Monte Verità, Ascona TI

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1900 gründeten die Pianistin Ida Hofmann und der Industrielle Henri Oedenkoven zusammen mit den Brüdern Gusto und Karl Gräser auf dem oberhalb von Ascona gelegenen Hügel Monescia eine zunächst urkommunistische, dann "individualistisch-vegetabilische Cooperative" mit dem Namen M., der später offiziell auch auf den Ort überging. Damit setzten sie der zunehmenden Urbanisierung, Industrialisierung und Technisierung eine Alternative im Sinn der Lebensreformbewegung entgegen, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert die Naturheilkunde, den Vegetarismus, die Antialkoholbewegung, die Freikörperkultur und die Kleidungsreform propagierte. Der sich bereits wenige Monate nach der Gründung abzeichnende Streit, ob auf dem M. ein Natursanatorium für Feriengäste oder eine kommunistische Kolonie errichtet werden sollte, wurde 1901 zu Gunsten des Sanatoriums entschieden. Die Kur auf dem M. basierte auf vegetarischer Ernährung, kombiniert mit Sonnenbädern und Lichtluftkuren. Fortschrittlich war das Sanatorium insbesondere, was Ernährungsgewohnheiten und die Gleichstellung der Geschlechter betraf. Als Gäste fanden sich Alternative mit pazifistischer, feministischer, anthropo- oder theosophischer, freimaurerischer oder anarchistischer Gesinnung ein. Ascona seinerseits zog immer mehr Intellektuelle sowie Künstlerinnen und Künstler an: Ab 1905 liessen sich dort verschiedene prominente Anarchisten nieder, und 1914–18 wurde die kleine Stadt neben Zürich und Bern bevorzugter Emigrantenort. Als sich Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky sowie die Dadaisten Hans Arp, →Hugo Ball, Emmy Hennings (→Emmy Ball-Hennings) und Hans Richter in Ascona niederliessen, wurde der Ort zum Treffpunkt für Künstlerinnen und Künstler, wenn auch ihr Schaffen weit gehend andernorts stattfand.


Bedeutend wurde der M. insbesondere als Wegbereiter des modernen Ausdruckstanzes: 1913–17 war →Rudolf von Laban hier pädagogisch und künstlerisch tätig. In den Sommermonaten 1913 und 1914 leitete er die Sommerschule für Bewegungskunst. Laban verstand den Tanz als grundlegenden Bestandteil der Lebens- und Erziehungsreform. Diese Ansicht deckte sich mit jener der Sanatoriumsbetreiber Hofmann und Oedenkoven. Es galt, die im Zivilisationsprozess verdrängte Körperlichkeit und Natürlichkeit durch künstlerische Bewegung wieder aufleben zu lassen und den Tanz zu einem persönlichen Ausdrucksmittel zu entwickeln. Labans Kurse umfassten die Fächer Bewegungs-, Ton-, Wort- und Formkunst, in denen sich bei Improvisation und Übungen alle Beteiligten zur Tänzerin oder zum Tänzer entfalten und sich als ganzheitliche Menschen erfahren konnten. Das Sanatorium bot für diese Sommerschule einen ausgesprochen geeigneten Rahmen: Die jeweils schätzungsweise 20–25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer logierten in den Lichtlufthütten und fanden in der Gegend idyllische Plätze unter freiem Himmel vor, die geradezu zum Tanz aufforderten und abgeschieden genug waren, um sich unbeobachtet umzuziehen oder zu entkleiden. Zu den Laien gesellten sich Künstlerinnen und Künstler wie Hans Brandenburg, Gertrud und Ursula Falke, Gertrud Leistikov, →Ernst Anton Mohr, Laura Oesterreicher, Claire Walther (→Claire Therwal), →Mary Wigman und →Katja Wulff, welche die Erfahrungen auf dem M. als prägend erlebten. Ausser Laban unterrichteten unter anderen die Sängerin und Ehefrau Labans Maja Lederer, →Suzanne Perrottet und Karl Weysel. Neben den Arbeits- und Übungskursen gehörte die Erneuerung einer gemeinschaftsstiftenden Festkultur entscheidend zu Labans Reformprogramm. So gestaltete er 1913 den Sonnenuntergangsmythos "Ishtars Höllenfahrt" und das Tanzdrama "Der Trommelstock tanzt", die vor einem grösseren Publikum gezeigt wurden. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 wurde die Sommerschule auf dem M. geschlossen. Laban, Lederer, Perrottet und Wigman arbeiteten dort noch bis im Herbst weiter an Labans Raumlehre und Bewegungsschrift, bevor auch sie abreisten. Die vorläufigen Ergebnisse der Versuche auf dem M. flossen in Labans "Die Welt des Tänzers" ein, das zu einem Grundlagenwerk des Ausdruckstanzes wurde. Seinen Höhepunkt und Abschluss fand Labans Wirken auf dem M. 1917 mit der Inszenierung "Sang an die Sonne" im Rahmen des anationalen Kongresses des Orientalischen Templerordens O. T. O.: Vom Sonnenuntergang des 18. bis zum Sonnenaufgang des 19. August fand diese legendär gewordene Freilichtaufführung statt. In den drei Teilen "Die sinkende Sonne", "Die Dämonen der Nacht" und "Die siegende Sonne" verband sich chorischer Tanz einmalig mit der gegebenen Topografie und den natürlichen Lichtverhältnissen. Die Grenze zwischen Darstellenden und Zuschauenden war aufgehoben. Diese Tanzdramen Labans gelten als Vorläufer des modernen Ausdruckstanzes.


