Videotanz

Aus Theaterlexikon
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V. bezeichnet eine neue Kunstform, in der sich alle Aspekte des Einsatzes von Körper, Kamera, Raum, Zeit, Tonebene und elektronischen Bildmanipulationen zu intermedialen und zugleich originellen Kunstwerken vermischen. Einigen Tanzvideo- oder Tanzfilmproduktionen liegt eine Bühnenchoreografie und damit deren tänzerisches Bewegungsmaterial für die filmische Neufassung zu Grunde. Andere Produktionen kreieren die Choreografin oder der Choreograf gemeinsam mit der Regisseurin oder dem Regisseur eigens für die Kamera. In jedem Fall ermöglicht das Medium Film Choreografien, die so auf einer Theaterbühne nicht darstellbar wären.

Seine Anfänge nahm der V. in den Vereinigten Staaten und verbreitete sich ab Mitte der achtziger Jahre über Frankreich in Europa. Während heute Länder wie Grossbritannien, die Niederlande, Frankreich oder Belgien besonders aktiv sind, beschäftigen sich in der Schweiz nur einzelne Tanz- und Filmschaffende mit dem Genre.


Tanz und das Medium Film

Seit den Anfängen der Filmgeschichte im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ist das Verhältnis der Ausdrucksform Tanz zu dem neuen Medium von Ambivalenz geprägt. Noch Anfang der achtziger Jahre schrieb der New Yorker Kritiker Clive Barnes: "Dance is three-dimensional, television is two-dimensional. End of argument."Er vertrat also die Meinung, dass das Medium Film Tanz nicht adäquat vermitteln könne: Tanz brauche die Weite des Raumes, während Video sich auf der matten Scheibe einer kleinen Box abspiele. Dennoch fühlte sich die raumorientierte Bewegungskunst immer wieder vom Medium Film, seinerseits mit Bewegung und ihrer Dynamik spielend, angezogen. Immer wieder, angefangen in der Zeit des Stummfilms, später während der ersten Fernsehversuche und schliesslich in jüngster Zeit, als das Medium Video in Tanzkompanien zunehmend zum Einsatz kam, entstanden experimentierfreudige Fusionen zwischen Tanz und Film. V. stellt für sich keine genuin neue Kunstform dar, sondern seine ästhetischen Merkmale und Wahrnehmungsmechanismen lassen sich auf historische Vorläufer anderer Kunstrichtungen zurückführen, besonders auf die filmischen Experimente der Avantgarde während der zehner und zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Heute ist V. im Kunstbetrieb eine Erscheinungsform unter vielen, die sich zunehmend der Intermedialität und der Vermischung künstlerischer Ausdrucksformen verpflichtet haben und deren Ursprünge ebenfalls bereits in den ersten Dekaden des letzten Jahrhunderts zu suchen sind.

Rückwirkend haben die Mediatisierung im Allgemeinen und der V. im Besonderen auch die Darstellungsformen von Tanz auf der Bühne beeinflusst: im zeitgenössischen Tanz sowie im Tanztheater lässt sich immer wieder filmische Ästhetik feststellen, die beispielsweise in Unterbrechungen oder Montagen manifest wird. Ausserdem können Videoprojektionen Teil einer Tanzdarbietung auf der Bühne werden, als bewegte Tanzkulissen, die den Tanz auf der Bühne ergänzen und mit diesem eine Wechselwirkung eingehen, oder dominante, aber bedeutungslose Dekoration werden.


Die Anfänge des V. in Amerika

Maya Derens dreiminütiges Werk "A Study in Choreography for the Camera" aus dem Jahr 1945, in dem ein Tänzer in Zeitlupe in einem einzigen Sprung mittels Montage durch verschiedene Räume zu gleiten scheint, kann als früher Meilenstein in der Entwicklung des mit Hilfe des Mediums Film dargestellten Tanzes gesehen werden. Die Zeit wird gedehnt, die Distanz zwischen zwei Räumen überwunden. Die filmischen Mittel erzielen einen Verfremdungseffekt, der auf einer Bühne nicht herzustellen wäre: die Schwerkraft scheint aufgehoben, der Tanz wirkt schwerelos. Wegbereiter für den V. war schliesslich der Protagonist des amerikanischen postmodernen Tanzes, Merce Cunningham. Er experimentierte in Zusammenarbeit mit dem Videokunstpionier Nam June Paik bereits Ende der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit den elektronischen Möglichkeiten des Mediums Video ("Merce by Merce by Paik") und erkundete in weiteren Arbeiten zusammen mit dem Filmspezialisten Charles Atlas die Eigenheiten des filmischen Raums (insbesondere mittels bewegter Kamera) und die unterschiedliche Wirkung von Zeit im Film (1975 "Westbeth", 1978 "Fractions I", 1980 "Locale" und 1982 "Channels/Inserts"). Es ist bemerkenswert, dass Cunningham bei den allerjüngsten Tanzexperimenten mit dem Computer erneut zu den Vorreitern zählt und Ende der achtziger Jahre das Programm "LifeForms" mitentwickelt hat, mit dem heute in der Schweiz beispielsweise der Videokünstler →Claudio Prati und die Tänzerin und Choreografin →Ariella Vidach im Tessin oder der Choreograf Pablo Ventura in Zürich arbeiten.


V. in Europa und der Schweiz

Von Cunningham und den Vereinigten Staaten Amerikas ausgehend und unter anderem angeregt durch die Zusammenarbeit zwischen Cunninghams Filmemacher Charles Atlas und dem französischen Tanzschaffenden Philippe Decouflé ("Jump", 1984), verbreitete sich der V. zunächst in Frankreich und anschliessend in Europa. Inzwischen sind in einigen Ländern enge Partnerschaften zwischen Choreografinnen und Choreografen sowie Regisseurinnen und Regisseuren entstanden. Einige Tanzschaffende wie Decouflé, Wim Vandekeybus, Anne Teresa de Keersmaeker sind bisweilen gleichzeitig die Regisseurinnen und Regisseure ihrer Filmwerke. Insbesondere in Ländern wie Grossbritannien und den Niederlanden, wo Fernsehanstalten eigene, dem durch Film vermittelten Tanz gewidmete Reihen initiiert und gesendet haben (beispielsweise "Dance House" und "Dance for the Camera" der BBC, "Tights Camera Action!"von Channel 4 und "4 TokenS" in den Niederlanden), gibt es mittlerweile eine beachtliche V.-Produktion.

In der Schweiz sind nur einzelne Künstlerinnen und Künstler auf dem Gebiet V. tätig. Die Basler Choreografin Heidi Köpfer beispielsweise schuf bereits ein halbes Dutzend Werke: "Motion"­ (1989), "Puzzle" (1991), "Mikado" (1994), "Changes" (1996), "Intermezzo" (1999) und "Whatsoever" (2001). Die meisten davon wurden vom Schweizer Fernsehen DRS ausgestrahlt. Der Schweizer Filmregisseur Pascal Magnin realisierte die international viel beachtete Trilogie "Grand écart", welche die Werke "Pas perdus" von →Noemi Lapzeson (1994), "Reines d’un jour" von mehreren Westschweizer Tanzschaffenden (1996) und "Contrecoups" von →Guilherme Botelho (1997) umfasst.

Literatur

  • Rosiny, Claudia: Videotanz. Panorama einer intermedialen Kunstform, 1999.


Autorin: Claudia Rosiny



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Rosiny, Claudia: Videotanz, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 2004–2005.