Kurt Reiss

Aus Theaterlexikon
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* 22.1.1901 Aigle VD, † 21.4.1974 Basel.

Als Auslandschweizer jüdischer Herkunft im Rheinland aufgewachsen, ging R. nach dem Ersten Weltkrieg nach Berlin. In der Weimarer Republik betreute er als Literaturagent und Manager das politliterarische Kabarett "Die Nachrichter" und Produktionen der Bühnen Max Reinhardts und Victor Barnowskys, für die er im ganzen deutschen Sprachraum Gastspiele vermittelte. 1935 kam er mittellos in die Schweiz und wurde zunächst in Basel wieder als Bühnenagent tätig ("Theater und Konzert Agentur Kurt Reiss", mit Vertretungen in Wien und Berlin). 1936 Gründung des Bühnenverlags "Kurt-Reiss-Verlag Basel", in dem er anfangs vorwiegend deutschsprachige Exilautorinnen und -autoren verlegte, namentlich Ferdinand Bruckner, Bruno Frank, Ludwig Fulda, Lion Feuchtwanger, Sammy Gronemann, Georg Hermann, →Kurd E. Heyne, →Emil Ludwig, Heinrich Mann, Alfred Neumann, Friedrich Raff, Rhenanus, Hannes Steinbach, Carl Sternheim, Victoria Wolf, Paul Zech, Otto Zoff und Arnold Zweig. Zum Verlagsprogramm zählten ferner die Schweizer Autoren →Robert Faesi und →Walter Lesch, Opern- und Operettenwerke von →Hans Haug, Franz-von-Suppé-Neubearbeitungen von Eugen Otto, Shakespeare-Bearbeitungen von →Gustav Hartung, Nachdichtungen von Werken Calderóns von Eugen Gürster und Otto Zoff. Neben dem Verlag von →Emil Oprecht in Zürich wurde R.s Unternehmen rasch zu einem der wichtigsten →Theaterverlage in der Schweiz. Ab 1937 vertrat R. Jahr für Jahr neue Autorinnen und Autoren wie Hans Aufricht-Ruda, Paul Claudel (in der Übersetzung von Hans Urs von Balthasar), Paul Demasy, →Paul Eger, Leonhard Frank, Georg Hirschfeld, Hans Henny Jahnn, →Hermann Kesser, Paul Korngold, Anni Sack, →Albert Steffen, Lisa Tetzner, Louis Verneuil, Julius Hay, →Fritz Hochwälder, Walter Jost, →Kurt Guggenheim, František Langer, →Max Werner Lenz, Federico García Lorca (in der autorisierten Übertragung von →Enrique Beck), →Bertolt Brecht (1939–50, auf Vermittlung von Hartung), →Peter Lotar, →Hans Mühlestein, →Gustav Renker, Jewgeni Schwarz, →Otto Zimmermann, →Carl Zuckmayer, Marcel Pagnol, Jean Anouilh, Arthur Miller und Tenessee Williams. In Verbindung mit dem →Schauspielhaus Zürich und dem →Stadttheater Basel wurde R. ein Förderer der neuen schweizerischen Dramatik: R. gilt als Entdecker →Friedrich Dürrenmatts (Betreuung des dramatischen Werks seit 1946 bis zum Verkauf des Verlags an den Diogenes Verlag Zürich 1974) und war 1944–50 →Max Frischs erster Bühnenverleger. 1942 wandelte R. den mit bescheidenen Mitteln geführten Ein-Mann-Verlag in die Aktiengesellschaft "Reiss Basel AG" um. Neben der Planung eines Buchverlags und eines Theater- und Konzertbüros wurden 1945 im Zuge einer Vergrösserung und Neuausrichtung →Egon Karter und Lotar als Lektoren und dramaturgische Berater eingestellt. In der Hoffnung, seine bedeutenden Autoren im ganzen deutschen Sprachraum und in Europa durchzusetzen, versuchte R., ein internationales Vertriebsnetz aufzubauen und Zweigstellen in mehreren Ländern zu eröffnen; zudem betraute er Karter mit der Gründung und dem Aufbau einer verlagseigenen Theatergruppe, dem Schweizer Schauspielensemble. Die Ausbaupläne scheiterten an der geringen Risikobereitschaft des Verwaltungsrats, sodass der Verlag nach 1950 wichtige Autoren und Weltrechte nicht zu halten vermochte und auch seine Verdienste als Exilverlag langfristig nicht nutzen konnte. R. und Karter, der nach seinem Ausscheiden 1949 die Basler Komödie AG (→Komödie Basel) gründete, blieben einander freundschaftlich verbunden und unterstützten sich gegenseitig. 1956 wurde R. Mitglied des Verwaltungsrats von Karters Theater. R. war Gründungsmitglied und später Vizepräsident des Schweizerischen Bühnenverleger-Verbands in Zürich.



Autor: Werner Wüthrich



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Wüthrich, Werner: Kurt Reiss, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1477–1478.

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