Kleintheater Kramgasse 6, Bern BE

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Kellertheater, Eigenproduktionen und Gastspielbetrieb, vor allem Sprechtheater, Engagements im Stückvertrag

1953 wurde das K. vom Juristen Robert Senn gegründet, der die beiden Kellerräume an der Kramgasse 6 gegen den Widerstand der Behörden zu einem Theater umbauen liess. Am 31.12.1953 wurde das Kellertheater mit der ersten Vorstellung des Berner Kabaretts "Muusefalle" eröffnet, konnte aber in den folgenden Jahren aus finanziellen Gründen nicht kontinuierlich bespielt werden. Unter anderen gastierten 1954 der Mime Roy Bosier, 1956 Harald Szeemann (Einmannkabarett "Tendances actuelles. Heute rot – morgen tot") sowie →Daniel Spoerri (unter anderem 1956 deutschsprachige Erstaufführungen von Ionescos "Die kahle Sängerin" und von Picassos "Wie man Wünsche am Schwanz packt" in der Übersetzung von Meret Oppenheim). Ab der Spielzeit 1959/60 wurde das K. hauptsächlich von der 1953 von Thomas Nyffeler (* 1930, † 2004) gegründeten Studiobühne der Universität Bern (zunächst nur Amateure, später auch professionelle Theaterschaffende) sowie dem 1954 von →Paul Roland gegründeten "Tribühnchen" (professionelles Ensemble) bespielt. In der Regel realisierten die beiden Ensembles Koproduktionen. Ausserdem wurden Nachwuchskräfte von der Abteilung Schauspiel am →Konservatorium für Musik in Bern einbezogen. 1961 übernahmen Nyffeler und Roland als Mieter und Rechtsträger gemeinsam die Direktion des K. und waren weiterhin als Regisseure tätig. Im Frühjahr 1964 drohte nach zehnjährigem Bestehen die Schliessung des K.: Der Vermieter hatte den Theaterbetreibern gekündigt und mit der Schweizerischen Käseunion (Wirtschaftsorganisation zur Regelung des Käsemarkts), die in dem Keller eine Fondue‑ und Raclettestube einrichten wollte, einen langfristigen Mietvertrag abgeschlossen. Nach heftigem Einspruch der Presse und auf Betreiben der Stadt konnte das K. schliesslich, neu als Untermieter der Käseunion, weiterhin über die Spielstätte verfügen. Ab der folgenden Spielzeit 1964/65 leitete Nyffeler das Theater, das bis 1974 ohne Subventionen betrieben wurde, allein. Die Schauspielerinnen und Schauspieler wurden in der Regel im Stückvertrag angestellt; nur wenige waren länger als drei Spielzeiten am K. tätig. 1961–74, also in der nicht subventionierten Phase, zeigte das K. pro Spielzeit durchschnittlich sieben bis acht Eigenproduktionen. Gespielt wurden vor allem zeitgenössische und weit gehend unbekannte Dramen, darunter zahlreiche Einakter. Zudem sollten die Stücke in den Raum passen, bühnentechnisch keinen allzu grossen Aufwand erfordern und nicht mehr als vier Personen gleichzeitig auf der Bühne vorsehen. Rund zwei Drittel der Inszenierungen waren Schweizer oder Berner Erstaufführungen, seltener wurden Uraufführungen gezeigt. Gewagtere Stücke wie Pinters "Der Hausmeister" (1962) sowie die Schweizer Erstaufführungen von Handkes "Publikumsbeschimpfung" (1967), Becketts "Spiel" (1963) und Kroetz’ "Oberösterreich" (1973) konnte sich das K. mangels Publikumsinteresse nur vereinzelt leisten. Um die Besucherzahlen anzuheben, wurden Stücke von Autoren wie Albee, Marc Camoletti, Feydeau und Peter Shaffer, ein Stück der Autorin Agatha Christie und immer wieder Werke von →Curt Goetz aufs Programm gesetzt oder unbekannte Werke bekannter Autoren wie O’Casey, Cocteau und Tschechow vorgestellt. Besonders erfolgreich war Nyffelers Inszenierung von Borcherts "Draussen vor der Tür" mit →Norbert Klassen, der bisweilen auch als Regisseur am K. tätig war, als Beckmann; sie wurde 1966–74 rund 250 Mal gespielt. Ausserdem gab das K. mit seinen Produktionen zahlreiche Gastspiele in der ganzen Schweiz und stellte das Kellertheater seinerseits Gästen zur Verfügung: 