Street Parade, Zürich ZH

Aus Theaterlexikon
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Jährlich stattfindende Technoparade durch Zürich, in der Regel am zweiten Sonntag im August. Inspiriert von der Berliner Love Parade, führte sie ihr Gründer Marek Krynski 1992 erstmals durch. Sie soll eine "Demonstration für Liebe, Frieden, Freiheit, Grosszügigkeit und Toleranz" sein; dieser Anspruch formuliert zugleich die Spielregel für die teilnehmende Ravegesellschaft – ansonsten gibt es keine Normierungen.


Ablauf und Charakteristika der Parade

Aus dem anfangs verhältnismässig kleinen Umzug ist mittlerweile eine Grossveranstaltung geworden. Als Startzeit pendelte sich 15 Uhr 15 ein; die Dauer der eigentlichen Parade betrug anfangs rund drei, seit 1995 rund fünf Stunden. Wesentliches Element des Umzugs sind die Love Mobiles, Sattelschlepper von bis zu dreissig Metern Länge, in der Regel dem Motto entsprechend geschmückt, bestückt mit Musikanlagen von bis zu 80’000 Watt Leistung und besetzt mit Diskjockeys und Tanzenden. Die Love Mobiles tragen die Tanz- und Musikkultur des Techno aus dem "Untergrund" der jugendkulturellen Freizeitpraxis in die Öffentlichkeit. Beteiligten sich am ersten Umzug erst sieben Love Mobiles (wovon nur eines mit einer funktionstüchtigen Musikanlage ausgestattet war), so waren es 1995 bereits über zwanzig und ab 1997 jeweils rund dreissig. Die anfangs eher zurückhaltende Kleidung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Anhängerinnen und Anhänger der Technoszene und meist Jugendliche oder junge Erwachsene, wurde rasch schriller und auffallender, zunehmend kombiniert mit Accessoires wie Federboas, bunten Perücken, ausgefallenen Schuhen und Kopfbedeckungen. Oft zeigen die Kostüme viel Haut, sind sehr körperbetont und bevorzugt aus Materialien wie Latex, Leder und paillettenbesticktem Stoff. Dieser Hang zur Erotik wird vom Tanz während der Parade unterstrichen. Zunehmend werden Coiffeusen und Coiffeure, Maskenbildnerinnen und Maskenbildner sowie Bodypainter vor Ort für perfektes Styling herangezogen. Es gilt, in der Masse durch eine kunstvolle Selbstinszenierung möglichst aufzufallen. Vor allem die Tänzerinnen und Tänzer auf den Love Mobiles sind Blickfang des Publikums. Zu erkennen sind inhaltliche, formale und symbolische Einflüsse aus dem südamerikanischen und karibischen Karneval, aber auch aus Gay-Paraden, die seit den siebziger Jahren in den USA und Europa durchgeführt werden. Im Vergleich zu anderen Festen und Bräuchen fällt ausserdem auf, dass die Kommunikation eine nachrangige Bedeutung hat ebenso wie die Konsumation von Speisen oder Alkohol (was auf das spezifische Körperbild und den Drogenkonsum innerhalb der Technoszene zurückzuführen ist).


Umzugsroute

1992 führte die erste Umzugsroute durch die Zürcher Bahnhofstrasse. Bereits 1993 musste die Route verlegt werden und verlief schliesslich über die Urania-Brücke, das Limmatquai und die Rudolf-Brun-Brücke zur Nationalbank. Im Frühling 1994 verbot der Polizeivorstand die Neuauflage der S. mit der Begründung, sie sei zu laut, zu gross, verschmutze die Strassen und interessiere nur eine Minderheit. Auf Grund des öffentlichen und politischen Drucks wurde die Bewilligung schliesslich doch erteilt; allerdings musste die Route nochmals geändert werden: Nun führte sie auf einer Strecke von 2,8 Kilometern rund um das Stadtzürcher Seebecken, mit Start am Hafendamm Enge am Mythenquai, vorbei am Bürkliplatz und am Bellevue bis zur Hornbachstrasse im Seefeldquartier, wo die Parade am frühen Abend endete. Seit 2003 verläuft die Route zur Entlastung des Seefeldquartiers in umgekehrter Richtung.


