/Stenzl, Tanja: Innerstadtbühne Aarau, Aarau AG, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 903–904.