1970–71 fanden etwa die Veranstaltungen des Theaterkollektivs →Studio am Montag (unter anderen mit Klassen) im K. statt, und seit der Gründung des →Internationalen Festivals kleiner Bühnen Bern diente es als eine von dessen Spielstätten. In der Spielzeit 1974/75 erhielt das K. von der Stadt Bern eine Defizitdeckungsgarantie und 1975–82 Subventionen. Zwar konnten die Gagen nun etwas erhöht werden, aber es entwickelte sich dennoch kein festes Kernensemble. In dieser Phase zeigte das K. durchschnittlich vier bis fünf Eigenproduktionen pro Spielzeit, davon waren rund die Hälfte Schweizer oder Berner Erstaufführungen. Dabei setzte Nyffeler stark auf Autoren, die vom K. bereits in früheren Jahren erfolgreich aufgeführt worden waren, etwa Beckett, Sartre oder Goetz. Neben Nyffeler führten Peter Kopf und Franz Weber wiederholt Regie. Besondere Aufmerksamkeit erhielten die Berner Erstaufführungen von Handkes "Kaspar" (1975), Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W."(1977) und →Bertolt Brechts "Mann ist Mann" (1974) sowie die Schweizer Erstaufführung von dessen "Brotladen" (1977). Neben dem eigenen Programm zeigte das K. weiterhin Gastspiele (Schauspiel sowie Cabaret-, Clown- und Liedprogramme); die eigene Gastspieltätigkeit ging jedoch zurück. 1982–84 erhielt das K. von der Stadt, welche die Theaterförderung der sich verändernden Situation und der fortschreitenden Entwicklung einer freien Szene anpasste, nurmehr Infrastrukturbeiträge und musste im Gegenzug seine Spielstätte fünf Wochen pro Saison einer freien Gruppe überlassen. Um Produktionsbeiträge musste es sich, wie andere freie Gruppen auch, jedesmal neu bemühen. Ab 1985 wurden auch die Infrastrukturbeiträge gestrichen. Ab 1985/86 realisierte das K. folglich pro Spielzeit nur noch zwei bis drei Eigenproduktionen. In den achtziger Jahren zeigte es vor allem Stücke zeitgenössischer Autoren (etwa 1988 Manuel Puigs "Der Kuss der Spinnenfrau"), einige Schweizer Erstaufführungen (beispielsweise 1985 Christine Brückners "Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen", 1987 →Jürg Laederachs "Japanische Spiele", 1990 Dorsts "Ich, Feuerbach") und als Uraufführungen beispielsweise zwei Stücke des Berner Autors →Kurt Hutterli (1983 "Überlebenslust", 1990 "Der Clown im Mond" als Koproduktion mit der Berner Theatercompanie). Stammregisseure waren Weber und →Michael Oberer. Neben den Eigenproduktionen realisierte das K. Koproduktionen mit freien Gruppen und zeigte weiterhin Gastspiele. 2003 übergab Nyffeler die Leitung des K. an den Theater- und Filmschaffenden Daniel Kölliker. Nach einem Umbau wurde der Betrieb in der Rechtsform eines Vereins wiederaufgenommen und bietet unter dem Namen Ono ein Forum für Kunstschaffende verschiedenster Sparten. Verbandsmitglied: →KTV.

Spielstätte

Kramgasse 6, 3011 Bern. Der Architekt Hans Rudolf Abbühl und der Bauherr Robert Senn richteten 1953 in den beiden Kellergewölben (mit separaten Eingängen) der Liegenschaft einen Theater‑ und einen Garderobenraum ein. Eröffnungsdatum: 31.12.1953. Bühne: Guckkastenbühne, ansteigende Bestuhlung (ehemalige Bänke des Berner Münsters); Platzkapazität: rund 90 Plätze; Bühne: 4,2 m breit, 4 m hoch, 3,8 m tief; Portal: 3,2 m breit, 2,3 m hoch (Scheitelhöhe 4 m).

Literatur

  • Jäggi, Anne: Kleintheater in Bern. Lizenziatsarbeit der Universität Bern, 1998.
  • Jäggi, Anne: "Wo üsereins nid emau würdi Härdöpfu ylagere."klein theater kramgasse 6 und Galerietheater Die Rampe zwischen 1960 und 1980. In: Koslowski, Stefan/Kotte, Andreas/Sorg, Reto (Hg.): Theater. Berner Almanach, Bd. 3, 2000.


Autor: Thomas Keller



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Keller, Thomas: Kleintheater Kramgasse 6, Bern BE, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 998–999.