Johann Jakob Bodmer

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* 19.7.1698 Greifensee ZH, † 2.1.1783 Zürich.

Besuchte als Sohn eines Pastors die Lateinschule des Collegium Carolinum in Zürich. Beginn der Freundschaft mit dem Kommilitonen Johann Jakob Breitinger (* 1701). 1718 Abbruch der theologischen Ausbildung, Reisen nach Lyon und Lugano, wo B. vorübergehend im Seidenhandel tätig wurde, und intensive Auseinandersetzung mit der europäischen Literatur. 1719 in der Zürcher Staatskanzlei mit historischen Studien beschäftigt; 1725 Zürcher Stadtverweser; 1731–75 Professor für Helvetische Geschichte am Carolinum. Ab 1747 Mitglied des Zürcher Grossen Rats. B.s vielfältiges Wirken auf dem Gebiet der Dichtung machte Zürich im 18. Jahrhundert zu einem bedeutsamen Ort für die Entwicklung der deutschsprachigen Literatur. Zusammen mit Breitinger gab er 1721–23 die moralische Wochenschrift "Discourse der Mahlern" heraus. 1734 war er Mitbegründer der Verlagsbuchhandlung "Orell & Compagnie", in der 1762–66 Wielands Shakespeare-Übersetzung erschien. Eingebettet in die Diskussion allgemeinerer poetologischer Probleme entwickelte B. im 1736 teilweise veröffentlichten Briefwechsel mit dem Grafen Calepio dramentheoretische Überlegungen und brachte die Wirkungsästhetik der Tragödie zur Sprache. Seine in Zusammenarbeit mit Breitinger entwickelten poetologischen Konzepte entfachten seit den Jahren 1740–41 den so genannten deutsch-schweizerischen Literaturstreit zwischen B.s Zürcher Kreis und dem Leipziger Kreis um Johann Christoph Gottsched. Die Zürcher vertraten den Standpunkt, dass Dichtung über reine Naturnachahmung hinausgehen und auch aus der Einbildungskraft der Dichter hervorgehen dürfe. Neben dem Bereich des "Wahrscheinlichen" sollte damit der Bereich des "Wunderbaren", aber Möglichen darstellbar werden. Ausserdem kritisierten sie Gottscheds Orientierung am Drama der französischen Klassik und stellten dem die Vorbildhaftigkeit des englischen Dramas gegenüber. Seine Hauptinteressen, Geschichte und Ästhetik, führte B. in insgesamt vierzig, seit 1756 im Druck erschienenen Lesedramen zusammen, welche die Tradition des vaterländischen Schauspiels in einer republikanischen Variante weiterführten. B. behandelte vor allem Stoffe aus der griechisch-römischen Geschichte oder der Bibel. Seine "Schweizerischen Schauspiele" (1775) thematisierten auch helvetische Geschichte und Sagen, so mehrfach den Tell-Stoff; mit "Odoardo Galotti" (1778) und "Philotas" (1760) parodierte B. Lessing. Schon von Zeitgenossen wurde indes die (durchaus gewollte) Vernachlässigung der Handlungsführung zu Gunsten der Charakterzeichnung bemängelt. B. machte sich darüber hinaus um die Edition mittelalterlicher, barocker und zeitgenössischer Literatur wie um die literarische Übersetzung verdient und verfasste neben ästhetischen und historischen Schriften auch (religiöse) Epen, Lyrik und einen satirischen Roman.

Literatur

  • Bender, Wolfgang: J. J. B. und Johann Jakob Breitinger, 1973.
  • Wilke, Jürgen: Der deutsch-schweizerische Literaturstreit. In: Schöne, Albrecht (Hg.): Kontroversen, alte und neue, Bd. 2, 1986.
  • Winterling, Fritz: Das Bild der Geschichte in Drama und Dramentheorie Gottscheds und B.s, Dissertation Frankfurt am Main, 1955.
  • Gut, Katrin: Das vaterländische Schauspiel der Schweiz, 1996.

Nachlass

  • Zentralbibliothek Zürich.


Autor: Dietrich Seybold



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Seybold, Dietrich: Johann Jakob Bodmer, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 226–227.

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