Sommertheater Winterthur, Winterthur ZH

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Saisonales Sprechtheater mit Eigenproduktionen

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts entstanden in der Schweiz die ersten Sommertheater, die häufig einem Restaurant angeschlossen waren (Café- und Biergärten, Gaststätten). In Winterthur wurde bereits 1839 im Garten des "Hôtel de la Fortuna" gespielt, 1865 trat Theodor Kolbe mit seiner Wandertruppe auf einem Platz vis-à-vis des Casinos auf. Die Idee einer permanenten Sommerfreilichtbühne jedoch griff →Carl Friedrich Heuberger 1881 auf, als er und seine Truppe unter dem Namen "Heubergers Volkstheater" im Garten des "Café Strauss" spielten. Zur festen Institution mit seither ununterbrochener Spieltradition wurde das S. indessen erst ab 1890 unter Wilhelm Möller (bis 1893) und Eugen Otto Schmitt (ab 1893). Schmitt leitete den Betrieb mit Bühnenpavillon im Garten und Theatersaal im "Strauss" bis zu seinem Tod im Jahr 1928 und pflegte vor allem das Lustspiel, so genannte Volksrührstücke und Bauernschwänke, brachte aber auch Stücke wie Hauptmanns "Fuhrmann Henschel" und "Einsame Menschen", Schnitzlers "Liebelei" und Ibsens "Gespenster" zur Aufführung. Nach Theo Schmidt-Porten (1928–33) und Gisa Krasensky (1934) übernahm 1935 der Schauspieler und Regisseur →Markus Breitner die Leitung und stand dem Sommertheater bis 1981 vor. In seinen ersten Spielzeiten wurden in drei Monaten über 25 Stücke mit rund hundert Aufführungen gezeigt, in den sechziger Jahren waren es noch etwa zehn Inszenierungen pro Spielzeit. Zu den Mitwirkenden gehörten häufig Schauspielerinnen und Schauspieler sowie Regisseure des →Stadttheaters Chur und des →Städtebundtheaters Biel-Solothurn, die von Breitner zeitweise parallel geleitet wurden. Er setzte neben klassischen Lustspielen auch ernste Dramen auf den Spielplan, wartete mit Schweizer Erstaufführungen auf, gewann bedeutende Schauspieler für sein Haus und verhalf diesem zu hohem Ansehen. 1982 übernahm →Hans Heinrich Rüegg, der seit 1978 als Breitners Stellvertreter gewirkt hatte, die Leitung des S. Sein Ensemble bringt von Juni bis September sechs bis sieben Neuinszenierungen, vorwiegend von Stücken des gehobenen Boulevards, mit insgesamt rund achtzig Aufführungen heraus. Erhielt das S. 1952 erstmals eine Defizitgarantie der Stadt Winterthur, fliesst ihm von dieser seit 1964 eine jährliche Subvention zu. Zusätzlich wird es seit 1974 in geringerem Umfang vom Kanton Zürich unterstützt. Während die Stadt die Infrastruktur zur Verfügung stellt, wird das S. vom Direktor als Privatunternehmen geführt. Verbandsmitglied: →SBV.

Spielstätte

Stadthausstrasse 8a, 8401 Winterthur. Permanente Freilichtbühne im Garten des Restaurants "Strauß". Platzkapazität: rund 350 Plätze. Bühne: 7 m breit, 6 m tief, 3,5 m hoch. Ausweichbühne für Aufführungen bei ungünstiger Witterung im unmittelbar daneben gelegenen Restaurant. Platzkapazität: rund 200 Plätze. 1973 Wiederaufbau der Freilichtbühne nach einem Brand, 1989–91 Renovation und Umbau des gesamten "Strauss"-Gebäudekomplexes. Seit 2002 kann der Zuschauerbereich bei Bedarf überdacht werden.

Literatur

  • Stamm, Alfred: Thalia unter Kastanien. 100 Jahre S., 1965.
  • Rüegg, Hans Heinrich (Hg.): Markus Breitner. Ein Mann und sein Theater, o. J. [1981]. Das Sommertheater in Winterthur – über 125 Jahre alt. In: Proscenium 2/1993.
  • Muscionico, Daniele: Das S. – historisches Theater-Unikum im Biergarten. In: Neue Zürcher Zeitung, 23.7.1994.


Autor: Marco Badilatti



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Badilatti, Marco: Sommertheater Winterthur, Winterthur ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1700.