Kurt Hirschfeld

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* 10.3.1902 Lehrte bei Hannover (D), † 8.11.1964 Tegernsee (D), Pseudonym: Curt Michael. ∞ 1951 Tetta E. Scharff. Vater von Ruth H. (* 1952, Schauspielerin, 1980–85 Regieassistentin am →Schauspielhaus Zürich, danach Casting für Film und Fernsehen).

Studium der Philosophie, Soziologie, Germanistik und Kunstgeschichte in Heidelberg, Frankfurt am Main und Göttingen. Feuilletonist des Berliner Börsenkuriers, ständiger Mitarbeiter des Berliner Rundfunks. Ab 1931 Dramaturg bei →Carl Ebert und →Gustav Hartung am Hessischen Landestheater Darmstadt, dort Regiedebüt mit Kästners "Leben in dieser Zeit". 1933 Entlassung und Emigration in die Schweiz. Auf Betreiben Hartungs 1933 als Dramaturg ans Schauspielhaus Zürich engagiert, dort massgeblich an der Bildung eines neuen Ensembles beteiligt, unter anderem wurden die Exilanten →Leopold Lindtberg, →Therese Giehse, →Leonard Steckel, →Kurt Horwitz, →Erwin Kalser, →Karl Paryla engagiert, 1934 nach Auseinandersetzungen mit Direktor →Ferdinand Rieser über die Spielplangestaltung fristlose Entlassung H.s. Bis 1935 Lektor beim Emil-Oprecht-Verlag in Zürich (→Emil Oprecht), 1935–38 in Moskau, dort Regieassistent von Wsewolod Meyerhold. 1938 betrieb H. zusammen mit Emil Oprecht und anderen die Gründung der Neuen Schauspiel AG. Ab 1938 erneut Dramaturg am Schauspielhaus Zürich, ab 1946 Vizedirektor (unter →Oskar Wälterlin), ab 1961 Direktor, herausragend 1961/62 die Uraufführungen von →Max Frischs "Andorra" in H.s Regie und →Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker", inszeniert von Kurt Horwitz. H.s. Entscheidung hingegen, →Rolf Hochhuths weltweit gespieltes Dokumentardrama "Der Stellvertreter" wegen dessen angeblich mangelnder Qualität in Zürich nicht zur Aufführung zu bringen, stiess auf Kritik in Presse und Öffentlichkeit. H. zeichnete 1948 offiziell für die Inszenierung der Uraufführung von →Bertolt Brechts "Herr Puntila und sein Knecht", da der Regisseur Brecht keine Arbeitserlaubnis erhalten hatte. Ab 1950 über dreissig Inszenierungen am Schauspielhaus, darunter 1950 Schillers "Don Carlos" und die deutschsprachige Erstaufführung von O’Neills "Der Eismann kommt", 1954 Sophokles’ "König Oedipus", 1959 Lessings "Emilia Galotti", 1960 T. S. Eliots "Ein verdienter Staatsmann", 1960 Brechts "Im Dickicht der Städte", →Frank Wedekinds "Lulu", 1963 Lessings "Nathan der Weise". H.s Zürcher Spielplankonzept mit der Öffnung hin zur dramatischen Weltliteratur der Gegenwart wirkte modellhaft für das deutschsprachige Nachkriegstheater; H. war auch für ein Jahr dramaturgischer Berater von Gustaf Gründgens am Düsseldorfer Schauspielhaus und 1952 Mitinitiator des von weiten Kreisen als restaurativ abgelehnten Düsseldorfer Manifests. Gastinszenierungen an verschiedenen Bühnen in Israel (1959 Ibsens "Nora" am Cameri-Theater Tel Aviv), Deutschland (1962 Dürrenmatts "Die Physiker" am Landestheater Hannover) sowie am →Opernhaus Zürich (1963 Alban Bergs "Lulu"). Nach H.s Tod wählte der Verwaltungsrat entgegen H.s. Wunsch nicht dessen Vizedirektor →Peter Löffler, sondern Leopold Lindtberg zum Direktor des Schauspielhauses Zürich. Veröffentlichung zahlreicher Schriften, darunter: Theater – Wahrheit und Wirklichkeit, 1962. Schauspielhaus Zürich 1938–1958, 1958 [herausgegeben zusammen mit Peter Löffler]. In Zürich erinnert der K.-H.-Weg an den Theatermann.

Auszeichnungen

  • 1963 Grosser Niedersächsischer Kulturpreis.

Literatur

  • Hilty, Hans-Rudolf (Hg.): Dank an K. H., 1964.
  • K. H. Ausstellungskatalog der Stadt Lehrte, 1985.

Nachlass

  • Leo Baeck Institute, New York.


Autor: Thomas Blubacher



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Blubacher, Thomas: Kurt Hirschfeld, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 846–847.

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