Theater Kanton Zürich, Winterthur ZH

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Tourneetheater mit festem Ensemble, seit 1983/84 eigene Spielstätte

Das T. wurde unter dem Namen "Genossenschaft Theater für den Kanton Zürich" am 16.6.1971 von →Reinhart Spörri zusammen mit Theaterschaffenden (unter anderen →Alex Freihart und →Margrit Winter), Mäzenen, kulturell Interessierten und Gemeindepolitikern des Kantons gegründet. Zuvor hatte bereits das →Theater am Neumarkt in Zürich, wo Spörri als Dramaturg und Regisseur engagiert gewesen war, eine Reihe von Vorstellungen in verschiedenen Gemeinden des Kantons gezeigt. Nun übertrug er das Konzept, professionelles Theater aufs Land hinaus zu tragen, auf ein neu aufzubauendes Wandertheater mit genossenschaftlich organisierter Trägerschaft. Spörri übernahm die künstlerische Leitung, Freihart die kaufmännische (er ging jedoch 1972/73 als Direktor ans →Städtebundtheater Biel-Solothurn). Der auf drei Jahre gewählte, neun- bis elfköpfige Genossenschaftsvorstand setzt sich aus je drei Vertreterinnen und Vertretern der Zürcher Gemeinden, der privaten Mitglieder und des Ensembles zusammen. Bereits im Herbst 1971 nahm das T. seinen Spielbetrieb mit Kleists "Der zerbrochene Krug" auf (Premiere: 1.10.1971 im Gasthaus "Blume" in Fischenthal). In der ersten Spielzeit gab es mit sieben Produktionen 140 Vorstellungen, und als Genossenschafter konnten neben juristischen und natürlichen Personen 71 politische Gemeinden sowie sieben Schulgemeinden gewonnen werden. Allerdings dominierten – entgegen dem Konzept – noch die Abstecher über die Kantonsgrenze hinaus, unter anderem nach Glarus und St. Moritz. Zudem zählten die Vorstellungen am →Stadttheater Chur, das Spörri 1971–75 gleichzeitig leitete, zum festen Grundabsatz. Obwohl der Kanton das T. seit 1973/74 finanziell unterstützte und seine Eigeneinnahmen vergleichsweise hoch waren (bis zu fünfzig Prozent des Budgets), kam es wiederholt in finanzielle Schwierigkeiten. Spörris Spielplankonzept für das T. sah anspruchsvolles und unterhaltsames Theater für die Landbevölkerung vor: Pro Spielzeit standen in der Regel mindestens zwei Klassiker der Weltliteratur (vor allem von Molière, Shakespeare und Goldoni), ein Werk der Moderne und ein aktueller Theatertext respektive ein Drama zu einem aktuellen Thema sowie ein Kinderstück und ein Stück für Jugendliche (das oft während zwei Spielzeiten lief) zur Auswahl. Schweizer Autoren waren jeweils mit ein bis zwei Werken vertreten (vor allem →Max Frisch und →Hansjörg Schneider). Zu Beginn der neunziger Jahre gab das T. jährlich rund 200 Vorstellungen. 1995 trat Markus Emmenegger, als Regisseur am T. bereits bekannt, als neuer künstlerischer Leiter zusammen mit Peter Wehrli, seit 1992 kaufmännischer Leiter, die Nachfolge Spörris an. Sie verpflichteten mit →Peter Arnold erstmals einen Dramaturgen und als Regisseure unter anderen →Jordi Vilardaga (beispielsweise 1996 Fassbinders "Bremer Freiheit", 1997 "Die Käserei in der Vehfreude" von →Markus Michel nach →Jeremias Gotthelf, 1999 →Paul Steinmanns Jugendstück "Ikarus & Co.") und Peter Stoytschev. Das Ensemble erfuhr eine Verjüngung. Emmenegger und Wehrli nannten das Wandertheater neu "Theater Kanton Zürich" und die seit 1983/84 bestehende