Weltgerichtsspiel

Aus Theaterlexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

Geistliches Spiel, das die Vorstellung eines göttlichen Gerichts über alle Menschen am Ende der Welt thematisiert.

Das erwartete "Ende aller Zeiten"– mitsamt den Spekulationen und Prophezeiungen – spielte bereits im Alten und im Neuen Testament sowie in jüdischen Traditionen eine Rolle und beherrschte das heilsgeschichtliche Denken des Mittelalters. Die bis in das 16. Jahrhundert hinein beliebten dramatischen Darstellungen der vier letzten Dinge (Tod, Gericht, Hölle und Himmel) stehen in keinem direkten Zusammenhang mit der Liturgie oder einem kirchlichen Festtag. Ursprünglich im Rahmen von Gottesdiensten, später auch auf Marktplätzen aufgeführt, dienten sie der Festigung dogmatisch-kirchlicher Inhalte (göttliche Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Strafe) und religiöser Belehrung. Eschatologische Themen wurden – voneinander getrennt oder gemeinsam – in Moralitäten, Zehnjungfrauen-, →Antichrist-, Eigengerichtspielen und W. aufgegriffen, finden sich aber auch in anderen Spieltypen, wie zum Beispiel Fronleichnamsspielen. Die sechzehn mehr oder weniger vollständig überlieferten Texte mittelalterlicher deutscher W. (von Reuschel als "Donaueschinger-Rheinauer"-Typus bezeichnet) gleichen einander im Kern, so dass eine gemeinsame Vorlage vermutet wird, die gegen Ende des 14. oder Anfang des 15. Jahrhunderts im alemannischen Raum entstand. Die 1906 publizierte Rekonstruktion des "Urtextes" durch Klee fand in der Forschung jedoch keinen Anklang. Zentrum der Bearbeitungen und Adaptionen blieb das alemannische Gebiet, es finden sich indes auch Spiele im ostschwäbisch-bairischen Sprachraum. Der Versuch, ein allen W. zu Grunde liegendes einheitliches Aufbauprinzip nachzuweisen, gestaltet sich schwierig, da die Texte trotz ihrer engen inhaltlichen und strukturellen Verwandtschaft zum Teil durch Erweiterungen und Zusätze erheblich voneinander abweichen. Wenn Reuschel in der ersten umfassenden Untersuchung der W. noch von einem dreiteiligen Gliederungsschema ausging, das aus einer Vorhandlung (Propheten und Kirchenväter kündigen den Jüngsten Tag an, Hieronymus spricht über die "fünfzehn Zeichen des Jüngsten Gerichts", Weckruf der Engel), einer Haupthandlung mit den Gerichtsszenen (Trennung der Guten und Bösen, Schuldigsprechung der Bösen, Ablehnung der Fürbitten) und dem Ausgang (Schliessen der Hölle, Danksagung der Apostel, Einzug in den Himmel) besteht, vertritt Linke in seiner Untersuchung der "Bauformen geistlicher Spiele" einen zweiteiligen Aufbau. Die "epische Einleitung" durch die Kirchenlehrer dient laut Linke der Funktion, "durch Emotion und Imagination eine apokalyptische Atmosphäre herzustellen", das Blasen der Hörner durch die Engel markiert den Umschlag von der epischen Erzählung zur dramatischen Handlung. Der Hauptteil besteht für Linke aus den beiden Teilen Verurteilung und Vollstreckung, wobei er in den Kernszenen "Verurteilung der Bösen" und "Unterbrechung der Exekution" (Abweisung der Fürbitte Marias und Johannes’) die theologischen Grundgedanken des Stücks ausgedrückt sieht, namentlich "die Unerbittlichkeit des Gerichts sowie die Unbestechlichkeit und absolute Gerechtigkeit des Richters". In den übrigen vorhergehenden und nachfolgenden Handlungspartien erkennt er einen spiegelbildlichen Aufbau. Linkes Gliederungsschema wird entgegengehalten, dass nur Reihung und Wiederholung als durchgängige Strukturprinzipien zu betrachten seien (Schulze).

Die meisten Textüberlieferungen und -adaptionen der W. stammen aus der Schweiz (ausser: Berliner, Donaueschinger, Güssinger, W. der Sammlung Jantz, Münchner W.). Das älteste sicher datierte W., das so genannte Berner W., ist in einem umfangreichen Kodex mit geistlicher Erbauungsliteratur überliefert, der in Luzern zu Lektürezwecken entstand. Die von mehreren Händen geschriebene Sammelhandschrift trägt als einzigen Schreibervermerk denjenigen von "Jacob am Grund, scholasticus zu Luzern", sowie die Jahreszahl 1462 (in der älteren Forschung irrtümlich als 1468 oder 1465 gelesen). Linke hat indes überzeugend nachgewiesen, dass Jacob am Grund nicht der Verfasser des Berner W. sein kann. Textlich steht dieses in enger Beziehung zu anderen W. des "Donaueschinger-Rheinauer"-Typus, das Hauptgewicht liegt auf Belehrung und Abschreckung vor sündhaftem Tun. Ob die teilweise unsorgfältige Abschrift auf ein Regiemanuskript zurückgeht, muss auf Grund fehlender Aufführungsnachrichten offen bleiben.

