STOP Performance Theater (STOP.P.T.), Bern BE

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Freie Gruppe ohne eigene Spielstätte

Das S. ging im August 1987 aus Mitgliedern der später auch unter dem Namen "Theaterkollektiv Studio am Montag" spielenden freien Theatergruppe hervor, die am 2.11.1970 als "Studio am Montag" von →Norbert Klassen, Peter J. Betts, →Rudolf Bobber und anderen im →Kleintheater Kramgasse 6 in Bern mit "Beatmusik und Untergrundlyrik Amerikas" gegründet worden war. Anfänglich noch eher literarisch orientiert (Lesungen: Gedichte-Abend "Willst Du still mich kosen …", Texte von Hans Magnus Enzensberger, Joachim Ringelnatz), erweiterte die Gruppe 1971, als die Vorstellungen vom Kleintheater Kramgasse 6 ins →Zähringer-Refugium verlegt wurden, ihr Experimentierfeld mit Peter Handkes "Selbstbezichtigung" (erstmals mit →Janet Haufler), lotete 1972 die Möglichkeiten einzelner Ausdrucksformen aus mit "Experiment Tanz" (unter der Leitung von →Alain Bernard und →Beatrice Tschumi) und "Experiment Neue Musik" (unter der Leitung des Musikers und Komponisten Urs Peter Schneider), erarbeitete unter anderem im gleichen Jahr die Uraufführung von Betts/Sam Jauns "Ach Auerbach" (Koregie: Bobber/Klassen), Marin Sorescus "Jona", 1973 vier Einakter von H. C. Artmann, 1974 die Uraufführungen von "Der Weg nach Bern" und drei anderen Stücken von Gerhard Rühm (Regie alle: Klassen) sowie von →Franz Hohlers "Lassen Sie meine Wörter in Ruhe" (Regie: Verena Strasser), 1976 Becketts Einakter "Nicht Ich", "Kommen und Gehen" und "Spiel" sowie 1978 Picassos "Wie man Wünsche beim Schwanz packt" (Regie beide: Klassen, mit der langjährig im Theaterkollektiv tätigen Tänzerin →Eva Schär) und 1979 Achternbuschs "Ella", 1981 Raymond Cousses "Strategie eines Schweins" (mit Bobber) sowie Handkes "Kaspar" (in der Titelrolle Haufler). Ausserdem wurden einige Kinderstücke realisiert. Mit all diesen Produktionen gab das Studio am Montag zahlreiche Gastspiele in der Schweiz, einige in Deutschland und Österreich (1977 am Festival Steirischer Herbst in Graz). →Hugo Ramseyer und Klassen fungierten als Leiter des Zähringer-Refugiums und erhielten Subventionen der Stadt Bern. 1978 trennte sich das Studio am Montag vom Zähringer-Refugium und trat von Herbst 1978 bis Anfang 1981 im →Theater am Zytglogge auf. Zu Beginn der achtziger Jahre fand im Kollektiv eine personelle und inhaltliche Neuorientierung statt, die verbleibenden Mitglieder der Gruppe wandten sich immer mehr der Performance zu. Während das Projekt "Carmilla, die Liebe und die Ewigkeit" (1979) noch im Theater am Zytglogge stattfand, wählte das Kollektiv anschliessend die unterschiedlichsten Orte und Räume (beispielsweise eine Altstadtwohnung, eine Galerie, Ausstellungsräume im Berner Kunstmuseum; bisweilen war die Zuschauerzahl stark begrenzt). Unter anderem entstanden 1980 Klassens "Susan – noch sichtbar – für kurze Zeit", ab 1981 das in 108 Teilen geplante Projekt "Menschen 2" (Koproduktion mit der Galerie Lydia Megert und in Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern, beispielsweise dem Grafiker Stephan Bundi und dem Kunsttheoretiker Gerhard Johann Lischka), 1982 "Die Gier nach Banalem" (Leitung: Anne Bogart), 1983 das Freilicht-Grossprojekt "Raritäten für Interpreten", bestehend aus zahlreichen Events an unterschiedlichen Orten in Bern von Klassen/Schneider, 1984 Schneiders "Vier Hahnebücher", 1986 Klassens "Schichten … Knoten … Variationen", Lischkas "Betriebsstörung" und 1987 Klassens "Der Schatten des Feuers". Mit der Umbenennung/Neugründung des Theaterkollektivs unter anderen mit Klassen, Haufler und Edith Frey (Administration) in "STOP.P.T."im August 1987 verkündete Klassen den "Tod des Theaters": Theaterstücke im konventionellen Sinn seien heute unmöglich geworden, es gebe nur noch eine fraktionierte Wahrnehmung der Wirklichkeit in isolierten Bildern; folglich könne das Theater nur noch einzelne, isolierte Momente dieser Wahrnehmung zeigen. Die adäquate künstlerische Nachfolgeform des Theaters sei deshalb die Performance. Unter anderem folgten gross angelegte Performances in der Berner →Dampfzentrale, beispielsweise 1987 Heiner Müllers "Bildbeschreibung" (Leitung: Klassen, Dauer: zwölf Stunden). 1987 realisierten das S. und das Ohne-Mich-Theater aus Kassel das gemeinsame Projekt "Achse Kassel–Bern. 2 x Provinz" und stellten während vierzehn Tagen in der Kulturfabrik Salzmann in Kassel ihre Arbeit vor (im Rahmen der Documenta). Entsprechend diesem Netzwerkgedanken, der die Zusammenarbeit mit anderen Performancekünstlerinnen und -künstlern forderte, führte das S. 1992, 1993 und 1995 Performancefestivals in der Dampfzentrale durch. Mitbeteiligt waren sie auch an den seit 1998 jährlich in Bern stattfindenden Performancefestivals "Bone" Nr. 1–6.

Das S. erhielt Projektbeiträge unter anderem von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und wurde bis 1995 durch regelmässige Subventionen der Stadt Bern unterstützt. Als diese ihren Subventionsbetrag halbieren wollte, lehnte die Gruppe eine weitere Förderung ab. Klassen gab den ihm von der Stadt verliehenen Sisyphus-Preis zurück. Erst 1997 zeigte das S. wiederum eine Produktion in Bern: Heiner Müllers "Hamletmaschine" im Kleintheater Kramgasse 6. Weitere folgten 1998 und 1999 sowie 2003 Schneiders "Die 1100 Studien (1955–1994)" im Berner →Schlachthaus Theater.

Literatur

  • Klassen, Norbert: PerformanceArtNetzwerk, herausgegeben von Gerhard Johann Lischka, 1992.
  • Vogel, Fritz Franz: "I am a network". Die Berner Performance-Szene: Vom Studio am Montag zur global vernetzten Wahlverwandtschaft. In: Koslowski, Stefan/Kotte, Andreas/Sorg, Reto (Hg.): Theater. Berner Almanach, Bd. 3, 2000.

Archiv

  • Schweizerische Theatersammlung, Bern.


Autor: Peter Arnold



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Arnold, Peter: STOP Performance Theater (STOP.P.T.), Bern BE, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1759–1761.