Sechseläuten, Zürich ZH

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Das S. ist das stadtzürcherische Frühlingsfest und dauert drei Tage. Der Höhepunkt der Feierlichkeiten findet traditionsgemäss am dritten Montag im April statt; falls dieser auf die Karwoche oder den Ostermontag fällt, findet das S. am darauf folgenden Montag statt. Der vermutlich spätestens aus dem 14. Jahrhundert stammende Brauch des Läutens der Feierabendglocke um sechs Uhr abends auf dem Grossmünster während des Sommerhalbjahrs gab dem Fest seinen Namen.


Entwicklung

An der Entstehung des S. waren fastnächtliche Elemente, Brauchtum und Zunftwesen beteiligt.

1. Fastnächtliche Elemente: Der Fastnachtsbrauch wurde von der reformatorischen Obrigkeit Zürichs erst eingeschränkt, dann verboten. Ein Frühlingsfest konnte jedoch nicht vollständig unterdrückt werden. Maskierte Jugendliche feierten den Sechseläutentag auf den Strassen, sammelten Gaben und verbrannten Bööggen (der Begriff hat verschiedene Bedeutungen, unter anderem wurden damit Puppen, die unliebsame Zeitgenossen und Politiker darstellten, bezeichnet).

2. Zunftfestivitäten am Sechseläutentag: Die historischen dreizehn Zürcher Zünfte wurden mit der Rudolf Brun’schen Verfassung von 1336 gegründet. 1867 Gründung der Stadtzunft und 1887 der Quartierzunft Riesbach. Nach den Eingemeindungen verschiedener Vorortsgemeinden 1893 und 1934 kamen weitere Quartierzünfte dazu. Die Zünfter feierten das Anbrechen der "Sommerzeit", angekündigt durch das erste Sechs-Uhr-Läuten des Grossmünsters, in den Zunftstuben mit einem gemeinsamen Essen und gegenseitigen abendlichen Besuchen.

3. Zunftumzug: 1818 unternahm die Meisenzunft einen ersten, kleinen nächtlichen Umzug, 1830 zeigte sich die Zunft zur Saffran erstmals tagsüber im Kostüm der alten "zunftherrlichen Zeit". 1839 fand der erste gemeinsame Umzug aller Zünfte statt. Seit 1841 wurden in unregelmässigen Abständen auch thematische Umzüge organisiert, die sich zum heutigen Zug der Zünfte zum Sechseläutenfeuer entwickelten. Seit 1892 übernimmt das "Zentralkomitee der Zünfte Zürich" die Organisation des S.


Ablauf

Während der Samstag den Bällen der Zünfter und Gesellen gewidmet ist, organisiert die Kommission des Zentralkomitees der Zünfte Zürichs am Sonntag den Kinderumzug. Die aus dem ganzen Kanton kommenden Kinder sind sowohl in traditionellen Kostümen und Trachten als auch als Märchen- und Westernfiguren zu sehen. Neben den Umzugswagen wird der Böögg – seit 1903 eine Schneemannsfigur – mitgeführt. Der Montag, der Tag der Zünfte, ist der Höhepunkt des S. Während der Morgen in jeder Zunft individuell gestaltet wird, treffen die Zünfter ihre Ehrengäste – Politiker, Militärs, Exponenten von Kultur, Behörden, Gewerbe und Industrie, heute auch Frauen – zum Mittagessen in ihren Stuben. Der Zunftmeister hält eine vorbereitete, witzige Begrüssungsrede, die meist staatsbürgerliche, historische oder gesellschaftspolitische Themen aus aktueller Sicht aufnimmt.

Beim historischen Umzug begeben sich die in Trachten, Kostümen oder historischen Uniformen gekleideten Zunftgruppen zu Fuss, zu Pferd, in Kutschen oder auf Umzugswagen in Begleitung eines eigenen Musikkorps vom Bahnhof bis zum See und durch die Bahnhofstrasse zurück zur Uraniastrasse und über die Rudolf-Brun-Brücke, dann das Limmatquai entlang zum Platz vor dem Opernhaus, dem alten Tonhallenplatz, seit 1947 offiziell Sechseläutenplatz. Um sechs Uhr abends beginnt die Verbrennung des Bööggs, eines Watte-Schneemanns als Symbol des Winters, der auf einem Reisighaufen thront. Die Reitergruppen jeder Zunft galoppieren je drei Runden mit ihrer Standarte begleitet vom Sechseläutenmarsch (Altpreussischer Jägermarsch) um den brennenden Reisighaufen. Je schneller der mit Knallkörpern gefüllte Kopf des Bööggs explodiert, desto früher soll angeblich der Sommeranfang und desto schöner der Sommer sein.

