Oskar Wälterlin

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* 30.8.1895 Basel, † 4.4.1961 Hamburg (D).

Studium der Germanistik in Basel, 1918 Dissertation "Schiller und das Publikum". Sprechunterricht bei →Michael Isailovits. 1919 Debüt am →Stadttheater Basel als Baumgarten in Schillers "Wilhelm Tell", 1919–25 dort Regisseur und Dramaturg, 1925–32 Direktor. W. inszenierte in Basel rund 150 Opern und Schauspiele, darunter neben zahlreichen Klassikern diverse Uraufführungen von Schweizer Dramen sowie zweier eigener Stücke: "Die Sendung" (27.3.1927), "Papst Gregor VII."(2.12.1931). 1924/25 Zusammenarbeit mit →Adolphe­ Appia: →Richard Wagners "Ring des Nibelungen" (nach "Das Rheingold" und "Die Walküre" abgebrochen). 1932 wurde W.s Homosexualität zum Skandal gemacht und damit seine Demission erzwungen. 1932/33 Gastinszenierungen in Strassburg und Mülhausen im Elsass. 1933–38 Oberspielleiter der Oper an den Städtischen Bühnen Frankfurt am Main; inszenierte – neben einigen Schauspielen – unter anderem Werke von Wagner und Mozart sowie die Uraufführungen von Egks "Die Zaubergeige" und Orffs "Carmina Burana", zuletzt Wagners "Götterdämmerung". 1938–61 Direktor des →Schauspielhauses Zürich. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Schauspielhaus eine der wichtigsten Uraufführungsbühnen für Werke emigrierter Autoren. Insgesamt fanden sechzig Uraufführungen, rund ein Drittel während des Krieges, statt. Herausragend die der Stücke →Bertolt Brechts und nach 1945 die der Werke →Max Frischs und →Friedrich Dürrenmatts. W. selbst schuf über 125 Inszenierungen, neben vielen Shakespeare-Stücken – zur Eröffnung seiner ersten Spielzeit "Troilus und Cressida"– unter anderem Molières "Die Schule der Frauen", Sophokles’ "König Ödipus", Wilders "Eine kleine Stadt" und dessen "Wir sind noch einmal davongekommen", Lessings "Nathan der Weise", Eliots "Familienfeier" sowie die folgenden Uraufführungen: →Paul Burkhards "Der schwarze Hecht" (1.4.1939), →Alfred Gehris "Irgendwo in der Schweiz" (5.6.1941), →Josef Viktor Widmanns "Die Maikäferkomödie" (20.6.1942 und als letzte Inszenierung 1.4.1961), sein eigenes Stück "Henri G. Dufour" (2.10.1948), →Carl Zuckmayers "Barbara Blomberg" (5.5.1949), Bernanos "Die begnadete Angst" (14.6.1951), Sartres "Im Räderwerk" (30.11.1952), Frischs "Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie" (5.5.1953), Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" (29.1.1956), Frischs "Herr Biedermann und die Brandstifter"/"Die grosse Wut des Philipp Hotz" (29.3.1958), Dürrenmatt/Burkhards "Frank V."(19.3.1959). Ab 1932 bis 1960 regelmässig Gastinszenierungen am Stadttheater Basel (unter anderem Uraufführung des eigenen Stücks "Wenn der Vater mit dem Sohne", 7.3.1936), 1942–44 dort auch Schauspieldirektor (zusätzlich zur Zürcher Tätigkeit). 1947–61 auch Operninszenierungen am →Stadttheater Zürich. Als Direktor für Basel ab Herbst 1961 gewählt. Inszenierung von Festspielen in Basel und Zürich. Gastinszenierungen, auch Opern, in Berlin (1932–38), Darmstadt, Augsburg, Mainz, bei den Salzburger Festspielen (1946–58), in Lyon, München, Triest, Wien, Düsseldorf und Hamburg. Sein Film "De achti Schwyzer" (1939) wurde von der Zensur verboten. Der Zürcher Spielplan von W. wandte sich weit gehend gegen den Nationalsozialismus, Klassikeraufführungen mit Bezug zur aktuellen politischen Situation in Europa standen im Dienst der geistigen Landesverteidigung. W.s "impressionistischer" Regiestil kam am besten zur Wirkung, wenn "die Möglichkeit psychologisch-feinsinniger Einfühlung gegeben" war. Er war "daher als Regisseur mehr Lyriker als Dramatiker und am Schauspielhaus der berufene Meister kammerspielhafter Weggestaltung" (Günther Schoop). Weitere Werke (Auswahl): "Das andere Leben" (Roman, 1943), "Das Gasthaus zu den Drei Königen" (Schauspiel, →Stadttheater Bern 1939/40). "Entzaubertes Theater" (1945), "Verantwortung des Theaters" (1947), "Bekenntnis zum Theater. Reden und Ausätze" (1955).

Literatur

  • Die Basler Festspiele 1923–1951.
  • Festschrift für O. W. anlässlich seines 60. Geburtstages, 1955.
  • Schoop, Günther: Das Zürcher Schauspielhaus im zweiten Weltkrieg, 1957.
  • Loeffler, Michael Peter: O. W., 1979 [mit Bibliografie].
  • Blubacher, Thomas: Befreiung von der Wirklichkeit? Das Schauspiel am Stadttheater Basel 1933–1945, 1995.
  • Amrein, Ursula: Das Zürcher Schauspielhaus und die Geistige Landesverteidigung, Schweizer Monatshefte 4/1995.
  • Lendenmann, Fritz (Hg.): Eine grosse Zeit. Das Schauspielhaus Zürich in der Ära W., 1995.

Nachlass

Teilnachlässe in

  • der Universitätsbibliothek Basel,
  • der Zentralbibliothek Zürich und
  • der Schweizerischen Theatersammlung, Bern.


Autor: Christian Jauslin



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Jauslin, Christian: Oskar Wälterlin, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 2048–2050, mit Abbildung auf S. 2049.

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