Thomas Naogeorg

Aus Theaterlexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

* 21.12.1508 Straubing (D), † 29.12.1563 Wiesloch (D), auch Thomas Naogeorgus, eigentlich Thomas Kirchmair, Kirchmayer oder Kirchmeyer, auch Neubauer.

N. war Dominikanermönch in Regensburg, bevor er 1526 das Kloster verliess, um sich der Reformation anzuschliessen. Er erwarb sich – möglicherweise an der Universität in Nürnberg, Tübingen oder Ingolstadt – Kenntnisse in den alten Sprachen sowie im Kirchen- und Rechtswesen; ab 1535 war er in mehreren mitteldeutschen Gemeinden als Pastor tätig, unter anderem ab 1542 in Kahla. Konflikte mit dem Stadtrat, aber auch theologische Differenzen mit Luther und Melanchthon führten schliesslich 1546 zur Flucht nach Augsburg; weitere Stationen in N.s Wanderleben bildeten Kempten, Basel (1551 und anfangs 1558), Stuttgart und Backnang. 1561–63 war er Superintendent in Esslingen und anschliessend Pfarrer in Wiesloch, wo er der Pest zum Opfer fiel. N. gilt als herausragender Schriftsteller der Reformationsbewegung. Er verfasste philologische und theologische Arbeiten, Übersetzungen sowie polemische und satirische Dichtungen, die teilweise eine starke antipapistische und antikatholische Tendenz aufweisen. Mit seinem unbequemen Drang nach geistiger Freiheit ist N. aber auch im lutherischen Lager auf Widerstand gestossen. N. schrieb ausschliesslich in Latein. Weite Beachtung fanden seine sechs Dramen, die – teilweise mehrfach – ins Deutsche übersetzt und bis ins 17. Jahrhundert in beiden Sprachen gelesen und gespielt wurden. N. nutzte das Theater, um seine Glaubenswahrheit zu verkünden: In der "Tragoedia nova Pammachius" (1538) schlug er den Bogen von den Anfängen des Christentums bis zur Reformation und zeigte den Papst als Antichrist (→Antichristspiel). Eine gestufte Bühne ermöglichte es, dass im Hintergrund Christus und die Apostel Petrus und Paulus das Geschehen auf der Hauptbühne kommentierend begleiteten. Das Stück brachte den Autor auf den vatikanischen Index, hatte aber im protestantischen Europa grossen Erfolg. In "Tragoedia alia nova Mercator seu Iudicium" (1540) griff N. unter Einbezug zahlreicher satirischer Elemente auf den Jedermann-Stoff zurück, um die Bedeutung der evangelischen Heilslehre zu demonstrieren: Während Fürst, Bischof und Barfüsser in der Hölle enden, wird ein Kaufmann einzig durch seinen Glauben erlöst. Stark zeitgebunden war "Incendia, seu Pyrgopolinices Tragoedia recens nata" (1541). Mit der Titelfigur Pyrgopolinices verwies N. kaum verschlüsselt auf den Herzog von Braunschweig, der damals verdächtigt wurde, der Drahtzieher einer Reihe von Brandstiftungen in protestantischen Gebieten gewesen zu sein. Auf der Grundlage biblischer Stoffe zog N. in "Hamanus Tragoedia nova" (1543) und "Hieremias. Tragoedia nova" (1551) Parallelen zur politischen Gegenwart, während er mit "Iudas Iscariotes, Tragoedia nova et sacra" (1552) die Verräter an der evangelischen Sache ins Auge fasste.

Literatur

  • Könneker, Barbara: Die deutsche Literatur der Reformationszeit, 1975.
  • Michael, Wolfgang F.: Das deutsche Drama der Reformationszeit, 1984.


Autor: Reto Caluori



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Caluori, Reto: Thomas Naogeorg, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 1309–1310.

Normdaten