Robert Walser

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* 15.4.1878 Biel BE, † 25.12.1956 bei Herisau AR. Bruder des Bühnenbildners →Karl W.

1892 begann W. eine Lehre bei der Bieler Filiale der Berner Kantonalbank. Ab 1894 Pläne, Schauspieler zu werden, sowie eigene dramatische Versuche; eventuell Übernahme kleinerer Rollen im "Dramatischen Verein" (Biel). Anfang 1895 vorzeitige Beendigung der Lehre. Fortan häufig wechselnde Anstellungen und nomadisierende Lebensweise. 1895 Schauspielunterricht in Basel. Nach einem erfolglosen Vorsprechen in Stuttgart sah W. von einer Bühnenlaufbahn zwar ab, wusste seine Theatererfahrungen jedoch, auch in zahlreichen Prosastücken, literarisch produktiv zu machen. Zeitlebens blieb ihm das Theater eine wichtige Quelle der Inspiration. 1896–1905 meist in Zürich; Arbeit an Gedichten. 1898 erste Publikation. 1899 Aufenthalt in Thun und in Solothurn. Fertigstellung der vier überwiegend im lyrischen Ton gehaltenen Dramolette "Die Knaben", "Dichter", "Aschenbrödel" und "Schneewittchen", die wenig beachtet wurden. Um 1902 Entstehung der Pantomime "Der Schuss" und wahrscheinlich des Mundartspiels "Der Teich". 1904 Publikation von "Fritz Kochers Aufsätze". 1905–12 mit Unterbrechungen in Berlin lebend (nach dem Besuch einer Dienerschule wurde W. 1905 kurzzeitig Lakai auf einem oberschlesischen Schloss). Niederschrift der drei Romane "Geschwister Tanner", "Der Gehülfe" und "Jakob von Gunten". Lebhafter Kontakt zur Berliner Theaterszene; so zum Schauspieler →Alexander Moissi und zu den Schauspielerinnen Gertrud Eysoldt und Tilla Durieux, vermittelt durch W.s Bruder Karl. Beiträge für diverse Zeitschriften (1907 "Kleist in Thun", "Was braucht es zu einem Kleist-Darsteller?"und "Was ist Bühnentalent?"). 1913 Rückkehr in die Schweiz und Publikation des szenischen Spiels "Tobold". Bis 1921 Aufenthalt in Biel. 1920–22 erschienen in Zeitschriften vier weitere Dramolette ("Das Liebespaar", "Dornröschen", "Das Christkind" und "Der Taugenichts"). 1921 Übersiedlung nach Bern, im Winter 1924/25 Niederschrift der "Felix"-Szenen. 1929 wegen psychischer Probleme Eintritt in die Heilanstalt Waldau, 1933 Verlegung in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau, ab 1934 unter Vormundschaft stehend. Seit 1936 regelmässig Besuche von W.s Freund, Vormund, Nachlassverwalter und Herausgeber →Carl Seelig, der seine Gespräche mit W. veröffentlichte: "Wanderungen mit Robert Walser" (1957, Hörspielfassung von →Werner Wüth­rich, Radio DRS 1972; 1978 Verfilmung durch Percy Adlon). 1967 fand im Kurhaussaal Zürich die vermutlich erste Aufführung eines Dramoletts von W. statt ("Aschenbrödel"). 1972 Publikation des "Räuber"-Romans aus dem Nachlass. Auf Anregung des Dramaturgen →Herbert Gamper am 17.1.1973 Uraufführung der Dramolette "Dornröschen" und "Schneewittchen" zusammen mit "Aschenbrödel" unter dem Titel "Alle gehen gegen das Schloss" am →Theater am Neumarkt Zürich. Die im Nachlass erhaltenen und 1981–2000 praktisch vollständig entzifferten so genannten Mikrogramme (Texte in Miniaturschrift aus den Jahren 1924–32) enthalten weitere dramatische Szenen, die im Zuge der intensiven W.-Rezeption der achtziger und neunziger Jahre, in denen eine Vielzahl von Bearbeitungen und Vertonungen entstand, teilweise zur Aufführung kamen. So wurden 1991 die "Felix-Szenen" aufgeführt (Mansarde des →Stadttheaters Bern), wurde 1995 das auf späten Texten basierende W.-Panoptikum "Ich bin der Liebling meiner selbst" von →Rudolph Straub am →Zürcher Theaterspektakel gezeigt und 1998 "Szenen aus dem Bleistiftgebiet", eine Auswahl aus den Mikrogrammen, unter dem Titel "Alles ist zu ertragen, nur nicht Überglücklichkeit" im →Schlachthaus Theater Bern präsentiert (Regie: →Robert Hunger-Bühler). W.s Prosa, insbesondere seine Romane, wurden mehrfach dramatisiert: "Jakob von Gunten", 1971 von Peter Lilienthal verfilmt, am 2.12.1988 unter der Regie von →Stephan Müller am →Theater Basel aufgeführt, "Der Gehülfe" 1975 von Thomas Koerfer verfilmt. Seine Märchenspiele dienten als Vorlage für Opernlibretti (17.10.1998 Uraufführung von →Heinz Holligers "Schneewittchen" am →Opernhaus Zürich; 14.3.1997 Uraufführung von →Martin Derungs’ "Aschenbrödel" in der →Roten Fabrik Zürich, Regie: →Gian Gianotti). Werk und Biografie regten mehrere Theaterautorinnen und -autoren wie Gert Hoffmann und Elfriede Jelinek ("er als nicht er") zu eigenen Dramen an. Seit 1993 mehrere Aufführungen in Lausanne und Genf. 1996 Gründung der Robert-Walser-Gesellschaft (Sitz: Robert-Walser-Archiv Zürich). Die Stadt Biel und der Kanton Bern vergeben den Robert-Walser-Preis.

Literatur

  • Kerr, Katharina (Hg.): Über R. W. Zweiter Band, 1978 [Bibliografie 1897–1977].
  • Borchmeyer, Dieter: R. W.s Metatheater. Über die Dramolette und szenischen Prosastücke. In: Chiarini, Paolo/Zimmermann, Hans Dieter (Hg.): "Immer dicht vor dem Sturze …", 1987.
  • Hinz, Klaus-Michael/Horst, Thomas (Hg.): R. W., 1991 [Auswahlbibliografie].
  • Hübner, Andrea: Ei’, welcher Unsinn liegt im Sinn?, 1995.
  • Utz, Peter: Tanz auf den Rändern, 1998.
  • Schaak, Martina: "Das Theater, ein Traum", 1999.
  • Gees, Marion: Schauspiel auf Papier. Gebärde und Maskierung in der Prosa R. W.s, 2001.
  • Aktuell geführte Bibliografie im Mitteilungsblatt der R. W.-Gesellschaft.

Nachlass

  • Robert-Walser-Archiv / Archiv der Carl-Seelig-Stiftung Zürich.


Autor: Dietrich Seybold



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Seybold, Dietrich: Robert Walser, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 2044–2045, mit Abbildung auf S. 2044.

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