Dann kehren die Zünfter zum gemeinsamen Abendessen in ihrer jeweiligen Zunft ein. Nach dem Essen beginnt in den Zunftstuben der "Auszug" der jüngeren Zünfter, die drei ausgeloste Zunftstuben besuchen. Der Auszug wird begleitet von der Zunftmusik, der Zunftfahne und dem Zunftmeisterbecher; die Zünfter tragen Laternen mit dem Zunftwappen und ihrem Familienwappen. Die Gäste werden mit dem Sechseläutenmarsch empfangen und erhalten Wein in die mitgebrachten Zinnbecher eingeschenkt; die Zunftmeister tauschen für die Zeit des Aufenthalts ihre Zinnbecher. Der Redner der besuchenden Zunft hält eine möglichst angriffige und witzige Begrüssungsrede auf die der Zunftmeister der besuchten Zunft aus dem Stegreif antwortet. Nach der Rückkehr ins eigene Zunftlokal wird den "Stubenhockern"über die Besuche Bericht erstattet. Um ein Uhr nachts brechen sie zum "Saubannerzug" auf, gehen Reden haltend von Zunft zu Zunft und treiben allerhand Schabernack.


Neuerungen und weitere Bräuche

Die Zünfte sind historisch bedingt nur Männern zugänglich; in die Montagsfeierlichkeiten werden in jüngerer Zeit aber auch Frauen einbezogen. Während des Umzugs fungieren sie normalerweise nur als Zuschauerinnen, überreichen den Männern Blumensträusse. Seit 2000 jedoch veranstalten die Frauen der "Gesellschaft zu Fraumünster" einen eigenen Umzug, der dreissig Minuten vor dem offiziellen Sechseläutenumzug stattfindet, auf einer abgekürzten, bewilligten Route.

Mehrere Zünfte üben zum S. noch weitere Bräuche aus: beispielsweise veranstaltet die Zunft zur Saffran seit 1984 am Morgen des S. das Mörserschiessen; die Zunft zur Meisen organisiert das Räbenspiel, die Zunft zum Kämbel verteilt Datteln, die Zunft zum Weggen übt den Brauch des Semmeliwerfens, die Hottingerzunft besucht am Montagvormittag das Ehrengrab →Gottfried Kellers.

Seit 1991, zum Anlass der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft, präsentiert sich als Zusatzveranstaltung am Wochenende ein Kanton auf dem als "Platz der Kantone" bezeichneten Lindenhof.


Finanzierung

Öffentliche Gelder werden für die Feierlichkeiten nicht beansprucht, der Kinderumzug finanziert sich aus dem S.-Fonds, dem Beitrag der Zünfte und dem Erlös des Kartenverkaufs und der Programmhefte. Die Kosten für den gemeinsamen Umzug tragen die Zünfte. Heute wird der Anlass von 25 Zünften getragen, von denen die älteste 1336 und die jüngste 1980 gegründet wurde.

Literatur

  • Gyr, Salomon Friedrich: Zürcher Zunft-Historien, 1929.
  • Baumann, Walter/Niesper, Alphonse A.: Zürcher S., 1976.
  • Schönauer, Roman G.: S. in Zürich. In: Das Jahr der Schweiz in Fest und Brauch, 1981.
  • Baumann, Walter: Zürcher Constaffel und die 25 Zünfte, 1992.
  • 650 Jahre Zürcher Zünfte, herausgegeben vom Zentralkomitee der Zünfte Zürichs, 1986.
  • Meier, Isabelle: Von Böögenwerken und Zunftumzügen. Vom Fest zum Spektakel. In: Lücken im Panorama. Einblicke in den Nachlass Zürichs, 1986.


Autor/Autorin: Christian Jauslin/Davina Siegenthaler



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Jauslin, Christian/Siegenthaler, Davina: Sechseläuten, Zürich ZH, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1668–1669.