Wolfgang Hildesheimer

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* 9.12.1916 Hamburg (D), † 21.8.1991 Poschiavo GR.

Sohn eines Chemikers, emigrierte 1933 mit den Eltern über England nach Palästina. 1934–37 absolvierte er eine Tischlerlehre in Jerusalem und nahm Zeichenunterricht. 1937–39 studierte H. Malerei und Bühnenbild an der Central School for Arts and Crafts in London. Zurück in Palästina arbeitete er 1940–42 als Englischlehrer am British Council in Tel Aviv und 1943–46 als britischer Informationsoffizier in Jerusalem. 1946–49 war H. Simultandolmetscher bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. 1949–53 nahm er in Ambach am Starnberger See Wohnsitz und begann, witzig-ironische Prosa über den Kultur- und Bildungsbetrieb ("Lieblose Legenden", 1952; "Paradies der falschen Vögel", 1953) zu veröffentlichen. 1953–57 freier Schriftsteller in München, 1957 übersiedelte er nach Poschiavo. Dem Thema der politischen Macht widmete sich H. in seinen Hörspielen "An den Ufern der Plotinitza" (1956) und "Prinzessin Turandot" (1954), das in einer dramatisierten Fassung mit dem Titel "Der Drachenthron" zugleich sein erstes Bühnenwerk war (Uraufführung 23.4.1955, Düsseldorfer Schauspielhaus, Regie: Gustaf Gründgens). Mitte der fünfziger Jahre wich die Satire in H.s Arbeiten einer Stimmung von Irrationalität. Als einer der Ersten im deutschsprachigen Raum nahm er den Begriff des "Absurden" auf, theoretisch ausgeführt in der Erlanger Rede "Über das absurde Theater" (1960). Davon geprägt sind die Bühnenwerke "Pastorale" (Uraufführung 14.11.1958, Münchner Kammerspiele), "Die Uhren" (Uraufführung zusammen mit "Der schiefe Turm von Pisa" 18.4.1959, Schlosstheater Celle), "Landschaft mit Figuren" (Uraufführung 29.9.1959, Tribüne Berlin) und "Die Verspätung" (Uraufführung 14.9.1961, Kammerspiele Düsseldorf). Programmatisch markieren Isolation und melancholische Zurückgezogenheit des Ichs eine inhaltliche Grundposition, die sich formal im monologischen Charakter der Werke äussert. So zeigt der Einakter "Nachtstück" (Uraufführung 28.2.1963, Kammerspiele Düsseldorf) einen weltfremden Einzelnen als einsamen Schlaflosen in einem schlossähnlichen Gebäude. H.s monologische Phase gipfelte in dem Prosatext "Masante". Seit etwa 1970 trat die Beschäftigung mit historischen Figuren ("Mary Stuart", Uraufführung 15.12.1970, Düsseldorfer Schauspielhaus) und Künstlerpersönlichkeiten in den Vordergrund. Allerdings lieferte seine historische Biografie "Mozart" (1977) keine "gültige" Darstellung des Komponisten. Denn Fremdheit und Unbegreiflichkeit definieren nach H. geradezu das Genie, und so verstand H. sein erfolgreichstes Buch vielmehr als Annäherung an einzelne Aspekte einer möglichen Wirklichkeit. Der 1975 gehaltene Vortrag "The End of Fiction" kündigte den 1983 erfolgten Abschied von der Literatur an. In H.s Sicht hatte die Welt einen so hohen Grad der Komplikation und Zuspitzung erreicht, dass er ihr nur mehr mit Sprachlosigkeit und später mit Sprachverzicht begegnen konnte. Zum dominierenden Ausdrucksmittel wurden Grafik, Aquarelle und Collagen. Das sich selbst auferlegte literarische Schweigen durchbrach er zuweilen mit Reden, Vorträgen, Rezensionen und Übersetzungen von Werken Shaws, Joyces, Congreves und anderen. Weitere Bühnenwerke: "Die Herren der Welt" (1958), "Das Opfer Helena" (Uraufführung 8.10.1959, Zimmerspiele Mainz), "Die Lästerschule" (Uraufführung 5.6.1960, Landestheater Hannover), "Die Schwiegerväter. Nach Goldoni" (Uraufführung 4.12.1961, Tribüne Berlin).

Auszeichnungen

unter anderem

  • 1954 Hörspielpreis der Kriegsblinden,
  • 1966 Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen,
  • 1966 Georg-Büchner-Preis,
  • 1982 Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste,
  • 1982 Ehrenbürger von Poschiavo,
  • 1982 Dr. h. c. der Universität Giessen,
  • 1991 Literaturpreis der Stadt Weilheim.

Literatur

  • Lea, Henry A.: W. H.s Weg als Jude und Deutscher, 1997.
  • Hirsch, Wolfgang: Zwischen Wirklichkeit und erfundener Biographie, 1997.

Nachlass

  • Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar.


Autorin: Brigitte Marschall



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Marschall, Brigitte: Wolfgang Hildesheimer, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 840–841.

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