eigene Winterthurer Spielstätte, wo das T. in der Regel seine Premieren spielt, "Siditheater" (zuvor "Theater i de Sidi"). Finanzzwänge erforderten schon bald eine sukzessive Reduzierung der jährlichen Neuproduktionen von fünf auf vier, des Ensembles von vierzehn auf acht Mitglieder und 1997 die Auflösung des Vertrags mit Arnold. Im Sommer 1998 musste den Angestellten auf Ende der Spielzeit 1998/99 gekündigt werden. Auf Grund einer im Auftrag der kantonalen Direktion der Justiz und des Inneren erstellten Expertise entschied sich der Genossenschaftsvorstand für einen Neubeginn und verpflichtete für die Spielzeit 1999/2000 Vilardaga als Interimsleiter. Nachdem der Regierungsrat 2000 den jährlichen Beitrag an das T. um gut ein Drittel erhöht hatte, wurde der Vertrag mit Vilardaga verlängert, der somit ab 2000/01 als allein verantwortlicher Leiter fungierte. Sowohl mit seinen eigenen als auch mit den Arbeiten der Gastregisseure (unter ihnen →Peter Rinderknecht und Jürg Schneckenburger) gelang es Vilardaga, das Niveau der Theaterarbeit zu festigen. Pro Spielzeit entstehen heute vier bis fünf Neuinszenierungen, abwechselnd auch ein Stück für Kinder oder Jugendliche. Neben Klassikern der Bühnenliteratur finden sich zeitgenössische Stücke. Pro Jahr gibt das T. rund 160 Vorstellungen, davon zehn bis fünfzehn ausserhalb des Kantons und zwanzig "in der Sidi", wie die eigene Spielstätte seit 2000 genannt wurde. Die Öffentlichkeitsarbeit und die Dramaturgie, seit 1999 erneut von Arnold und von Marie-Louise Michel betreut, wurden unter Vilardaga professionalisiert, und 2002 zählte das Ensemble wieder elf Schauspielerinnen und Schauspieler. 2004 wurde dem T. der Mietvertrag für das Theater "in der Sidi" gekündigt. In einem Gebäude der ehemaligen Druckerei Winterthur an der Industriestrasse fand es als Ersatz neue geeignete Räumlichkeiten; für rund 2,5 Millionen Franken sollen dort ein Foyer, eine grosse Werkstatt, zwei Probenräume, Garderoben und Büros untergebracht werden. Die Eröffnung ist auf den 26.10.2005 geplant. Neben den Subventionen wird das T. zu etwa zwanzig Prozent durch die Beiträge der Genossenschaftsmitglieder (mittlerweile rund 120 von den insgesamt 171 Gemeinden des Kantons, 45 Schulgemeinden und rund 400 Privatpersonen), von Sponsoren sowie den Trägervereinen "Gesellschaft der Freunde des Theaters für den Kanton Zürich" (Wirtschaftsvertreter) und "Theaterclub des TZ" finanziert. Verbandsmitglied: →SBV, →ASTEJ.

Spielstätte

St. Gallerstrasse 40, 8400 Winterthur. Theater "in der Sidi": Ehemalige Seidenweberei, 1980–83 Proberaum, seit 1983/84 eigene Spielstätte. Raumbühne. Platzkapazität: rund 120 Plätze. Raum: 8 m breit, 24 m lang, 4 m hoch. Bühne: 8 m breit, 3,5 m hoch, 8 m tief. Wandelbare Podesterieelemente, ansteigende Tribüne. Spielfläche der Gastspielbühnen: 8–10 m breit und 8–10 m tief. Transportable Freilichtbühne mit ansteigender Tribüne: rund 250 Plätze. 20 m lang (inklusive Tribüne), 10 m breit.



Autor: Tobias Hoffmann-Allenspach



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Hoffmann-Allenspach, Tobias: Theater Kanton Zürich, Winterthur ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1873–1875, mit Abbildung auf S. 1874.

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