Kaserne Basel, Basel BS

Aus Theaterlexikon
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Gastspielbetrieb

Nachdem die Schweizer Armee 1966 aus der Basler Kaserne ausgezogen war, vermietete die Stadt Basel als Eigentümerin die Räume zunächst an Firmen. Die seit 1974 bestehende Interessengemeinschaft Kasernenareal (IKA) setzte sich für eine kulturelle Nutzung des Areals ein, erhielt von der Regierung im Lauf der folgenden Jahre immer mehr Fläche und Räume der ehemaligen Kaserne gegen Miete überlassen, die sie ihrerseits an ihre Mitglieder weitervermietete. 1980 schloss sich der neu entstandene Verein Kulturwerkstatt Kaserne der IKA an. Er ging unter anderem aus jungen Theaterschaffenden des zunächst noch zu den →Basler Theatern gehörigen Basler Jugendtheaters (heute →Junges Theater Basel) sowie Vertreterinnen und Vertretern des Quartiers hervor, die 1978 das Projekt "Kulturwerkstatt Kaserne" gegründet hatten. Bezweckt wurde die Führung eines Kulturzentrums in der Kaserne, das am 11.11.1980 mit der Produktion "Hesch öppis" vom Basler Jugendtheater eröffnet wurde (im "Rossstall"). Im ersten Betriebsjahr wurden in der "Kulturwerkstatt Kaserne" nebst Gastspielen (Theater, bisweilen Konzerte) vor allem Theaterstücke produziert und soziokulturelle Projekte erarbeitet, unter anderem durch das Basler Jugendtheater und das →Werktheater Basel. Seit 1981 subventioniert der Kanton Basel-Stadt die Kulturwerkstatt. Bereits 1982 entschied das Leitungsteam, künftig nicht mehr selbst Theater zu produzieren, sondern nurmehr die Räumlichkeiten für kulturelle Veranstaltungen, die im institutionellen Kulturbetrieb nicht zum Zuge kamen, zur Verfügung zu stellen und Gastspiele zu programmieren. Zwar wurde Mitte der achtziger Jahre noch etwa die Hälfte der rund 150 Vorstellungen pro Spielzeit von freien Basler Theatergruppen bestritten (Werktheater Basel, Basler Jugendtheater und Opera mobile, oft beteiligte sich die Kulturwerkstatt doch als Koproduzentin). Mit der Schaffung neuer Kulturhäuser in Basel wie der Kuppel, der Stückefärberei oder dem Werkraum Schlotterbeck verlor die Kulturwerkstatt Kaserne indes zusehends die Funktion eines alternativen Kulturbetriebs und wurde immer mehr zum Gastspielhaus, das neben Basler Kunstschaffenden in- und ausländische Theater-, Tanz- und Musikgruppen präsentierte. Nachdem am 24.1.1987 die ehemalige Reithalle als weiterer Veranstaltungsort mit einem Fest und verschiedenen Konzerten von Basler Musikerinnen und Musikern eröffnet worden war, gab dort in diesem Jahr beispielsweise die katalanische Theatergruppe La Fura dels Baus mit "Suz-o-Suz" ein Gastspiel. Ausserdem fanden bereits in den achtziger Jahren verschiedene Festivals in der Kulturwerkstatt Kaserne statt: unter anderen im April und November 1982 das Kleinbasler Theaterfestival, 1985 und 1986 das Sommerspektakel, ab 1984 das Taktlos-Festival für zeitgenössische Musik, 1986 das 8. Schweizerische Kinder- und Jugendtheatertreffen sowie seit Mitte der achtziger Jahre die Film- und Videotage der Region Basel. Nach personellen und finanziellen Schwierigkeiten sowie ideologischen Auseinandersetzungen kündigten 1988 fast alle Mitglieder des Leitungsteams. Der Betrieb wurde umstrukturiert, und nach einer Konsolidierungsphase, in der das aufgelaufene Defizit abgebaut werden musste, übernahm 1992 eine neu formierte Betriebsgruppe die Kulturwerkstatt; für Finanzen und Personal zeichnete Marcel Pfeiffer verantwortlich, für die Programmation Theater und Tanz bis 1996 Dorothea Koelbing (als Nachfolgerin von Nora Bretfeld, die diese Funktion in den Jahren der Konsolidierung 1988–92 innehatte). Seit 1990 unterstützt auch der Kanton Basel-Landschaft den Kulturbetrieb. Mit dem Gastspiel der "Mir Caravane" 1989 (ein Zusammenschluss west- und osteuropäischer Theatergruppen, die als Wagenzug durch Europa tourten) und den ersten Ausgaben des Theaterfestivals →Welt in Basel zu Beginn der neunziger Jahre wurde zunehmend ein breiteres Publikum auf die Kulturwerkstatt aufmerksam. Bretfeld und Koelbing gelang es, dieser in Basel einzigartigen Spielstätte für die freie Tanz- und Theaterszene ein neues, klares Profil zu geben, indem sie internationale Gastspiele innovativer Produktionen von herausragender Qualität einluden, neue Arbeiten von Basler Gruppen (→Klara Theaterproduktionen, Basler Jugendtheater, →Tanz Ensemble Cathy Sharp) sowie Produktionen der freien Schweizer Szene präsentierten. In der ersten Hälfte der neunziger Jahre waren in der Kulturwerkstatt unter anderem die folgenden ausländischen Kompanien zu sehen: das kanadische Théâtre Repère des Regisseurs Robert Lepage (1991 im Rahmen von Welt in Basel, 1992 und 1994), die Johannesburger Handspring Puppet Company (1993 im Rahmen von Welt in Basel und 1995), Johann Kresniks und Ismael Ivos Tanztheaterabend "Francis Bacon" (im Rahmen des Tanzfestivals →Steps 1994) und das Londoner Théâtre de Complicité (1995). Die Programmbeauftragten 1996–99 konnten – vor allem aus Kostengründen – nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen, zeigten aber dennoch Gastspiele des DV8 Physical Theatre aus London (1997) und der kanadischen Compagnie O Vertigo (1999). Während der parallel geführte Musikbetrieb gut lief, sah sich die Sparte Theater zunehmend mit Problemen konfrontiert. Sie hatte mit den steigenden Gagen für ausländische Truppen, die immer mehr die Möglichkeiten des Budgets überstiegen, und mit raschen Wechseln in der Leitung zu kämpfen, während sich gleichzeitig das Publikumsverhalten sowie die freie und alternative Theaterszene wandelten. Ein Reformprozess wurde eingeleitet, und 1999 löste sich der Vorstand des Vereins Kulturwerkstatt Kaserne von den basisdemokratischen Strukturen, entschied sich in Sachen Betriebsstruktur für das Intendantenmodell und ernannte auf Anfang 2000 Eric Bart zum alleinigen Leiter. Bart setzte auf international bekannte Namen und präsentierte in dem nun Kaserne Basel genannten Gastspielhaus unter anderem Produktionen der Compagnie Les Ballets C. de la B. des Choreografen Alain Platel (beispielsweise "Iets op Bach"), Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil (mit Hélène Cixous’ "Tambours sur la digue") und Inszenierungen von Peter Brook (unter anderem Mothobi Mutloatse/Barney Simons "Le Costume" sowie 2003 Becketts "Glückliche Tage" als Eigenproduktion der K., die anschliessend auf Europatournee ging). Daneben gastierten weiterhin die Klara Theaterproduktionen und das Tanz Ensemble Cathy Sharp in der K. Neben Welt in Basel 2000 (Leitung: →Christoph Stratenwerth) und 2002 (interimistische Leitung: Bart) führte Bart 2002 zusammen mit dem →Theater Roxy die Tanztage Basel für zeitgenössischen Tanz durch. Auch weiteren Festivals diente die K. als Spielstätte, 2001 letztmals dem Festival Taktlos und 2002 Steps und →Blickfelder. Das Musikressort setzte ab 2002 unter dem Label "Musikaserne" seinen Betrieb fort (Independent-Bereich). Nach Differenzen zwischen Bart und dem Vorstand über Änderungen in der Leitungsstruktur der K. verliess Bart im Sommer 2003 die K. vorzeitig. →Urs Schaub übernahm interimistisch die Leitung der knapp vor dem Konkurs stehenden K. Der Vorstand erstellte einen Plan zur Sanierung der Finanzen, erneuerte die Betriebsstruktur und entschied sich mit Wirkung ab 2004 für eine zweiköpfige Betriebsleitung, für die Schaub fest als künstlerischer Leiter und Pascal Biedermann als Geschäftsführer verpflichtet wurden. Im Herbst 2004 erhöhten die Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft die Subventionen, und der Betrieb der K., nach wie vor ein Mehrspartenbetrieb, erreichte wieder Stabilität. Mit dem Projekt "Treibstoff" schuf Schaub gemeinsam mit dem Theater Roxy und dem Raum 33 ausserdem ein Theaternachwuchsfestival. Verbandsmitglied: Genossenschaft Basler Kleintheater (GBK), →KTV.

