Jakob Bührer

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* 8.11.1882 Zürich, † 22.11.1975 Locarno TI. ∞ II. Elisabeth Thommen, Journalistin, Frauenrechtlerin.

Kaufmännische Lehre in Schaffhausen, ab 1902 autodidaktische Weiterbildung als freier Hörer an der Universität Zürich und an einer privaten Journalistenschule in Berlin. 1904–17 Redaktor bei kleineren Zeitungen in Wädenswil, Münsingen und Bern. 1912 an der Gründung des →SSV beteiligt. Debüt als Erzähler 1910 mit "Kleine Skizzen von kleinen Leuten", als Dramatiker mit dem Einakter "Landrat Broller" (1912 erschienen in der Zeitschrift "Die Alpen"). Im gleichen Jahr veröffentlichte B. die viel beachtete Artikelfolge "Die schweizerische Theaterfrage und ein Vorschlag zu ihrer Lösung", in der er die Einrichtung eines schweizerischen Theaters zur Förderung der einheimischen Dramatik forderte. An der Schweizerischen Landesausstellung 1914 in Bern wurde seine einaktige Satire "Die Nase" von einer Laiengruppe uraufgeführt (weitere Aufführungen auch am →Stadttheater Basel). Ermuntert durch den Erfolg verfasste B. weitere Einakter, die gesammelt 1925 unter dem Titel "Das Volk der Hirten" erschienen; die satirischen Szenen zählen zu den Gründungstexten des schweizerischen Kabaretts. Ab 1914 bemühte sich B. um eine eigene Theatergruppe, 1917 entstand das "Jakob Bührer-Ensemble", das 1918/19 in →Freie Bühne Zürich, Zürich ZH umbenannt wurde. Mit dem Laienensemble erfolgten die Uraufführungen von "Didel oder Dudel?"(26.9.1918), "Marignano" (8.10.1918, beide im →Pfauentheater Zürich), "Zöllner und Sünder" (26.9.1921, →Corso-Theater, Zürich ZH) und "’s Paradysli" (1.10.1923, im →Schauspielhaus Zürich, Zürich ZH). 1923 trennte sich B. von der Freien Bühne und wurde Rezensent der Basler "National-Zeitung" in Zürich. Mit der Uraufführung von "Ein neues Tellenspiel" am Schauspielhaus Zürich (22.9.1923, Regie: B.) gelang ihm der Sprung auf die Berufsbühnen. Von einem Teil der Presse als "Bolschewiki-Tell" scharf abgelehnt, wurde das Stück am →Stadttheater Bern, Bern BE (1924) und am Stadttheater Basel als Gastspiel des →Quodlibet, Basel BS nachgespielt (1925). Es folgten die Komödie "Der Kaufmann von Zürich" (Uraufführung 27.11.1929, →Stadttheater St. Gallen, St. Gallen SG) und "Annemargret", eine Dramatisierung seines Romans "Sturm über Stifflis" (Uraufführung 30.4.1936, Stadttheater Basel, Regie: →Werner Wolff). Nach einer Anstellung als Werbechef des Kurorts Davos 1925–26, einer Amerikareise und der Arbeit als Korrespondent in England liess sich B. 1930 in Feldmeilen nieder. 1932 trat B. der sozialdemokratischen Partei bei; fortan wurde er von der bürgerlichen Presse boykottiert. 1936 übersiedelte er nach Verscio, arbeitete als Lektor für die Büchergilde Gutenberg und schrieb für sozialdemokratische und gewerkschaftliche Zeitungen. Sein künstlerisch wertvollstes Drama "Galileo Galilei" gelangte 1938 in Moskau zur Uraufführung und war in der Schweiz erstmals am 29.1.1942 am Stadttheater Bern zu sehen (Regie: →Eugen Keller, Titelrolle: →Adolph Spalinger). B. war ein Hörspielautor der ersten Stunde. Bemerkenswert ist seine dreizehnteilige Hörbilderfolge "Der Radio spricht" (1929) als Versuch, Originalton-Dokumente mit gesprochenen Szenen zu montieren; insgesamt schuf er über zwanzig Hörspiele für Radio Beromünster. Zu B.s umfangreichem Werk, das der Arbeiterliteratur zugerechnet wird, zählen bedeutende erzählerische Texte, so die Romane "Aus Konrad Sulzers Tagebuch" (1917), "Sturm über Stifflis" (1934) und "Das letzte Wort" (1935). Die Roman-Trilogie "Im Roten Feld" (1938–51) gilt als sein Hauptwerk. Weitere Bühnenwerke für das Berufstheater: "Die Pfahlbauer" (Uraufführung 20.3.1929, Stadttheater Bern, Regie: Carl Weiss); "Pioniere" (18.1.1940, Schauspielhaus Zürich, Regie: →Leopold Lindtberg); "Perikles" (28.2.1945, Stadttheater Bern, Regie: →Werner Kraut); "Judas Ischariot" (8.11.1946, Stadttheater Bern, Regie: →Hans Lietzau); "Der Mann im Sumpf" (12.2.1947, Stadttheater St. Gallen, Regie: →Johannes Steiner); "Die drei Gesichte des Dschingis Khan" (27.10.1951, →Städtebundtheater Biel-Solothurn, Regie: →Johannes von Spallart); "Gotthard" (15.10.1952, Stadttheater St. Gallen, Regie: Kurt Weibel). B. verfasste auch zahlreiche ernste und heitere Stücke für das →Arbeiter- und Volkstheater, darunter: "De Foxli" (12.1.1929, Freie Bühne im Volkshaus Zürich); "Kein anderer Weg?"(1.5.1933, Volksbühne Zürich im Volkshaus Zürich, Regie: Michael Edward Flürscheim); "Der Zahltag" (1934); "In der Schwebebahn" (1935); "Franke blibt Franke" (9.10.1936, Corso-Theater Zürich); "Nationalrat Stöcklis Traum und Wende" (16.11.1942, Freie Bühne Zürich im Schauspielhaus Zürich, Regie: →Sigfrit Steiner); "Ans andre Ufer" (1942); "Die rote Mimmi" (1946); "De Füfer und ’s Weggli" (1946); "Der dritte Weltkrieg wird nicht abgehalten" (1960). Diverse Ämter innerhalb des SSV, 1928–31 Präsident der →GSD.

Auszeichnungen

  • mehrere Ehrengaben des Bundes, der Schweizerischen Schillerstiftung, der Städte und Kantone Schaffhausen und Zürich,
  • 1957 Georg-Fischer-Preis Schaffhausen.

Literatur

  • Zeller, Dieter (Hg.): J. B. zu Ehren, 1975.
  • Marti, Erwin: Aufbruch. Sozialistische und Arbeiterliteratur in der Schweiz, 1977.
  • J. B. (1882–1975): Ausstellung zum 100. Geburtstag des Schriftstellers [Katalog, 1982].
  • Niederer, Ulrich: Geschichte des Schweizerischen Schriftsteller-Verbandes: Kulturpolitik und individuelle Förderung. J. B. als Beispiel, 1994.
  • Amstutz, Hans/Käser-Leisibach, Ursula/Stern, Martin: Schweizertheater, 2000.

Nachlass

  • Schweizerisches Literaturarchiv, Bern.


Autor: Werner Wüthrich



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Wüthrich, Werner: Jakob Bührer, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 297–298.

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