Calvenspiel

Aus Theaterlexikon
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Festspiel, 1899 im Rahmen der Calvenfeier zum 400-Jahr-Jubiläum der Schlacht an der Calven in Chur aufgeführt

Am 22.5.1499 standen sich an der Calven, der engsten Stelle am Ausgang des Münstertals, bündnerische, eidgenössische und österreichische Truppen gegenüber. Die bündnerische Geschichtsschreibung vor allem des 19. Jahrhunderts deutete die siegreiche Calvenschlacht als einen Markstein des Bündner Unabhängigkeitskampfes. Das auf dieser Grundlage basierende C. ermöglichte Graubünden eine verklärende Bilanz seiner Entstehung, seines Anschlusses an die Eidgenossenschaft und seiner Bemühungen, diesem Anschluss gerecht zu werden.


Form und Inhalt

Das C. war in Aufbau, Bühnenbild und Dramaturgie ein typischer Vertreter des Festspielgenres und das erste multimediale Grossereignis in Graubünden. Es war ein Auftragswerk der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Elite Graubündens. Mit Einsendeschluss Ende Februar 1897 schrieb das Organisationskomitee das Festspiel in allen grossen Schweizer Zeitungen aus. Ausgewählt wurde der Entwurf "Fraischamaing" der beiden Bündner Autoren Michael Bühler (1853–1925) und Georg Luck (1869–1925), die beide als Redaktoren der Berner Zeitung "Der Bund" tätig waren. Für die Festspielmusik engagierte das Musikkomitee Otto Barblan, den Bündner Organisten in Genf, für das Bühnenbild den Dekorateur Hösli aus Trübbach. Das C. orientierte sich an der Form der Schlacht-Festspiele, wie sie vom Höngger Pfarrer Heinrich Weber und vom Luzerner Komponisten Gustav Arnold in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Sempach 1886, Bern 1891) vorgegeben worden war. Einzel- und Wechselreden, unterbrochen von Chorgesangpartien, stellen in szenischen Bildfolgen die Stimmung der beteiligten historischen Gruppen vor, während und nach der Schlacht dar. Im Schlussakt wird apotheotisch mit allen Beteiligten (auch den toten Helden) der gute Ausgang und der Zusammenschluss zu einer grösseren Gemeinschaft gefeiert. Die ersten vier Akte ("Die Vereinigung der Drei Bünde", "Beginn der Kriegswirren", "Kriegselend an der Grenze" und "Die Schlacht an der Calven") waren ganz der bündnerischen Entwicklung – allerdings mit Betonung der Zusammenarbeit mit den Eidgenossen im militärischen Bereich während des Schwabenkriegs – verpflichtet. Der fünfte Akt ("Vereinigung Rätiens mit Helvetien") präsentierte sich als ungeteilte Zustimmung der Vereinigung von Graubünden und der Schweiz. Mit zahlreichen Darstellungen von Bündner Folklore und Brauchtum wurde betont, dass Graubünden eine kulturelle Mitgift in diese Verbindung einbrachte.


Inszenierung

Die Festspielbühne wurde auf der Festwiese, der Oberen Quader, damals Teil des bischöflichen Grundbesitzes, in Chur errichtet. Beim Bühnenbild zeigten sich die Organisatoren des C. im Schweizer Genrevergleich innovativ. Im Gegensatz zu den Festspielen in Schwyz 1891 oder Basel 1892 verzichtete man auf eine Guckkastenbühne, wie sie von Aufführungen in geschlossenen Räumen her bekannt war. Die Hauptbühne, die um fast eineinhalb Meter höher liegende Oberbühne und eine vorgelagerte Rampe, alle durch Treppen und Aufgänge miteinander verbunden, bildeten einen Bühnenkörper von 25 Meter Breite und 24 Meter Tiefe. Sechs Aufgänge für Menschen und Pferde erschlossen die gestaffelten Bühnenböden. Vor der Rampe, eineinhalb Meter tiefer, spielte das Orchester auf einer Fläche von fünf auf fünfzehn Metern. Unter der Bühne wurden Garderoben für Damen und Herren, Coiffeur- und Requisitenräume und eine Kinderspielecke eingerichtet. Plastische Gebirgsversatzstücke, Gewächse aus der Bündner Flora, ein echter Wasserfall und auf Bretterwände aufgezogene Veduten des Kriegsschauplatzes bildeten die Kulissen, die in die Tiefe der Bühne gestaffelt Regisseur Carl Broich viele Inszenierungsmöglichkeiten eröffneten. Der vierzehn Meter hohe rückwärtige Bühnenabschluss korrespondierte motivisch mit den Bergen im Hintergrund. Der Monumentalrealismus des Bühnenbildes ohne Rahmen erzeugte eine Spannung zur illusionär-idealisierenden Dramaturgie und Absicht des Stücks. Die Bündner Regierung, der Bundespräsident und zwei Bundesräte eröffneten das C. am Pfingstsonntag, dem 28. Mai 1899. Diese und die folgenden Vorstellungen am 29. Mai und am 4. Juni wurden von rund 18’000 Zuschauerinnen und Zuschauern und der Presse begeistert aufgenommen.


Wirkung

Das Festspiel prägte das Geschichtsbewusstsein der Bünderinnen und Bündner auf Jahrzehnte hinaus. Es wurde bis heute über zwanzig Mal integral oder in Auszügen wieder aufgeführt, meist an symbolträchtigen Veranstaltungen wie der Schweizerischen Landesausstellung in Zürich 1939 oder dem Eidgenössischen Schützenfest 1949 in Chur. Zum 450-Jahr-Jubiläum der Schlacht an der Calven organisierte das Münstertal am Originalschauplatz ein Festspiel mit →Tista Murks patriotischem Drama "Chalavaina 1499–1949" und der Calvenmusik Otto Barblans.

Literatur

  • Röthlisberger, Peter: Benedikt Fontana lebt! Die Calvenfeier von 1899 und ihre Auswirkungen auf das Geschichtsverständnis, 1999.


Autor: Peter Röthlisberger



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Röthlisberger, Peter: Calvenspiel, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 331–332.