Spielstätten

Klybeckstrasse 1b, 4057 Basel. Architekt: J. J. Stehlin. Baujahr: 1863. Eröffnung des "Rossstalls" als Veranstaltungsort: 11.11.1980. Eröffnung der Reithalle als Veranstaltungsort: 24.1.1987. Räume mit variabler Bühneneinrichtung und flexiblen Tribünen: Reithalle: 35 m lang, 17,5 m breit, 6,5 m hoch. Bühne: in der Regel 10 m breit, 10 m tief. Platzkapazität: 400 Sitz- oder bis zu 800 Stehplätze. "Rossstall": 29 m lang, 8 m breit, 3,9 m hoch. Bühne: in der Regel 8 m breit, 5 m tief. Platzkapazität: bis zu 200 Sitz- oder 500 Stehplätze. 1980–82: teilweiser Innenausbau des Rossstalls. 1985–87: Sanierung des Daches und der Dachkonstruktion sowie teilweiser Innenausbau der Reithalle. Juli 2000 bis Januar 2001 und September 2001 bis Juni 2002: Gesamtsanierung der Reithalle (Unterkellerung, Lärmisolation, Lüftungsanlage, Einbau von Garderoben, Toiletten). Ausweichspielstätte März bis Dezember 2002: Halle 7 auf dem ehemaligen Sulzer-Burckhardt-Areal (Gundeldinger Feld). Wiedereröffnung der Reithalle: 22.8.2002. 2003/04: Teilweise Sanierung der beiden Pferdeställe, so dass nun zwei ehemalige Pferdeställe von gleicher Grösse als Aufführungsraum, Foyer und/oder Bar genutzt werden können. Architekt für die Sanierung: Andreas Stöcklin.



Autorin: Eveline Gfeller



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Gfeller, Eveline: Kaserne Basel, Basel BS, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 964–966.