Trotz des stetig wachsenden Tourismus war das Sanatorium finanziell nie erfolgreich, und 1920 gaben Hofmann und Oedenkoven den Betrieb auf. 1923 übernahm eine Künstlergruppe um Robert Landmann den M., musste aber aus finanziellen Gründen das Vorhaben, diesen zu einer Künstlerkolonie umzuwandeln, bereits 1925 wieder aufgeben. Der rheinländische Bankier Baron Eduard von der Heydt erwarb das Grundstück samt Liegenschaften und machte daraus einen Nobelkurort mit einem neu erbauten Hotel, in dem er seine umfangreiche Sammlung moderner und aussereuropäischer Kunst ausstellte. Nach seinem Tod 1964 gingen Boden und Gebäude testamentarisch an den Kanton Tessin, mit der Auflage, den M. "zum Ort bedeutender kultureller Manifestationen zu machen". Seit 1989 dient er als Kongresszentrum der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.

Das Phänomen M. hat seit seinen Anfängen eine bemerkenswerte Rezeptionsgeschichte: Die Sitten und Gewohnheiten der Gäste des Natursanatoriums, insbesondere deren öffentlich ausgelebtes neues Körperbewusstsein, das sich in den prophetenhaften Reformkleidern, den langen Haaren der Männer und den nackt genossenen Lichtluftkuren äusserte, nahmen die Bewohnerinnen und Bewohner der umliegenden Orte mit Verwunderung, Unverständnis oder auch ablehnendem Misstrauen zur Kenntnis und nannten die dort Verkehrenden bisweilen "Balabiott" (Dialekt: Verrückter; wörtliche Übersetzung: Nackttänzer). Nicht zuletzt brachte das Sanatorium der Region aber auch ökonomische Vorteile und unterstützte den Aufschwung des Tourismus. Die Mythisierung des M. wurde bereits damals durch seine Deutung als Kolonie von Aussenseitern begründet. Weiter genährt wurde der Mythos in den zwanziger und dreissiger Jahren, als im unmittelbaren Umfeld des M. alternativem Denken und Schaffen weiter Raum gegeben wurde, auch wenn dies in keinem direkten Zusammenhang mit der Geschichte des M. steht: 1926/27 wurde das →Teatro San Materno als Tanztempel für →Charlotte Bara errichtet, und 1933 rief Olga Froebe-Kapteyn die jährlich in Ascona stattfindende Eranos-Tagung ins Leben. 1978 wurde der Mythos von Harald Szeemann mit seiner Ausstellung "M. Die Brüste der Wahrheit" wieder belebt: Mit dem Bild der vielbrüstigen Göttin Artemis von Ephesos veranschaulichte er die Summe der Utopien, die mit dem M. verbunden sind, die der Anarchie, der Lebensreform, der sexuellen Revolution und Mythenforschung sowie der Künste. Die Aufsehen erregende Ausstellung wurde zunächst an verschiedenen Orten in Ascona, auf dem M. und auf den Brissagoinseln, anschliessend in Zürich, Berlin, Wien und München gezeigt. 1981 wurde in der Casa Anatta, dem ehemaligen Wohnhaus von Hofmann und Oedenkoven, eine Dauerausstellung von Szeemann mit Kunstobjekten aus den alternativen und avantgardistischen Zeiten des M., unter anderem etwa Kostüme und Bühnenskizzen von Bara, eröffnet. In Anlehnung an Labans Tanzfreilichtspiel "Sang an die Sonne", zu dem weder Text, Musik noch Choreografie erhalten sind, wurde 71 Jahre später 1988 unter der gleichen astrologischen Konstellation vom 14. auf den 15. August das ebenfalls dreiteilige Tanzspektakel "Sonnenfest" auf dem Hügel M. aufgeführt (unter anderen mit →Margit Huber und →Maria Bonzanigo, aufgezeichnet vom Fernsehen der italienischen Schweiz TSI).

