Theater an der Winkelwiese, Zürich ZH

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Kleintheater, Sprechtheater, Eigen- und Koproduktionen mit Stückverträgen

Am 16.6.1964 eröffnete die Schauspielerin und Regisseurin →Maria von Ostfelden (mit Unterstützung des Architekten Jakob Zweifel) im Keller der Villa Tobler mit Pinters "Der Hausmeister" das T. als neue Spielstätte für ihre Regiearbeiten. Ihre jährlichen (bis zu hundert Mal gespielten) Inszenierungen hauptsächlich avantgardistischer Autoren (etwa Arrabal, Ionesco, Albee, Triana) setzten in Zürichs Theaterlandschaft einen unverwechselbaren Akzent und machten das T. zu einer über die Schweiz hinaus anerkannten Bühne für modernes, experimentelles Theater. Nach von Ostfeldens Tod 1971 führte Zweifel das T. weiter. Die künstlerische Leitung übernahmen das Ensemble oder – in wechselnden Konstellationen – dem Theater verbundene Schauspieler und Regisseure, unter anderem Wladimir Herman, →Norbert Klassen, →Walter Hess, →Frederik Ribell, Margot Gödrös, →Hanspeter Müller, →Federico Emanuel Pfaffen, Nicolas Ryhiner und Jean-Pierre Vuilleumier (1984–87). In diesen Jahren entwickelte sich das T. vom stark persönlichkeitsgeprägten Theater seiner Gründerin zur inhaltlich, formal und literarisch dem Experiment verpflichteten städtischen Kleinbühne mit einem tendenziell zeitgenössisch und gesellschaftskritisch ausgerichteten, meist jedoch eher heterogenen Spielplan (unter anderem erfolgreiche Schweizer Erstaufführungen von Fassbinders "Bremer Freiheit", Mrożeks "Emigranten", Jandls "Aus der Fremde"). Unter →Jean Grädel (1988–97), Thea Dumsch, Ulrich Bodamer (beide 1991–94) und →Enzo Scanzi (1994–97) bot das T. ein thematisch wie künstlerisch breites Spektrum an Stücken des 20. Jahrhunderts (beispielsweise von →Bertolt Brecht, Beckett, Fassbinder, Fo, Jarry), Ur- und Erstaufführungen (etwa von →Sylviane Dupuis, Peter Jost, →Agota Kristof, Mamet, Norén) und zahlreichen Sonderveranstaltungen (Gastspiele, Lesungen, Jazzkonzerte), ab 1994 gemäss einem neuen Organisationsmodell vorwiegend in Koproduktionen mit freien Gruppen oder Theatern ähnlicher Ausrichtung. Scanzi (1997–99) und Peter-Jakob Kelting (1997–2002, ab 1999 allein verantwortlich) entwickelten das Koproduktionsmodell weiter, indem sie mit anderen Deutschschweizer Theatern (→Theater Tuchlaube Aarau, →Schlachthaus Theater Bern) eine Produktionsgemeinschaft initiierten. Diese lancierte (gemeinsam mit weiteren Beteiligten) 2000 auch den "Dramenprozessor", ein Förderprogramm für junge Schweizer Dramatikerinnen und Dramatiker. Die zweijährige Renovation der Villa Tobler (1998–2000) nutzte die Leitung, um – unter dem Namen "Winkelwiese! Unterwegs!" – produktionsspezifisch verschiedene Aufführungsorte im Zürcher Stadtkreis 5 zu bespielen. Inhaltlich-ästhetisch vermochte das T. unter Scanzi und vor allem Kelting durch die Konzentration auf zeitgenössische Dramatik und die kontinuierliche Zusammenarbeit mit jungen Theaterschaffenden ein eigenständiges Profil in der Zürcher Theaterlandschaft aufzubauen. Einzelne Produktionen gewannen internationale Anerkennung in Form von Einladungen zu Gastspielen und Festivals sowie verschiedenen Auszeichnungen, so das Ensembleprojekt "Der letzte Henker" (Regie: →Elias Perrig) und "Bambifikation" der Zürcher Gruppe →Mass & Fieber. Stephan Roppel, seit Januar 2003 Leiter des T., führt diese Ausrichtung des Theaters weiter. Sein Spielplan umfasst – jeweils unter einem Halbjahresthema – konsequent zeitgenössische Stückvorlagen (häufig von Schweizer Autorinnen und Autoren) in textorientierter Umsetzung. Das T. erhält seit 1970 von der Stadt Zürich, seit 1989 zusätzlich vom Kanton eine jährliche Subvention. Zuvor wurde der Betrieb im Wesentlichen durch den zugleich als Rechtsträger amtenden Zweifel finanziert. Auch nach 1970 kam Zweifel für die teilweise erheblichen Fehlbeträge auf; er bestimmte zudem die künstlerische Leitung und besass ein Vetorecht. Seit 1988 ist die bereits 1972 als Verein gegründete "Gesellschaft zur Förderung des T."Rechtsträgerin. Ihr Vorstand, in dem auch ein städtischer Vertreter Einsitz hat, wählt die Direktion, die im Rahmen des Leistungsvertrags mit der Stadt Zürich autonom ist. 1996 gab die Stadt Zürich, seit 1964 Eigentümerin des Gebäudes, die Villa Tobler im Baurecht an die Zürcher Kunstgesellschaft, die Trägerin des Kunsthauses, ab, welche dafür die Kosten der Renovation trug. Später ging das Haus an die für die Kunsthaus-Liegenschaften verantwortliche Stiftung Zürcher Kunsthaus über. Dem T. wurde ein zehnjähriger Mietvertrag garantiert. Verbandsmitglied: →KTV.

Auszeichnungen

  • 1999 kulturelle Auszeichnung des Kantons Zürich für "Winkelwiese! Unterwegs!",
  • 2004 Goldene Ehrenmedaille des Kantons Zürich an Jakob Zweifel für die langjährige Förderung des T.

Spielstätte

Winkelwiese 4, 8001 Zürich. 1852–55 von Gustav Albert Wegmann als Wohn- und Geschäftshaus für den Banquier Emil Tobler-Finsler erbaut, 1898–1901 Umbau durch Conrad von Muralt und Ausstattung der Innenräume durch den bedeutenden Jugendstil-Vertreter Hans Eduard von Berlepsch-Valendas. Seit 1981 unter Denkmalschutz. 1964 Umbau des Kellergewölbes zum Theater durch Jakob Zweifel. Nach drei Seiten bespielbare Raumbühne. Platzkapazität: maximal 100 Plätze. Bühnenraum: etwa 6 m breit, 4 m hoch und 6 m tief. 1998–2000 Gesamtrenovation der Villa Tobler: im T. unter anderem Umgestaltung des Foyers und Anschaffung einer flexibel einsetzbaren Zuschauerpodesterie.

Literatur

  • Markun, Silvia (Hg.): Maria von Ostfelden. Theater als Experiment, 1996.


Autorin: Tanja Stenzl



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Stenzl, Tanja: Theater an der Winkelwiese, Zürich ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1844–1845.

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