Theater am Neumarkt, Zürich ZH

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Eigenproduktionen mit festem Ensemble, Sprechtheater

Der wahrscheinlich schon im 18. Jahrhundert sporadisch als Aufführungsort verwendete Saal des damaligen Zunfthauses "Zur Schuhmachern" wurde seit den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts unter dem Namen "Theater am Neumarkt" für Gastspiele genutzt und diente auch einzelnen Ensembles als permanenter Spielort (1945 →Tribüne, 1949–51 →Cabaret Cornichon, 1951 Kleines Theater Zürich). Nachdem in den fünfziger und sechziger Jahren das Interesse an modernem Theater und damit verbunden der Wunsch nach einer zweiten Sprechbühne als Alternative zum Schauspielhaus immer deutlicher formuliert worden war, wurde das T. am 13.1.1965 unter der Leitung der Verwaltungsabteilung des Stadtpräsidenten als Gastspielbetrieb für Berufs- und Laiengruppen eröffnet. Nach dem finanziellen wie künstlerischen Misserfolg dieses Versuchs erfolgte am 12.1.1966 mit Havels "Das Gartenfest" die Neueröffnung als Theater mit fester künstlerischer Direktion und somit die Gründung des T. in seiner heutigen Form. Unter der Leitung von →Felix Rellstab (1966–71) etablierte sich das T. als zweite Zürcher Schauspielbühne mit Stücken moderner, in der Schweiz oft noch wenig bekannter Autoren wie Saunders, Pinter, Beckett, Ionesco, Bond sowie österreichischer und osteuropäischer Dramatiker wie Handke, Wolfgang Bauer, Artmann, Mrożek, Gombrowicz ("Yvonne, Prinzessin von Burgund"), die oft in Erst- oder Uraufführungen vorgestellt wurden. Als legendäre Ära des T. gilt die mit der Schweizer Erstaufführung von Handkes "Der Ritt über den Bodensee" begonnene Direktionszeit von →Horst Zankl (1971–75), unter der die Mitbestimmung des Ensembles eingeführt wurde. Mit der Suche nach neuen ästhetischen Formen, der Förderung junger österreichischer Autoren wie Bauer, Gerhard Roth, Handke (Uraufführung von "Die Unvernünftigen sterben aus"), den Bemühungen um das Volksstück (Horváth, Fleißer, Kroetz), aber auch weniger anspruchsvollen Aufführungen wie Fred Raymonds Operette "Saison in Salzburg" erlangten Zankl und sein Ensemble im deutschsprachigen Raum grosses Renommee. Nach der Ära Zankl wurde am T. auf unterschiedliche Weise und mit wechselndem Erfolg versucht, in einer sich zunehmend verändernden Theaterlandschaft den statutarisch festgelegten Auftrag eines modernen, experimentellen Spielplans einzulösen: Unter der Direktion von Luis Bolliger (1975–79), der stärker auf einen pluralistischen Spielplan setzte, verlor das T. – unter anderem bedingt durch Konflikte um die Mitbestimmung und durch eine starke Fluktuation in Ensemble und Leitungsteam – trotz einiger Erfolge mit gesellschaftskritischen Dramen (Friedrich Wolfs "Cyankali", Kroetz’ "Das Nest", Stücke von Fo) sein eigenständiges Profil. Auch →Helmut Palitsch (1979–83), der mit unterschiedlichen Produktionen (Klassiker der Moderne wie →Bertolt Brecht und Horváth, zeitgenössische Autoren wie Beckett, Brasch und Fo, Ensembleprojekte sowie eine Rockoper) verschiedene Zuschauersegmente anzusprechen versuchte, konnte diese Krise nicht überwinden. Erneute Auseinandersetzungen um den Führungsstil führten schliesslich zur Abschaffung der Mitbestimmung. Mit einem primär zeitgenössisch ausgerichteten Spielplan – mit Erst- und Uraufführungen von Stücken von Schweizer Autoren (→Lukas B. Suters "Schrebers Garten") und aus der DDR (etwa Volker Braun, Christoph Hein) – sowie rund 200 Matineen zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen gelang es schliesslich →Peter Schweiger (1983–89), dem T. wieder ein Gesicht zu geben. Seine Nachfolgerin →Gudrun Orsky (1989–93) hingegen blieb in der künstlerischen Umsetzung ihres mehrheitlich Novitäten umfassenden Programms (unter anderem Ur- und Erstaufführungen von Jelinek, Rainald Goetz, Dorfman, Enquist, Elfriede Müller) wenig erfolgreich. Nachdem 1993 die auf Grund der städtischen Finanzknappheit drohende Schliessung abgewendet werden konnte, gelang es →Volker Hesse und →Stephan Müller (1993–99), an den Erfolg der Ära Zankl anzuknüpfen und das T., nun "Theater Neumarkt" genannt, wieder zu einer im deutschsprachigen Raum viel beachteten Bühne zu machen. In organisatorischer Hinsicht flexibilisierten Hesse und Müller die betrieblichen Strukturen und suchten die Kooperation mit anderen (kulturellen) Institutionen. Künstlerisch war ihr Programm geprägt von einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem aktuellen lokalen Kontext, einer intensiven Ensemblearbeit sowie einer grossen thematischen und stilistisch-ästhetischen Vielfältigkeit. So standen neben kleineren, eher elitären und sprachbezogenen Produktionen ("Phaidon" nach Platon, "Fritz" nach →Friedrich Dürrenmatt) stark themen- und zeitbezogene Projekte ("Backroom" von François-Michel Pesenti, "In Sekten" und →Urs Widmers "Top Dogs"), aber auch sinnlich-schräge Arbeiten (Coline Serreaus "Weissalles und Dickedumm", Robert Wilson/Tom Waits/William S. Burroughs’ "The Black Rider" und →Ruedi Häusermanns "Abt. geschlossen") auf dem Spielplan. Das nachfolgende Leitungsteam Crescentia Dünsser und Otto Kukla (1999–2004) arbeitete kontinuierlich mit Nachwuchskräften der Regie und Dramatik zusammen. Mit selbst erarbeiteten Projekten (wie "Memory" und "Stabat Mater/Unscheinbare Veränderung") sowie Inszenierungen neuer und traditioneller Textvorlagen setzten Dünsser und Kukla ihren Vorgängern nach einem schwierigen Start schliesslich doch erfolgreich eine eigenständige Ästhetik entgegen, die die Formen des Erzähltheaters aufbrach (etwa durch die Verknüpfung von theatralen, musikalischen und medialen Elementen). Seit der Spielzeit 2004/05 leitet Wolfgang Reiter das T., nun wieder "Theater am Neumarkt" genannt. Insgesamt wurde das T. fünf Mal mit einer Inszenierung zum Berliner Theatertreffen eingeladen (1972, 1976 und 1995–97); 1999 erhielten Hesse, Müller und das Ensemble des T. den Kunstpreis der Stadt Zürich. Rechtsträger des T. ist seit 1968 die Theater am Neumarkt AG; die Stadt Zürich, zugleich Eigentümerin des Gebäudes, und der Kanton Zürich besitzen zusammen die Mehrheit des Aktienkapitals und stellen die Mehrheit des Verwaltungsrats, der die Direktion wählt. Das T. wird von der Stadt und zu einem kleineren Teil vom Kanton Zürich subventioniert; es erhält zudem Beiträge verschiedener Sponsoren und Stiftungen. Verbandsmitglied: →KTV.

