St. Galler Marionettentheater, St. Gallen SG

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Stehendes Marionettentheater mit wechselndem Ensemble aus Amateurspielerinnen und -spielern, Eigenproduktionen, 1903–43

Das S. wurde am 16.3.1903 von →Hermann Scherrer als erstes stehendes Puppentheater der Schweiz in St. Gallen gegründet und spielte vierzig Jahre lang bis zu seiner Schliessung 1943 an den Wochenenden der Wintermonate, zunächst hauptsächlich für ein Kinderpublikum, später auch für Erwachsene. Die Liebhaberbühne wurde vom Leiter und Eigentümer Scherrer und einem Ensemble aus Familienmitgliedern und Bekannten betrieben und brachte unter Mitarbeit von bildenden Künstlerinnen und Künstlern, darunter die Malerin Hedwig Scherrer, sowie von Musikern insgesamt 25 Inszenierungen heraus. Scherrers Vorbild war das bekannte Münchner Marionettentheater von Josef Leonhard Schmid. 1901 wurden dort die Bühneneinrichtung und die ersten Figuren beschafft. Von seinem Münchner Vorbild übernahm S. auch den realistischen Volkstheaterstil und die komische Figur Kasperl Larifari – einen bunt kostümierten, bärtigen Räsonneur mit bayrischem Dialekt – sowie die Spieltexte von Graf Franz von Pocci (1807–76), der für die Münchner Bühne über vierzig Kasperstücke verfasst hatte. Das S. führte sechzehn seiner Stücke auf: beispielsweise 1903 "Das Glück ist blind" (Zauberspiel mit Gesang), 1904 "Kasperl als Prinz", 1909 "Die Zaubergeige" (Märchendrama mit Gesang und Tanz) und 1912 "Das Eulenschloss", das 1914 zu einem Gastspiel an die Schweizerische Landesausstellung in Bern eingeladen wurde. Später kamen Vorlagen anderer Autoren sowie einer Autorin dazu, beispielsweise 1916 "Doktor Johannes Faust", 1923 Hans Sachs’ Komödie "Frau Wahrheit will niemand herbergen", 1926 "Kalif Storch" nach Hauff (bearbeitet von Max Scherrer) und 1937 "Heidi" nach Johanna Spyri (bearbeitet von Scherrer). Diverse Liebhabergruppen und Schulbühnen liessen sich in der Zwischenkriegszeit durch das Vorbild des S. zu eigenem Tun anregen. Das 1956 gegründete →St. Galler Puppentheater nahm in seinen ersten beiden Spielzeiten als Hommage an die Vorgängerbühne deren Inszenierungen "Heidi" und "Tischlein deck dich" ins Programm auf.

Spielstätten

Ab 1903 war das S. zunächst im Geschäftshaus "Zum Kamelhof" der Scherrer’schen Firma an der Multergasse in St. Gallen untergebracht. 1912 bezog es neue Räumlichkeiten an der Eschenstrasse: Platzkapazität: 118 in Stufenreihen angeordnete Sitz- und dreissig Stehplätze. Bühne: Guckkastenbühne, Portal: 100 cm breit, 60 cm hoch, elektrische Beleuchtung, Bühnenmaschinerie, unter anderem mit mechanischen Versenkungen.

Literatur

  • 20 Jahre St. Galler Marionettentheater. Sonderheft der Zeitschrift Das Puppentheater 4/1923.
  • Scherrer, Hermann: 30 Jahre St. Galler Marionettentheater 1903–1933, 1934.
  • Das historische St. Galler Marionettentheater, Puppeninventar, Spielzettel und anderes, zusammengestellt von Paul Richard Scherrer, Uerikon 1991 [Nachlassverzeichnis].

Nachlass

  • Es existierte ein Bestand von mehr als 200 Personenfiguren (20–28 cm gross), von rund vierzig Tierfiguren und achtzig Dekorationen. Er wurde 1991 von den Erben an Privatpersonen verkauft;
  • das "Heidi"-Spiel mit Textbuch, Bühnenbild und fünfzehn Marionetten befindet sich im Historischen Museum St. Gallen.


Autor: Gustav Gysin



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Gysin, Gustav: St. Galler Marionettentheater, St. Gallen SG, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1565.