Zu den ältesten Schweizer Spielen gehört das 1467 von Hans Trechsel im St.-Agnes-Kloster in Schaffhausen geschriebene Schaffhauser W. Da der Text während der Reformation ins Kloster Rheinau gelangte, wurde das Spiel von der älteren Forschung Rheinauer W. genannt und namengebend für den "Donaueschinger-Rheinauer"-Typus; auch von diesem Spiel ist keine Aufführung nachgewiesen.

Für das Churer W. ist hingegen nicht nur der Aufführungstext, sondern auch das Aufführungsdatum 1517 überliefert. Obwohl die sprachliche Gestaltung in die Ostschweiz weist, legen einige lokale Anspielungen eine Inszenierung in Chur zu Ostern 1517 nahe. Eine Eigenart des Churer W. ist die Gliederung in fünf Akte, denen jeweils die Rede eines "Prelocutors" oder "Precursors" vorangestellt ist. Den zweiten bis fünften Akt leiten jeweils liturgische Zwischengesänge ein, die inhaltlich auf das im Akt Vorgeführte abgestimmt sind. Der Text gehört der "Donaueschinger-Rheinauer"-Tradition an, ist jedoch eine verhältnismässig eigenständige Fassung dieses Typs. Dem Churer W. folgt in der gleichen Handschrift ein →Antichristspiel, das vermutlich als Nachspiel zum W. aufgeführt wurde.

Einige Spuren des nach dem Aufbewahrungsort benannten Kopenhagener W. weisen ebenfalls in die Schweiz. Die Einträge auf dem Deckelspiegel des Einbands der Handschrift sowie der Schreibervermerk "Johannem schudin de grueningen" machen Zürich als Entstehungsort wahrscheinlich. Das Manuskript ist durchgängig mit aquarellierten Federzeichnungen illustriert und weist Gemeinsamkeiten mit dem ebenfalls illuminierten Berliner W. und dem Donaueschinger W. auf. Die Handschrift des Kopenhagener W. wird auf das zweite Viertel des 15. Jahrhunderts datiert, Hinweise auf eine Aufführung fehlen.

Weiter existieren zwei ältere Zeugnisse von Schweizer W., deren Handschriften heute verschollen sind: das vermutlich im 17. Jahrhundert entstandene Walenstädter W. (Besitzervermerk: Heinrich Saltz­gäber, Burger zu Wallenstat, 1653) und das nach dem Besitzer benannte nicht datierte Wülker’s W., das gemäss Reuschels Angaben wahrscheinlich in Bern entstand.

Das bedeutendste und am ausführlichsten dokumentierte Schweizer W. stammt aus Luzern und ist in zwei verschiedenen, noch ungedruckten Handschriften überliefert. Die eine, aus drei Teilen bestehende Handschrift enthält das 2750 Verse umfassende Luzerner W. (Lu 1), das von einem unbekannten Schreiber in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eingetragen wurde und eine erweiterte Bearbeitung des "Donaueschinger-Rheinauer"-Typus darstellt. Lu 1 wurde nicht aufgeführt, doch deutet eine Fülle von Bearbeitungsspuren darauf hin, dass der Text für eine geplante Aufführung aufbereitet wurde. Die zur gleichen Handschrift gebundenen Verzeichnisse der Bühnenstände, Rollen, Darstellernamen und Angaben zu Kostümen und Ausstattung beziehen sich auf die Aufführung des Luzerner Antichrist- und W. von 1549 und stammen aus der Hand des Luzerner Spielleiters →Zacharias Bletz. Das in der zweiten Handschrift überlieferte rund 9000 Verse umfassende Luzerner W. (Lu 2) wurde von Bletz aufgezeichnet und auf dem Weinmarkt "in Oster fÿrtagen 1549" im Anschluss an den Antichrist aufgeführt. Eine Beschreibung des ausserordentlich eindrücklichen Schauspiels, das sich über drei Tage hinzog, liefern zwei Briefe des Mailänder Gesandten Angelo Rizi. Der Handlungsablauf von Lu 2 wird durch verschiedene akustische Signale (Trompeten, Harsthörner, Gesänge) gegliedert, ein "Tonder Clapff" zeigt das Ende der Welt an. Bletz geizt nicht mit Theatereffekten und lässt Blut regnen, Feuer auf die Erde werfen und teuflische Tänze aufführen. Im Zentrum des Bletz’schen Spiels stehen nicht mehr wie bei anderen W. die Gerichtshandlung, sondern die Auftritte der nach Ständen und exemplarischen Sündern geordneten Verdammten. Zudem ist der Text deutlich von gegenreformatorischen Tendenzen beeinflusst.

Literatur

  • Klee, Rudolf: Das mittelalterliche Spiel vom jüngsten Tage, 1906.
  • Reuschel, Karl: Die deutschen W. des Mittelalters und der Reformationszeit, 1906.
  • Linke, Hansjürgen: Bauformen geistlicher Spiele des späten Mittelalters. In: Schirmer, Karl-Heinz/Sowinski, Bernhard (Hg.): Zeiten und Formen in Sprache und Dichtung, 1972.
  • Schulze, Ursula: Erweiterungs- und Veränderungsprozesse in der Tradition der W. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 118/1996.
  • Linke, Hansjürgen (Hg.): Die deutschen W. des späten Mittelalters, 2002.


Autorin: Heidy Greco-Kaufmann



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Greco-Kaufmann, Heidy: Weltgerichtsspiel, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 2072–2074.