Zürcher Theaterspektakel, Zürich ZH

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Internationales Festival für zeitgenössisches und innovatives Theaterschaffen

Inspiriert vom Münchner Theaterfestival (gegründet 1977) und von Aufsehen erregenden Gastspielen internationaler Theatergruppen im Rahmen der Reihe →Theater 11 initiierten Jürg Woodtli, →Rolf Derrer (beide aus der freien Szene), →Nicolas Baerlocher (Präsidialabteilung der Stadt Zürich und Leiter des Theaters 11) und Wolfgang Wörnhard (Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit beim "Tages-Anzeiger") Ende der siebziger Jahre das publikumswirksame Festival internationaler und nationaler freier Theatergruppen am Zürichsee. Ende Juni 1980 fand das erste Z. in Zelten auf der Landiwiese und im Theatersaal der →Roten Fabrik statt, ergänzt durch Strassentheater auf dem Festivalgelände und in der Innenstadt. Anliegen der Organisatoren war es, mit den Theaterexperimenten und innovativen Zirkusformen der eingeladenen Gruppen abseits der etablierten Häuser und Institutionen während acht Tagen unkonventionelle Theatererlebnisse zu ermöglichen und der Schweizer freien Szene neue Impulse zu geben. Das spezifische Ambiente auf der Landiwiese mit seinem Zeltdorf und zahlreichen Verpflegungsmöglichkeiten sowie Strassenkünstlerinnen und -künstlern sollte zudem den Kontakt zwischen einem neugierigen Publikum und internationalen Theaterschaffenden fördern und zu einem sozialen Treffpunkt werden. Seit 1986 findet das Z. jeweils von Mitte oder Ende August bis Anfang September statt. Während dieser zweieinhalb Wochen geben zirka 25–35 Gruppen und Einzelkünstlerinnen und -künstler aus der Schweiz, Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Asien sowie aus dem pazifischen Raum rund 100–140 Vorstellungen, die pro Jahr von durchschnittlich 25’000–35’000 Menschen besucht werden. Je nach Witterung halten sich auf dem Areal im Lauf des Festivals bis zu 100’000 Leute auf. Das Z. ist kein Uraufführungsfestival, Premieren bilden die Ausnahme. Das künstlerische Konzept des Z. sah von Beginn an die Vielfalt theatraler Formen vor (unter anderem Slapstick, Strassentheater, zirzensische Formen, experimentelles Sprech-, Tanz- und Musiktheater, politisches Theater, Performance, Kinder- und Jugendtheater, Kleinkunst sowie spartenübergreifende Darstellungsformen); es sollen möglichst viele aussergewöhnliche Produktionen gezeigt werden. Beispielsweise gastierten 1983 The Wooster Group und Anna Teresa de Keersmaeker/Rosas, 1985 La Fura dels Baus, 1986 La La La Human Steps, 1987 Peter Brook mit "Mahabarata", 1990 DV8, 1991 →Christoph Marthaler mit "Stägeli uf, Stägeli ab, juhee!"und Eimuntas Nekrosius, 1992 die Socìetas Raffaello Sanzio, 1993 Robert Lepage/Théâtre Repère und die Handspring Puppet Company, 1994 Helena Waldmann, 1995 Meg Stuart und Heiner Goebbels, 1996 Saburo Teshigawara und das Akko Theater Zentrum, 1997 →Anna Huber und Stefan Pucher. Damit präsentierte das Z. viele Theaterschaffende, bevor sie einem breiten Publikum bekannt wurden. Ende der neunziger Jahre wurden thematische Schwerpunkte in Form mehrerer Programmlinien gelegt, wie beispielsweise 1998 "Theaterformen im Maghreb und im Nahen Osten" und 2000 "Theater aus dem Osten" (beide in Zusammenarbeit mit der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia). Seit Anfang der neunziger Jahre ergänzt ein Rahmenprogramm mit Gesprächsreihen, Theoriedebatten, Lesungen und Konzerten das Festivalprogramm. Ungefähr ein Viertel aller Produktionen kommt aus der Schweiz. Die Auslastung bewegt sich zwischen siebzig und achtzig Prozent. Mit den Jahren wichen die Zirkuszelte jeweils eigens für das Festival errichteten, weniger lärmdurchlässigen und technisch besser ausgerüsteten Spielpavillons von unterschiedlicher Grösse (zirka 200–700 Plätze). Hinzu kamen Freilichtbühnen, etwa auf der Saffa-Insel. Seit Beginn arbeitete das Z. ausserdem mit der Roten Fabrik zusammen, 1985 wurde die Werfthalle der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft als Spielort genutzt, 1987 die Reithalle Gessnerallee, welche auf Initiative des Z.-Leitungsteams 1989 als →Theaterhaus Gessner­allee zum Gastspiel- und Koproduktionsbetrieb für freies Theater wurde.

