Tellspiel- und Theatergesellschaft Altdorf, Altdorf UR

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Die erste belegbare Tell-Aufführung in Altdorf fand 1512 statt. 1648 und 1745 wurde die in diesem Ort und seiner Umgebung lokalisierte Tellsage erneut gezeigt. Am 15.1.1898 beschloss der Männerchor Altdorf auf Antrag des späteren Landammanns Alois Huber, die Tellspieltradition zu beleben und regelmässig Schillers "Wilhelm Tell" aufzuführen. Die Altdorfer Volksversammlung vom 18.10.1898 stellte sich hinter diesen Beschluss. 1899 wurde Schillers "Wilhelm Tell" erstmals durch den "Verein für Tellaufführungen" (heute T.) im eigens gebauten Tellspielhaus aus Holz (1200 Plätze) aufgeführt. Seither spielte die T. das Stück, das – zeitbedingt und zeitbezogen – immer wieder anders interpretiert wurde, in unregelmässigen Abständen rund vierzig Mal. Gespielt wird, je nach Bearbeitung und Inszenierung, auf Hochdeutsch oder in Mundart. Seit ihrer Gründung arbeitet die T. unter professioneller Leitung, teils mit namhaften Regisseurinnen und Regisseuren und international bekannten Bühnenbildnern; Darstellerinnen und Darsteller sind jeweils über hundert Amateure aus Altdorf und Umgebung. Zwischen 1899 und 1913 war meist Gustav Thiess für die Inszenierungen verantwortlich. Der Erste Weltkrieg unterbrach die Spieltradition, 1915 wurde das Tellspielhaus abgebrochen. Erst am 12.7.1925 eröffnete die T. ihr neues Tellspielhaus im ehemaligen Gemeindehaus, das umgebaut und um einen Theatersaal (rund 1200 Plätze) erweitert worden war. Zwischen 1925 und 1949 führte Otto Bosshard mehrmals Regie, 1934 und 1935 war Fritz Ritter Spielleiter. In den dreissiger Jahren wurden die Tellspiele im Zuge der geistigen Landesverteidigung zum Ort patriotischer Selbstvergewisserung. Gemäss Bundesrat Philipp Etter (1938) sollte das Tellspiel von Altdorf "[…] in ernster Zeit eine heilige Stätte vaterländischer Erneuerung werden". Walter J. Ammann, Regisseur der Inszenierung von 1953, sah die Tellspiele als Schutz gegen "jeden fremden Einfluss […], der Freiheit und Eigenart unseres Landes zu bedrohen sucht" sowie als "Bekenntnis zur Heimat", das die "stets wachsame Liebe fürs Vaterland" aufrechterhalte. 1956 führte →Oskar Eberle Regie und ersetzte die bisherigen Kulissen, die 1947 von →Heinrich Danioth und Albert Huber neu gestaltet worden waren, durch eine Drehbühne mit projizierten Szenenbildern von →Max Bignens. Tino Arnold, Regisseur der Produktionen von 1962 und 1965, setzte sich zum Ziel, das Tellspiel als Drama des Volkes, jedoch ohne Folklore und Pathos, zu in­szenieren. Die Unterdrückung und Empörung selbst sollte dargestellt werden; die Tellspiele wurden auch als Sinnbild des Kampfes gegen den Kommunismus gedeutet. Zwischen 1957 und 1985 inszenierte vor allem →Erwin Kohlund für die T. Nachdem das Tellspielhaus mit finanzieller Unterstützung des Bunds, verschiedener Kantone und Gemeinden, der Schweizerischen Bundesfeierspende sowie diverser Stiftungen und Sponsoren 1974–76 umfassend renoviert worden war, schuf Kohlund 1976 eine Neuinszenierung in Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner →Max Röthlisberger. Die Gründe für die Weiterführung der Tellspiele und die dafür notwendige Renovation des Tellspielhauses waren für die T. laut der Broschüre "Dokumentation zur Renovation des Tellspielhauses in Altdorf" (1974) in erster Linie "Überlegungen ideeller Natur": Trotz der Kritik an der Historizität Tells sei er "gerade in der heutigen Zeit für hunderttausende von Menschen Symbol des Freiheitswillens und der Freiheit", auch der volkswirtschaftliche und touristische Wert der Spiele und die Bedeutung des Tellspielhauses als Kulturzentrum wurden hervorgehoben. 1988, 1991 und 1994 führte →Franziska Kohlund Regie und gestaltete mit dem Bühnenbildner →Toni Businger, dem Lichtdesigner →Rolf Derrer und dem Musiker Peter Sigrist eine "atmosphärisch dichte Parabel einer zeitlosen Aktion des Widerstands", in der Tell nicht heldenhaft, sondern eher zufällig ins Geschehen trat. 1991 waren die Tellspiele offizieller Beitrag des Kantons Uri zur 700-Jahr-Feier der Schweiz. 1998 beging die T. ihr hundertjähriges Jubiläum mit einer Neubearbeitung des Stoffes und einer zeitgenössischen Inszenierung nach Barbara Schlumpfs Konzept "Gasthof Wilhelm Tell" (Regie: Schlumpf), der Schauspieler Emil Stalder dokumentierte und publizierte die Probearbeit unter demselben Titel. Schlumpf interessierte unter anderem die Frage nach dem Sinn des gewalttätigen Widerstands. 2004 inszenierte →Louis Naef zum 200-jährigen Jubiläum der Uraufführung von Schillers "Wilhelm Tell" das Stück in einer Fassung von →Hansjörg Schneider. 1999 ging das Tellspielhaus, nun "theater(uri) Tellspielhaus Altdorf" genannt, von der T. an die Gemeinde Altdorf über. Es verfügt heute über den Urner Saal (412–551 Plätze), den Altdorfer Saal (139 Plätze) sowie das Foyer (80 Sitzplätze, 700 Stehplätze). Neben den Tellspielen finden in den Räumen zahlreiche andere kulturelle Veranstaltungen statt. Die T. wird finanziell unterstützt durch Beiträge der Gemeinde Altdorf, des Kantons Uri, von Mitgliedern, Gönnern sowie diversen Stiftungen und Sponsoren. Ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der T. war das Freilicht-Gastspiel 1939 in Budapest mit 160 Mitwirkenden. Verbandsmitglied: →ZSV.

Auszeichnungen

  • 1977 Kulturpreis der Innerschweiz und 1992 Preis der Dätwyler-Stiftung, Altdorf.

Literatur

  • Bendix, Regina: Backstage Domains. Playing "Willhelm Tell" in two Swiss Communities, 1989.
  • Fryberg, Stefan: Bretter, die die Schweiz bedeuten. Von den Anfängen der Tellspiele Altdorf, 1991.


Autor/Autorin: Sigi Blarer/Sara Baumann



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Blarer, Sigi/Baumann, Sara: Tellspiel-und Theatergesellschaft Altdorf, Altdorf UR, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1830–1831, mit Abbildung auf S. 1830 und S. 1831.