Wolfgang Heinz

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* 18.5.1900 Pilsen (Plzen, heute: CZ), † 30.10.1984 Berlin/Ost (DDR, heute: D), eigentlich David Hirsch, Sohn des Journalisten Julius Hirsch und der Schauspielerin Camilla Alt, Bruder des Sängers Hans Joachim H. und des Schauspielers und Regisseurs David Hurst. ∞ Erika Pelikowsky, Schauspielerin. Vater der Schauspielerin Gabriele H.

Volksschule und Gymnasium in Wien. Siebzehnjährig erstes Engagement in Friedrichsroda, 1918/19 am Volkstheater Wien, 1919/20 am Stadttheater Eisenach, 1920–24 bei Max Reinhardt am Deutschen Theater und bei Leopold Jeßner am Staatstheater Berlin, 1924/25 in Hagen, 1925/26 an den Hamburger Kammerspielen, 1927–27.2.1933 an den Preußischen Staatstheatern Berlin (letzte Rolle dort der Schatzmeister in Goethes "Faust II"), daneben Lehrer an der Schauspielschule des Staatstheaters. 1933 zusammen mit seiner Lebensgefährtin →Angelica Arndts Emigration nach Wien und 1934 nach Zürich. 1934–46 Engagement am →Schauspielhaus Zürich, spielte unter anderem zahlreiche Shakespeare-Rollen (1934 Titelrolle in "Heinrich IV.", 1936 Claudius in "Hamlet", 1943 Jago in "Othello", 1945 Titelrolle in "Timon von Athen", 1946 Titelrolle in "König Lear"), 1936 Just in Lessings "Minna von Barnhelm", 1939 Titelrolle in Büchners "Dantons Tod", 1941 Antonio in Schillers "Torquato Tasso", 1941 Pastor Manders in Ibsens "Die Gespenster", 1941 Koch in der Uraufführung von →Bertolt Brechts "Mutter Courage", 1942 Verrina in Schillers "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua", 1944 Mr. Antrobus in Wilders "Wir sind noch einmal davon gekommen", 1945 Mannon in O’Neills "Trauer muss Elektra tragen". H. inszenierte unter anderem 1938 Karel Čapeks "Die Mutter", 1939 Shaws "Helden", 1944 Ibsens "Nora", 1946 Goethes "Clavigo". Lehrer am →Bühnenstudio Zürich. 1946–48 am Volkstheater Wien, 1947–51 bei den Salzburger Festspielen (Mammon in Hofmannsthals "Jedermann"), 1948–56 zusammen mit →Karl Paryla Leiter des politisch engagierten Neuen Theaters in der Scala Wien, daneben ab 1951 als Gast, ab 1956 fest engagiert Regisseur und Schauspieler, ab 1958 Oberspielleiter, 1963–69 (als Nachfolger von →Wolfgang Langhoff) Intendant, danach weiterhin Schauspieler und Regisseur am Deutschen Theater Berlin, dazwischen 1962/63 Intendant der Volksbühne Berlin. Am Deutschen Theater inszenierte H. unter anderem 1951 Ostrowskis "Gewitter", 1957 zusammen mit Paryla Gorkis "Die Kleinbürger", 1964 Shakespeares "Hamlet", 1968 zusammen mit Adolf Dresen Goethes "Faust I", 1969 Mattias Brauns "Die Troerinnen", 1972 Tschechows "Onkel Wanja", 1975 Peter Hacks’ "Adam und Eva", 1980 Tschechows "Die Möwe"; spielte unter anderem 1957 Teterew in Gorkis "Die Kleinbürger" und die Titelrolle in Shakespeares "König Lear", 1959 die Titelrollen in Friedrich Wolfs "Professor Mamlock" und in Schillers "Wallenstein"-Trilogie, 1966 Titelrolle in Lessings "Nathan der Weise"). Prägende Regisseure am Deutschen Theater neben H. selbst waren unter seiner Intendanz →Benno Besson, Adolf Dresen und Friedo Solter. Nach 1966 gastierte H. neben seiner Tätigkeit am Deutschen Theater an anderen Ostberliner Bühnen, insgesamt spielte er etwa 400 Rollen, zuletzt 1971 als Gast am Berliner Ensemble die Titelrolle in Brechts "Leben des Galilei". Daneben zahlreiche Rundfunk, Film- und Fernsehauftritte. Zeitweise Direktor der Staatlichen Schauspielschule Berlin. 1977 inszenierte H. am Westberliner Schiller-Theater O’Caseys "Rote Rosen für mich". 1968–74 Vizepräsident der Akademie der Künste der DDR; 1966 Gründer und mehrfach wiedergewählter Präsident des Verbands der Theaterschaffenden in der DDR. Überzeugter Sozialist (seit 1930 Mitglied der KPD), künstlerisch geprägt von Tschechows und Gorkis Werken, vertrat er einen genauen, die menschlichen Charaktere und Situationen hervorkehrenden (zeitweise dogmatisch sozialistischen) Realismus.

Auszeichnungen

diverse hohe staatliche Ehrungen, darunter

  • 1954, 1959 und 1968 den Nationalpreis der DDR;
  • 1959 Ernennung zum Professor;
  • 1976 Goethe-Preis;
  • Ehrenmitglied des Deutschen Theaters Berlin und des Landestheaters Eisenach;
  • 1983 Ehrenbürger von Berlin.

Literatur

  • Pietzsch, Ulrich/Alvermann, Dirk: W. H. inszeniert Gorki: "Feinde", 1969.
  • Seydel, Renate (Hg.): … gelebt für alle Zeiten. W. H., 1975.
  • Pietzsch, Ingeborg: Werkstatt Theater. Gespräche mit Regisseuren, 1975.
  • Waack, Renate: W. H. – Denken, Handeln, Kämpfen, 1980.
  • Pietzsch, Ingeborg: Garderobengespräche, 1982.
  • Kuschnia, Michael (Hg.): 100 Jahre Deutsches Theater Berlin, 1983.
  • Köper, Carmen-Renate: Ein unheiliges Experiment, 1995.

Nachlass

  • Archiv der Akademie der Künste, Berlin.


Autorin: Anna Beck



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Beck, Anna: Wolfgang Heinz, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 818–819.

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