Rahmenveranstaltungen

Ist die Parade zu Ende, starten die Raverinnen und Raver in die Partynacht. Die Zahl der vor und nach der Parade stattfindenden Parties stieg in den ersten zehn Jahren sukzessive auf über hundert. Die grösste, genannt "Energy", wurde von Arnold Meyer initiiert und fand 1992 – damals illegal – in der ehemaligen Kugellagerfabrik Schmid-Roost in Oerlikon statt, ab 1993 im Hallenstadion. Seit 1993 können die Raverinnen und Raver an Warm-up-Parties, die am Vormittag vor der eigentlichen Parade stattfinden, an After-Hours am Sonntag­nachmittag und bis in die Nacht des folgenden Montags "durchtanzen".


Die S. als Grossanlass

Bereits die erste S. mit etwa tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern war ein grosser Erfolg. Bis ins Jahr 2001 steigerte sich die Zahl der teilweise aus aller Welt angereisten Besucherinnen und Besucher auf eine Million (1993: 3000, 1994: 25’000, 1995: 120’000, 1996: 350’000, 1997: 400’000, 1998: 450’000, 1999: 500’000, 2000: 750’000, 2001: 1’000’000, 2002: 650’000, 2003: 900’000). Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Fest der Raverinnen und Raver zu einem Volksfest breiter Bevölkerungsteile. Die Tatsache, dass die S. im Unterschied zu anderen Demonstrationen jeweils friedfertig und gewaltfrei ablief, hat wesentlich zu ihrer grossen Akzeptanz beigetragen. Ab Mitte der neunziger Jahre begann sich an der S. vor allem die massenkulturelle Seite der Technokultur zu äussern, mit Ausnahme von einzelnen Wagen aus der Untergrund-Musikszene und einzelnen Parties. Die Medienpräsenz nahm dementsprechend zu: 1994 wurde die S. erstmals live im Fernsehen übertragen, seit 1996 hat sie ihre eigene Website, 1999 ging Radio S., von den Veranstaltern in Baubaracken auf der Sechseläutenwiese betrieben, während des Monats August erstmals auf Sendung und 2000 waren bereits fünf Fernsehsender an der S. präsent.


Organisationsstruktur und Finanzierung

Als Grossanlass erfordert die S. mittlerweile einen enormen Aufwand an Organisation sowie eine breit angelegte Infrastruktur (2003 waren beispielsweise rund 3000 Helferinnen und Helfer beteiligt sowie Sicherheitsleute, Polizistinnen und Polizisten, Sanitäterinnen und Sanitäter sowie Feuerwehrleute im Einsatz). 1996 wurde der "Verein Street Parade Authorities" gegründet und im Herbst 1998 in "Verein Street Parade Zürich" umbenannt. Als Präsident im Vollzeitpensum amtierte ab 1996 Herby Leodolter, der Krynsky als bisherigen Veranstalter ablöste. 2000 übernahm der Jurist Michel Loris-Melikoff das Amt. Marketing und Sponsoring, der Internetauftritt, die Pressekontakte, die Bereiche Sicherheit und Sanität sowie der Einsatz der Reinigungsequipe werden von Mitgliedern des Organisationskomitees betreut. Über die Vergabe der dreissig Love Mobiles entscheidet der "Love-Mobile-Rat", ein siebenköpfiges Gremium, das an der Generalversammlung aus Vereinsmitgliedern gewählt wird. Die Auswahl wird auf Grund des vorgelegten Konzepts und der Präsenz der Bewerberinnen und Bewerber in der Techno- und Houseszene getroffen. Da die S. keine politischen Absichten verfolgt, sind Themenwagen politisch aktiver Organisationen nicht vertreten. Als Non-Profit-Event untersagt sie jegliche Produktwerbung auf den Wagen. 1996 betrug das Budget der S. 300’000 Franken, 2003 bereits 1,2 Millionen Franken. Die grössten Beträge fliessen in die allgemeine Organisation, die Sicherheitsvorkehrungen und die Abfallentsorgung, die der Verein nach wie vor weit gehend selbst leisten muss, der Rest entfällt auf PR und Werbung. Seit 1995 wird die S. von grossen Sponsoren unterstützt, so dass die Kosten zusammen mit den Erträgen aus dem Verkauf der Getränke und der Street-Parade-CD gedeckt sind.

Auszeichnungen

  • 1998 Sonderpreis des Art Directors Club Schweiz.

Literatur

  • Muri, Gabriela: Aufbruch ins Wunderland?, 1999.
  • Soltmannowski, Christoph: Street Parade, 2002.


Autorin: Davina Siegenthaler



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Siegenthaler, Davina: Street Parade, Zürich ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1766–1767.