Literatur

  • Szeemann, Harald (Hg.): M. Berg der Wahrheit, 1978 [Ausstellungskatalog].
  • Pellaton, Ursula: Tanz auf dem M. In: Tanz der Dinge 51/2000.
  • Schwab, Andreas/Lafranchi, Claudia (Hg.): Sinnsuche und Sonnenbad, 2001.
  • Schwab, Andreas: M. – Sanatorium der Sehnsucht, 2003 [mit ausführlicher Bibliografie].


Monte Verità, Ascona TI

La cooperativa di artisti fondata nel 1900 sul monte Monescia, sopra Ascona, appartiene a quel movimento di immigrazione germanofona che ha caratterizzato il Cantone Ticino dopo l’apertura della Galleria del Gottardo (1882): gli artisti d’oltralpe apprezzano a Sud delle Alpi le favorevoli condizioni climatiche (tanto da definire il luogo una Sonnenstube), integrandosi però raramente alla cultura locale: "La potente colonia confederata, che si insediò in posizioni socialmente privilegiate nel territorio, sembrò all’inizio cercare la segregazione piuttosto che l’assimilazione, istituendo le proprie scuole, i propri giornali" (Ceschi). Oltre ad Ascona (dove lavorano artisticamente →Charlotte Bara dal 1926 e →Jakob Flach dal 1937) e Minusio - dove la Villa Elisarion accoglie una coppia di raffinati decadentisti tedeschi, Eduard von Mayer (1873-1960) e Elisar von Kupffer (1872-1942) - colonie artistiche germanofone si sviluppano anche nel resto del Cantone, in particolare a Mendrisio (con i pittori espressionisti del movimento Rot-Blau). Il M.V. non fa eccezione ed esercita una forte attrazione su vegetariani, pacifisti, "spiriti liberi" e su molti artisti provenienti soprattutto dall’area tedesca. Gli intellettuali ticinesi (a parte rare eccezioni, come →Guido Calgari, che parla di un’"occasione mancata", o il pittore locarnese Filippo Franzoni) rimangono chiusi in un sospettoso scetticismo. Si veda il giudizio dello scultore Giuseppe Foglia: "C’è da chiedersi quale rapporto abbia una concezione così internazionalistica dell’arte con l’umiltà dell’ambiente in cui si manifesta. La dissonanza non cancella il valore estemporaneo di un movimento culturale tanto espressivo e significativo, pur considerandolo nel suo aspetto anacronistico. (…) Ma se volessimo definire con una frase l’emanazione estetico-artistica del mondo asconese, noi dovremmo concludere ch’essa non ha germi di vita sufficienti ad una resistenza qualsiasi e che, superata la corrente snobistica dell’ora, è destinata a ricadere nel nulla". Quanto alla popolazione, è sintomatico che gli artisti del M.V. vengano definiti, fino ai nostri giorni, con l’appellativo dialettale "balabiott" (in dialetto "baggiani", ma più letteralmente "che ballano nudi"). L’ironia del giudizio popolare viene raccolta dallo scrittore →Angelo Nessi, che sfrutta una celebre maschera del teatro milanese di Ferravilla per una farsa, Tecoppa vegetariano, presentata al →Teatro di Locarno dalla compagnia Sbodio-Galli nel 1905. In effetti, gli ospiti del M.V. – la cui colonia viene fondata dalla pianista Ida Hofmann e dall’industriale Henri Oedenkoven - amano definirsi "turisti della nuova vita", praticando "corse della rugiada" (Tau-Laufen), indossando indumenti naturali (Reformkleider) e si dedicano a una libera espressione