Thomas Hürlimann

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* 21.12.1950 Zug. Sohn des Bundesrats Hans H., Bruder der Regisseurin und Dramaturgin Gabrielle H. ∞ →Kathrin Brenk, Schauspielerin.

Besuchte 1963–71 das Gymnasium der Benediktinerabtei Einsiedeln. Begann in Zürich ein Studium der Philosophie, das er 1974–78 an der Freien Universität Berlin fortsetzte. In Berlin arbeitete H. 1982–85 unter der Intendanz von →Hans Lietzau als Regieassistent und Produktionsdramaturg am Schiller-Theater. 1985 kehrte H. in die Schweiz zurück. Noch bevor er mit dem Prosaband "Die Tessinerin" (1981) Aufsehen erregte, trat H. mit seinem Theaterstück "Grossvater und Halbbruder" 1980 auf dem Berliner Stückemarkt hervor. Das Drama, das vom Verhalten einer Schweizer Dorfgemeinde gegenüber einem Emigranten handelt, wurde am 15.10.1981 am →Schauspielhaus Zürich uraufgeführt (Regie: →Werner Düggelin). Sterben und Tod beherrschen sein Stück "Stichtag" (Uraufführung 16.11.1984, Düsseldorfer Schauspielhaus und Staatstheater Stuttgart). In "Dr Franzos im Ybrig" griff H. einen Einsiedler Klosterschwank von 1824 auf (Uraufführung 7.8.1991, →Theatergruppe Chärnehus Einsiedeln im Rossstallhof des Klosters Einsiedeln, Regie: Barbara Schlumpf; Premiere der hochdeutschen Fassung 31.12.1995, Schauspielhaus Zürich). Um Einblicke in Handlungen und psychische Verhaltensweisen zu ermöglichen, griff H. wiederholt auf Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte, Schauspieler und abenteuerlustige Spekulanten zurück. So zeigt H. im Drama "Der Gesandte" anhand eines Porträts von Hans Frölicher, des Schweizer Botschafters im nationalsozialistischen Deutschland, Schattenwirtschaft und Rassenwahn auf (Uraufführung 14.5.1991, Schauspielhaus Zürich aus Anlass der 700-Jahr-Feier der Schweiz; Regie: →Achim Benning). Die Komödie "Der letzte Gast" bewegt sich um den sterbenden Mimen Oskar Werner (Uraufführung 22.2.1990, Schauspielhaus Zürich, Regie: Benning). Auch der amerikanische Agronom Mark Alfred "Carleton" (Uraufführung 14.9.1996, →Theater Neumarkt Zürich, Regie: →Volker Hesse) gehört zu jenen schillernden Figuren, in deren Leben H. den Stoff zu einem Drama fand. Auf der Suche nach Erfolg und gesellschaftlicher Anerkennung bewegen sich H.s dramatische Figuren entlang eines existenziellen Abgrunds. H. fällt weder Urteile über die Geschichte noch richtet er die Menschen. Einfühlsam entwirft er atmosphärisch dichte Seelenlandschaften, die immer auch über gesellschaftspolitische Fragen Auskunft geben. Mit seiner grundlegenden Neufassung von Calderón de la Barcas "Grossem Welttheater" fügte H. der Geschichte des →Welttheaters Einsiedeln ein neues Kapitel hinzu. H.s "Das Einsiedler Welttheater" wurde am 23.6.2000 von über 250 Mitwirkenden in einer Inszenierung von Hesse auf dem Einsiedler Klosterplatz uraufgeführt. Weitere Bühnenwerke: Koautor der Zeitrevue "Das verschonte Land" (Uraufführung 26.9.1985, Schauspielhaus Zürich), "Chlaus Lymbacher" (nach →Meinrad Inglin, 5.5.1990 im Keller des Schauspielhauses Zürich, Regie: Thomas Koerfer), "Dämmerschoppen" (1991), "Frunz, Fragment eines Anfangs" (1991), "Güdelmäntig" (Uraufführung 4.8.1993, Theatergruppe Chärnehus im Rossstallhof des Klosters Einsiedeln), "Das Geburtstagskind" (Uraufführung 29.9.1996 anlässlich der 1000-Jahr-Feier Österreichs am Tiroler Landestheater, Innsbruck; Regie: Torsten Schilling), "Das Lied der Heimat" (aus Anlass der Zürcher Festspiele zur 150-Jahr-Feier der Schweizer Verfassung Uraufführung 30.4.1998, Schauspielhaus Zürich, Regie: Düggelin), "Synchron" (Uraufführung 30.4.2002, Schauspielhaus Zürich, Regie: →Christoph Marthaler), "Mein liebstes Krokodil" nach Tschechows Erzählung "Die Dame mit dem Hündchen" und Briefen von Tschechow und Olga Knipper (Uraufführung 14.12.2002, Theater Ticino Wädenswil, 2003 unter anderem im →Theater am Hechtplatz Zürich, Regie: →Christoph Leimbacher). 1990 schrieb H. mit →Markus Imhoof das Drehbuch zum Film "Der Berg". Neben Theaterstücken veröffentlichte H. Romane ("Der grosse Kater", 1998), Erzählungen und Essays. Einige Texte H.s wurden von →Daniel Fueter vertont. Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Auszeichnungen

unter anderem

  • 1982 Rauriser Literaturpreis,
  • 1990 Preis der Schweizerischen Schillerstiftung,
  • 1992 Innerschweizer Literaturpreis, Marieluise-Fleißer-Preis und Berliner Literatur-Preis,
  • 1995 Weilheimer Literaturpreis,
  • 1997 Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung,
  • 1998 Solothurner Literaturpreis,
  • 2003 Bayerischer Literaturpreis.


Autorin: Brigitte Marschall



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Marschall, Brigitte: Thomas Hürlimann, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 892–893, mit Abbildung auf S. 892.

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