Schweizerisches Marionettentheater im Kunstgewerbemuseum der Stadt Zürich, Zürich ZH

Aus Theaterlexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

1918 wurden anlässlich der von →Alfred Altherr organisierten ersten Schweizerischen Werkbund-Ausstellung, bei der eine Synthese aus Kunst, Handwerk, Architektur und Theater präsentiert werden sollte, auch Marionettentheateraufführungen in einem eigenen, 160 Personen fassenden Raum innerhalb der Ausstellung geboten. Der Spielplan listete die folgenden Inszenierungen auf (Regie jeweils: →Werner Wolff): Wolffs "Der Mann aus einer anderen Welt" (Ausstattung: Louis Moilliet), →René Morax’ "Le Baladin de satin cramoisi/Der rotseidene Seiltänzer" (übersetzt von Wolff) und "La Machine volante" (Ausstattung beide: →Henry Bischoff), Poccis "Die Zaubergeige" (Ausstattung: Albert Isler), Mozarts "Zaide" (Ausstattung: Rudolf Urech), Daniel Baud-Bovys "Sainte Chagrin/Die heilige Kümmernis" (Übersetzung: Werner und →Hans Reinhart, Musik: →Gustave Doret, Ausstattung: Alexandre Cingria), Wolffs "Die beiden Brüder" (nach Grimm, Ausstattung: Ernst Georg Rüegg), Claude Debussys Ballett "La Boîte à joujoux" (Ausstattung: →Otto Morach) und Gozzis "König Hirsch" (Übersetzung und Bearbeitung: Morax und Wolff, Ausstattung: →Sophie Taeuber). Unter diesen sind die Inszenierung von "König Hirsch" in der abstrahierenden Ausstattung und mit den auf geometrische Formelemente reduzierten und stilisierten Marionetten von Taeuber und Morachs Ausstattung für "La Boîte à joujoux" (1918 unaufgeführt), beide dem Kubismus und Expressionismus verpflichtet, besonders beachtenswert. Das Kunstgewerbemuseum Zürich erwarb 1919 das umfangreiche Material dieses Marionettentheaters und installierte die Bühne in ihren Räumlichkeiten. Die grösstenteils als Lehrende an der Kunstgewerbeschule tätigen Künstler und Künstlerinnen und die Schüler und Schülerinnen bespielten das Theater, nun unter dem Namen S., bis 1935. Die Ausstattung, der Entwurf der Puppen, die Herstellung (fast alle Puppen wurden von →Carl Fischer geschnitzt) und die Puppenregie wurden meist vom Lehrpersonal übernommen (Altherrs Schwester Ottilie Hoch-Altherr führte ebenfalls häufig Regie), die Schülerinnen und Schüler (auch ehemalige) waren unter anderem als Spielerinnen und Spieler im Einsatz und fertigten teilweise die Kostüme. Im Lauf der Jahre kamen immer mehr professionelle Theaterschaffende hinzu, welche die Texte sprachen und sangen (zum Beispiel →Emil Hegetschweiler, der die Figur des Zürcher Hansjoggel sprach) sowie die Spielregie übernahmen (beispielsweise Eugen Aberer und →Mathilde Danegger). Ab 1921 wurden für die transportable Wanderbühne, die eine Bühnenöffnung von 1,70 m x 1 m (verkleinerbar auf 80 cm x 50 cm) und eine Bühnentiefe von 1 m (oder 60 cm) aufwies, rund zwanzig Inszenierungen erarbeitet, die im alten Kunstgewerbemuseum und später in den neuen Räumlichkeiten im Kreis 5, Ausstellungsstrasse 60, der Öffentlichkeit präsentiert wurden und teilweise bis zur Schliessung des Theaters im Repertoire blieben. Grundüberlegung für das S. war, nicht mit grossem technischem Aufwand "geschmacklose Zufälligkeiten" (Altherr) zu bieten, sondern ins "Reich des Grotesken, des Humors, der unbeschränkten kleinen Möglichkeiten" zu führen. Auf dem Spielplan standen beispielsweise Emil Alfred Herrmanns "Das Gotteskind" (Text bearbeitet und Figurenentwürfe von Morach und Fischer, Bühnenbild: Morach), Mozarts "Bastien und Bastienne" (Ausstattung: Paul Bodmer), →Carl Friedrich Wiegand/→Jakob Rudolf Weltis "Doktor Faust. Ein Puppenspiel" (Ausstattung: Morach), Poccis "Die Zaubergeige", Offenbachs "Das Mädchen von Elizondo" (Ausstattung beide: Max Tobler), Donizettis "Betly" (Ausstattung: Ernst Gubler), de Fallas "Meister Pedros Puppenspiel" (Ausstattung: Morach), →Traugott Vogels "Zirkus Juhu" (Ausstattung: Gubler), →Jakob Flachs "Ein armer Teufel" (Ausstattung: Konrad Schmid), Pergolesis "Der getreue Musikmeister" (Ausstattung: →Pierre Gauchat), →Walter Leschs "Hansjoggel im Paradies" (Ausstattung: Tobler) und Vogels "Der gestiefelte Kater" (Ausstattung: Eugen Früh). Das Marionettentheater nannte sich seit den dreissiger Jahren auf seinen Programmzetteln auch "Zürcher Marionettentheater im Kunstgewerbemuseum der Stadt Zürich". An diesen Namen knüpfte die Neugründung der →Zürcher Marionetten 1942 an, die sich nicht nur dem Namen verpflichtet fühlten, sondern sich auch in ihrer Programmation und der Auswahl der Mitarbeitenden an der Vorgängerbühne orientierten.

Literatur

  • Altherr, Alfred: Marionetten- und Schattenspiele, 1923.
  • Altherr Alfred (Hg.): Marionetten, 1926.
  • Altherr, Alfred: Die Geschichte des Marionettentheaters in der Schweiz, 1930.
  • Zürcher Puppenspiele, 1963 [Katalog zur Ausstellung im Helmhaus Zürich; enthält das Repertoire].


Autorin: Elke Krafka



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Krafka, Elke: Schweizerisches Marionettentheater im Kunstgewerbemuseum der Stadt Zürich, Zürich ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1656–1657.