Stadttheater Rheinfelden, Rheinfelden AG

Aus Theaterlexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

In Rheinfelden wurden drei Spielstätten zeitweise unter den Namen Stadttheater beziehungsweise Kurtheater geführt: das Theater in der ehemaligen Kapuzinerkirche, der Salmensaal und der Bahnhofsaal.


Theater in der ehemaligen Kapuzinerkirche

Eine 1830 gegründete Theatergesellschaft erwarb auf Initiative des Rheinfelder Arztes und Komponisten Dr. Josef Anton Sulzer die ehemalige Kapuzinerkirche und baute sie zu einem Theater um. 1832 wurde es mit Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" eröffnet. Sulzer hatte schon zuvor in einem Theatersaal über dem Rathaussaal Aufführungen mit Amateuren veranstaltet, darunter 1819 Mozarts "Die Zauberflöte" und 1820 Heinrich Zschokkes "Abellino". In der Kapuzinerkirche waren zunächst Liebhaberaufführungen klassischer Dramen zu sehen, etwa Schillers "Wallensteins Lager", "Die Räuber", "Wilhelm Tell" und "Kabale und Liebe", Goethes "Egmont" sowie Opern wie Méhuls "Joseph und seine Brüder", Mozarts "Die Zauberflöte" und Lortzings Singspiel "Der Pole und sein Kind". Gelegentlich gastierten Wandertruppen. 1853 löste sich die Theatergesellschaft wegen finanzieller Schwierigkeiten auf und eine Theater-Aktiengesellschaft wurde gegründet, die 1858 das Gebäude samt Inventar erwarb. Weiterhin fanden Aufführungen einheimischer Vereine statt, so zeigten der Dramatische Verein Rheinfelden 1882 Otto Ludwigs "Der Erbförster", 1899 →Charlotte Birch-Pfeiffers "Der Goldbauer" und 1901 Franz und Paul von Schönthans "Der Raub der Sabinerinnen" und der Cäcilienverein, die Stadtmusik und der Orchesterverein 1888 Webers "Preziosa", 1889 Arnold Langs Schauspiel mit Gesang "Der Schweizer in Neapel" und 1892 E. Baumers Schauspiel "Der Überfall von Rheinfelden". Durch die 1846 eröffneten Solebäder erlangte Rheinfelden um die Jahrhundertwende internationale Berühmtheit. Um die Kurgäste kulturell zu unterhalten, erwarb die damals nur rund 3000 Bewohner zählende Gemeinde 1898 das Theatergebäude. Im Sommer 1899 bespielte es der Theaterdirektor Arthur Müller mit seiner Truppe, die unter anderem Okonkowskys "Kapitän Dreifus" (Regie: Carl Faust) zeigte. Ab 1906 verpflichtete man die Schauspieltruppe Senges-Faust, die schon zuvor in Rheinfelden gastiert hatte. Julius Faust (1844–1929) war 1876 zusammen mit seinem Bruder Carl und einer Wandertruppe aus Österreich in die Schweiz gekommen, wo er die Schauspielerin Maria Becker geheiratet hatte. Die gemeinsame Tochter Minna (1877–1950), auf der Bühne als Heroine und Salondame sowie später auch als Regisseurin erfolgreich, hatte 1895 den in der Truppe tätigen Schauspieler und Regisseur Carl Senges (1866–1940) geheiratet, der seitdem gemeinsam mit ihr und Julius Faust die Truppe leitete. Das Ensemble spielte von November bis April in Chur, im Herbst in Aarau und in Rheinfelden zunächst von Anfang April bis Ende Juni, später von Mitte Juni bis Ende September. Zur Truppe, die zunächst als "Ensemblegastspiel der Vereinigten Stadttheater Aarau-Chur" angekündigt wurde, gehörten neben dem bis 1928 als Oberspielleiter fungierenden Julius Faust auch Minna Senges’ Schwester Auguste (1871–1967), zunächst als jugendliche Naive, später als komische Alte erfolgreich, und ab 1909 der Kapellmeister und Schauspieler Johannes Schumann (der 1911 Auguste Faust ehelichte), zudem der Regisseur und Schauspieler Karl Goeckler sowie der Schauspieler und Musiker Otto Homberger. Gezeigt wurden neben Schwänken und Operetten Stücke wie 1906 Sardous "Madame Sans-Gêne" (mit Minna Senges-Faust in der Titelrolle) und Schillers "Maria Stuart", 1907 Hauptmanns "Fuhrmann Henschel", 1909 Hebbels "Maria Magdalena" und Ibsens "Nora". Im Ersten Weltkrieg und den Jahren danach hatte die Truppe durch das Ausbleiben der Kurgäste einen starken Publikumsrückgang zu verzeichnen, der durch finanzielle Zuschüsse der inzwischen auf rund 5000 Einwohner angewachsenen Stadt nur teilweise ausgeglichen werden konnte. Zunehmend bestimmten daher Schwänke und Operetten den populärer gestalteten Spielplan, der dennoch weiterhin Dramen wie Kleists "Der zerbrochene Krug" und Strindbergs "Wetterleuchten", Hofmannsthals "Der Tor und der Tod", Romain Rollands "Ein Spiel von Tod und Liebe", Wildes "Eine Frau ohne Bedeutung" und 1930 mit aussergewöhnlichem Erfolg Somerset Maughams "Die heilige Flamme" aufwies. Die letzte Aufführung in der Kapuzinerkirche war am 26.9.1930 Robert Stolz’ Operette "Der Tanz ins Glück" (Regie: Rudolf Frank, musikalische Leitung: Johannes Schumann). Die Hauptrolle sang der Lehrer und Präsident der Rheinfelder Theaterkommission Ernst Hohler, der jährlich mehrmals dort gastierte. Der bauliche Zustand des Gebäudes und die Bühneneinrichtungen machten eine weitere Bespielung unmöglich. Ein Kredit für die Renovierung wurde 1933 von der Einwohnergemeinde abgelehnt. Erst nach der Renovation 1971/72 konnte der Raum wieder genutzt werden, nun als Konzert- und Vortragssaal sowie für Kurse der Musikschule, deren Theatergruppe "Theaterwerkstatt Rheinfelden" dort 1998 Lohui­zens "Dossier: Ronald Akkermann" und 2001 Woody Allens "Mittsommernachtssexkomödie" aufführte.