Spielstätte

Neumarkt 5, 8001 Zürich. Ehemaliges Zunfthaus "Zur Schuhmachern", unter Einbezug von Vorgängerbauten 1742 durch David Morf erbaut. Saal (8,9 m breit, 25,2 m lang, zwischen 3,7 m und 3,9 m hoch) im zweiten Stock: mit Guckkastenbühne oder als Raumbühne nutzbar. Platzkapazität: zirka 220 Plätze. Bühne: 7,5 m breit, 8,6 m tief. Portal: 5,1 m breit, 2,7 m hoch. Weitere Spielstätten: Probebühne Werdinsel: Platzkapazität: rund 100 Plätze. Chorgasse 5 (unter Hesse/Müller: Neumarkt-Séparée): Platzkapazität: etwa 40 Plätze.

Literatur

  • T. (Hg.): 1983–89. Eine Dokumentation, 1989.
  • T. (Hg.): Direktion Gudrun Orsky 1989–1993. Eine Dokumentation, 1993.
  • Das Beste kommt noch. Theater Neumarkt Zürich 1993–1999, 1999.
  • Dünsser, Crescentia/Kukla, Otto (Hg.): Theater Neumarkt 1999–2004, 2004.

Archiv

  • Stadtarchiv Zürich.


Autorin: Tanja Stenzl



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Stenzl, Tanja: Theater am Neumarkt, Zürich ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1840–1842, mit Abbildung auf S. 1840.

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