Das Konzept, innovatives Theater mit unterhaltsamem Spektakel zu verbinden, hat sich in den Grundzügen bis heute bewährt: Das Z. stellt eine der erfolgreichsten Stadtzürcher Theaterinitiativen der letzten Jahrzehnte dar und ist mittlerweile das grösste Theaterfestival der Schweiz. Rechtsträgerin und Veranstalterin des Festivals ist das Präsidialdepartement (früher: Präsidialabteilung) der Stadt Zürich. Dieses bestimmt das Leitungsteam des Z, welches selbstständig über Programm und Budget entscheidet. Die Organisation des Z. oblag anfangs einer sechs- bis zehnköpfigen Programmgruppe, zu welcher unter anderem die Initianten gehörten. Innerhalb dieser Gruppe entstand mit den Jahren ein Team von drei bis vier ganzjährig angestellten Personen, welche die eigentliche Festivalleitung bildeten und für das Programm sowie die technische und administrative Leitung verantwortlich zeichneten. Zu den Mitgliedern dieses Leitungsteams zählten als Programmverantwortliche und künstlerische Leiter Woodtli (bis 1989, danach bis 2001 weiterhin Mitglied der Programmgruppe), →Res Bosshart (1988–94) und →Markus Luchsinger (1990–2001), als technische Leiter Derrer (bis 1988) und Werner Hegglin (seit 1988) sowie als administrative Leiterin Cornelia Howald (seit 1982). Diese Organisationsstruktur blieb formell bis 2001 bestehen, veränderte sich im Laufe der Zeit aber in ihrer Ausgestaltung. Während anfangs eher basisdemokratisch gearbeitet wurde, erhielt die Festivalleitung mit den Jahren mehr Gewicht, der Programmgruppe kam eher die Rolle eines Beirats zu. Vor dem Wechsel in der künstlerischen Leitung 2001 löste sich die Programmgruppe schliesslich selbst auf, das Modell einer Koleitung wurde aber beibehalten. 2001 übernahm Maria Magdalena Schwaegermann die künstlerische Leitung von Luchsinger. Seither bildet sie zusammen mit den Bisherigen Howald und Hegglin das Leitungsteam. Neben den fest angestellten Leitern arbeiten während der Festivalwochen mittlerweile über hundert Teilzeitkräfte. Am ersten Z. besuchten 12’500 Zuschauer die 45 Vorstellungen (ohne Strassenprogramm) von siebzehn freien Theatergruppen. Das Budget betrug damals 590’000 Franken, wovon die Stadt Zürich und der "Tages-Anzeiger" den grössten Teil aufbrachten. Auf Grund der grossen Resonanz beim Publikum vergrösserte sich das Z. stetig. Bis 1990 hatte sich das Budget beinahe verdreifacht. Ab den frühen achtziger Jahren erhielt das Z. ausserdem Beiträge vom Kanton Zürich sowie von verschiedenen Stiftungen und Sponsoren. Etwa die Hälfte des Budgets musste jeweils durch Einnahmen aus dem Kartenverkauf und den Restaurant-Provisionen gedeckt werden. Mit der massgeblichen Unterstützung des 1991 gegründeten Gönnervereins sowie der beiden 1996 zusätzlich gewonnenen Hauptsponsoren Zürcher Kantonalbank (ZKB) und Swiss Re konnte die finanzielle Situation des Z. in den neunziger Jahren verbessert werden. 2003 belief sich das Gesamtbudget des Festivals auf drei Millionen Franken. Je ein Drittel erbrachten das Z. in Eigenleistung, die Stadt Zürich mit Subventionen und Sachleistungen sowie die drei Hauptsponsoren zusammen mit dem Gönnerverein. Um die künstlerische Qualität zu fördern und die Produktionsbedingungen einzelner Gruppen zu verbessern, reserviert das Z. seit 1993 einen Teil des Budgets für Koproduktionen. Seit 1996 wird der ZKB-Förderpreis von einer unabhängigen Jury an ausgewählte Produktionen verliehen.

Literatur

  • Altorfer, Christian/Hoehne, Verena: Spektakel, 1989.


Autorin: Evelyn Klöti



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Klöti, Evelyn: Zürcher Theaterspektakel, Zürich ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 2162–2164, mit Abbildung auf S. 2163.