Salmensaal

Die Truppe Senges-Faust spielte 1931–34 vier Sommerspielzeiten lang im Salmensaal – einem Festsaal an der Marktgasse 10 – der Name "Stadttheater Rheinfelden" wurde beibehalten. Aufgeführt wurden neben Schwänken unter anderem 1931 Carl Rößlers Rothschild-Stück "Die fünf Frankfurter" (mit Minna Senges-Faust als Mutter), Bruno Franks "Sturm im Wasserglas", →Werner Johannes Guggenheims "Die Frau mit der Maske", Johann Strauß’"Die Fledermaus" und Robert Stolz’ "Der Mitternachtswalzer", 1932 Fodors "Arm wie eine Kirchenmaus", Jean Gilberts "In der Johannisnacht" (mit Auguste Schumann als Grossmutter) und Falls "Der fidele Bauer", 1933 Ludwig Fuldas "Der Ehevulkan", Ervines "Die erste Frau Selby" (mit Minna Senges-Faust in der Titelrolle), Niccodemis "Scampolo" (mit der Sängerin Amanda Kurr in der Titelrolle), Kleists "Der zerbrochene Krug" (mit Johannes Schumann als Adam und Auguste Schumann als Frau Rull) und Schnitzlers "Liebelei" (mit Carl Senges als Hans Weiring), 1934 Veillers "Der Prozess Mary Dugan", →Robert Faesis "Die Fassade", Molnárs "Spiel im Schloss" und Wildes "Lady Windermeres Fächer". Der Salmensaal diente bis Anfang der achtziger Jahre, zuletzt unter dem Namen "Theater am Rhein", für Theateraufführungen. Neben Dialektschwänken mit Schweizer Schauspielerinnen und Schauspielern wie →Jörg Schneider, →Paul Bühlmann oder →Trudi Roth waren 1981 Lessings "Nathan der Weise" mit →Carlos Werner, 1982 Dengers "Langusten" mit →Jenny Rausnitz und 1983 Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" dort zu sehen. Zudem Nutzung als Proberaum für Tourneeproduktionen von →Egon Karter (1981 Pirandellos "Der Mann, das Tier und die Tugend", 1982 →Friedrich Dürrenmatts "Der Meteor") und →Eynar Grabowsky (1981 Balzacs "Das Finanzgenie", Traudel Kulenkampffs "Ein ganz normal verrückter Mann" mit Hans-Joachim Kulenkampff, Barillet/Grédys "Vierzig Karat" mit →Voli Geiler).