artistica. →Rudolf von Laban vi propone un lavoro pedagogico-artistico di grande importanza, oggi considerato alle scaturigini della moderna danza espressiva: durante le estati del 1913 e 1914 dirige una Scuola d’arte (Schule für Kunst) incentrata sul lavoro di improvvisazione in diverse discipline (arte del movimento, della terracotta, della parola): nel suo insegnamento la danza è vista come movimento globale, armonizzato al ritmo ancestrale del cosmo. Accanto a dilettanti si trovavano artisti come Hans Brandenburg, Gertrud und Ursula Falke, Gertrud Leistikov, →Ernst Anton Mohr, Laura Oesterreicher, Claire Walther (→Claire Therwal), →Mary Wigman e →Katja Wulff. Tra gli insegnanti, oltre a Laban, troviamo Karl Weysel, Maja Lederer e →Suzanne Perrottet. Il lavoro di Laban sviluppava la ricerca di nuovi riti per i festeggiamenti volti a favorire il senso di comunità (Der Trommelstock tanzt, 1913, definito un Tanzdrama). Dal tramonto del 18 agosto 1917 fino all’alba del giorno seguente ha luogo la rappresentazione all’aperto dell’Inno al sole (Sang an die Sonne), nell’ambito del congresso dell’Ordine dei Templari d’Oriente. Nelle tre componenti - Il sole che tramonta (Die sinkende Sonne), I demoni della notte (Die Dämonen der Nacht) e Il sole vincente (Die siegende Sonne) - la danza corale si fonde con la topografia e con la luce naturale, abolendo il limite tra attori e spettatori. Dopo questo forte momento teatrale il M.V. conosce vicende alterne: nel 1925 il complesso sanatoriale viene acquisito dal barone Eduard von der Heydt, che ne fa un centro di cura per ospiti di vaglia; alla morte di quest’ultimo (1964) un lascito testamentario ne fa dono al Cantone Ticino, che nel 1989 lo destina a centro congressuale, gestito dal Politecnico Federale di Zurigo. 71 anni più tardi, sotto la medesima configurazione astrologica, viene allestita una nuova Festa del sole in ricordo dello spettacolo del 1917, con la partecipazione, tra gli altri, di →Margit Huber e →Maria Bonzanigo (14-15 agosto 1988).

Bibliografia

  • Giuseppe Foglia, Arte e snobismo, "Radioprogramma", anno IV, numero 16, 16 aprile 1936;
  • AA.VV., Monte Verità : antropologia locale come contributo alla riscoperta di una topografia sacrale moderna, a cura di Gabriella Borsano e Harald Szeemann, Locarno-Milano, Dadò-Electa, 1978;
  • Raffaello Ceschi, Buoni ticinesi e buoni svizzeri. Aspetti storici di una duplice identità, in AA.VV., Identità in cammino, a cura di Remigio Ratti e Marco Badan, Locarno, Dadò, 1986;
  • Marcella Lacerenza, La danza a Monte Verità (1913-29), Tesi di Laurea in Lettere Moderne, Università di Milano, 1994;
  • Mara Folini, Il Monte Verità di Ascona, Berna, Società di storia dell’arte in Svizzera, 1998;
  • AA.VV., Senso della vita e bagni di sole: esperimenti di vita e arte al Monte Verità, a cura di Andreas Schwab e Claudia Lafranchi, Ascona, Fondazione Monte Verità, 2001.


Autorin/Autor: Ursula Pellaton/Pierre Lepori



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Pellaton, Ursula/Lepori, Pierre: Monte Verità, Ascona TI, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 1265–1268, mit Abbildung auf S. 1267.