Bahnhofsaal

1935–39 bespielte die Truppe Senges-Faust den "Kurtheater Rheinfelden" genannten Bahnhofsaal am Bahnhofplatz. Die erste Saison wurde am 17.5.1935 mit Hans Jarays Lustspiel "Ist Geraldine ein Engel?"eröffnet. Es folgten Spielpläne nach bewährtem Prinzip, unter anderem mit Hauptmanns "Der Biberpelz" und "Hanneles Himmelfahrt", Shaws "Pygmalion", Hofmannsthals "Jedermann" (mit →Leopold Biberti als Gast in der Titelrolle), Sudermanns "Johannisfeuer" und →Curt Goetz’ "Dr. med Hiob Prätorius", Ludwig Thomas "Moral" und Hermann Bahrs "Das Konzert". In der Zeit des Nationalsozialismus fanden zahlreiche Emigrantinnen und Emigranten in der Truppe Zuflucht, darunter 1934 →Melanie Münzner, 1935 Otto Koch-Gaarden und Ludwig Neugass, 1938 Herta Gara und →Hans Duran sowie 1939 →Erna Brünell. Neben Werken jüdischer Autoren, Komponisten und Librettisten, die im nationalsozialistischen Deutschland verboten waren, zeigte man auch Stücke dort geschätzter Autoren wie Sigmund Graffs Bauerndrama "Die Heimkehr des Matthias Bruck" oder Heinrich Zerkaulens Komödie "Der Sprung aus dem Alltag". Im Rahmen der "Schweizer Autorenabende" spielte man unter anderem →Cäsar von Arx’ "Der Verrat von Novara", →Wilhelm Alfred Imperatoris "Die ewige Melodie" und →Alfred Gehris "Sechste Etage". Die Theaterkommission nahm Mitte der dreissiger Jahre zunehmend Einfluss auf den weit gehend gefälligen Spielplan und wählte anspruchsvollere Stücke wie 1938 Max Halbes "Der Strom" aus. Auf ausdrücklichen Wunsch der Theatergemeinde setzte man 1938 Schillers "Kabale und Liebe" und eine einmalige Aufführung von Strindbergs "Ostern" in Szene. Nach mehreren ökonomisch schwierigen Jahren sah sich Carl Senges Anfang September 1939 noch vor dem Ablauf der geplanten Sommerspielzeit "gezwungen, bei Ausbruch der Weltkatastrophe den Betrieb einzustellen". Im nun nicht mehr "Kurtheater" genannten Bahnhofsaal spielten darauf Amateurtheatergruppen wie 1941 der Rheinfelder Spieltrupp Burgkastell "Wilhelm Tell" nach dem "Urner Spiel vom Wilhelm Tell" (Regie: Hohler/→Karl Gotthilf Kachler). Zudem gastierten dort das →Quodlibet aus Basel (1942 mit Hamiltons "Gaslicht" mit →Gertrud Ramlo und →Max Degen), das →Stadttheater Bern (1942 mit einem Operetten- und Cabaretabend), das →Stadttheater Basel und das →Städtebundtheater Biel-Solothurn (1943 mit Arnold/Bachs "Die Spanische Fliege"). Der Bahnhofsaal dient bis heute als Aufführungsstätte für Tourneebühnen (unter anderem 1982 Hamiks "Der verkaufte Grossvater" mit →Walter Roderer) und die alle zwei Jahre stattfindenden Operettenaufführungen der Fricktaler Bühne, darunter 1998 Offenbachs "Die schöne Helena" und 2004 Johann Strauß’ "Eine Nacht in Venedig".

Spielstätten

Kapuzinerkirche: Kapuzinergasse, 4130 Rheinfelden. 1657 als Kirche des Kapuzinerklosters eingeweiht, 1804 profaniert. Umbau zum Theater mit Rängen und Logen. Eröffnung: 1832. Eigentümerin: zuerst Theater-Aktiengesellschaft, ab 1898 Einwohnergemeinde Rheinfelden. Platzkapazität: 500 Plätze. 1971/72 Umbau und Renovation: Einzug eines Zwischenbodens. Platzkapazität: 140 Plätze. Salmensaal (nicht mehr existent): ehemals 1. Obergeschoss des Hinterhauses der Brasserie Salmen, Marktgasse 10, 4130 Rheinfelden. Platzkapazität: 300 Plätze. Bahnhofsaal: Bahnhofplatz, 4130 Rheinfelden. 1934 erbaut. Eigentümerin: Brauerei Feldschlösschen. Eröffnung: 17.5.1935. Erhöhte Bühne, Balkon, Schnürboden. Platzkapazität: 500–700 Plätze. 1984 Renovation, danach 680 Plätze.

Literatur

  • Bröchin, Ernst: Kulturhistorische Rheinfelder Chronik, 1944.
  • Galli, Hans/Senti, Anton: Aus Rheinfeldens Theaterleben. In: Rheinfelder Neujahrsblätter 1948.
  • Roth, Richard: Die Musikinstrumente des Fricktaler Museums und ihre einstige Bedeutung für das musikalische Leben Rheinfeldens. In: Rheinfelder Neujahrsblätter 1976.

Archiv

  • Fricktaler Museum, Rheinfelden.


Autor: Thomas Blubacher



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Blubacher, Thomas: Stadttheater Rheinfelden, Rheinfelden AG, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1726–1728.