Walter Mehring

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* 29.4.1896 Berlin (D), † 3.10.1981 Zürich. Sohn der Opernsängerin Hedwig Löwenstein (Stein) und des Journalisten und Schriftstellers Sigmar M.

Ab 1914 Studium der Kunstgeschichte in Berlin und München, 1916–17 Militärdienst. Seit 1915 stand M. den Expressionisten von Herwarth Waldens "Sturm"-Kreis nahe, wo sein 1918 geschriebenes Drama "Die Frühe der Städte" gelesen wurde. Teilnahme an Aktionen der Berliner Dadaisten. M. schrieb vor allem politisch-satirische Chansons und Gedichte für Berliner Kabaretts, darunter Rosa Valettis "Größenwahn", Max Reinhardts "Schall und Rauch" (unter anderem 1919 das Puppenspiel "Einfach klassisch! Eine Orestie mit glücklichem Ausgang") und ab 1921 Trude Hesterbergs "Wilde Bühne". 1920–24 und 1929–33 Mitarbeit bei der Zeitschrift "Die Weltbühne". 1921–22 und 1924–28 lebte M. mit Unterbrechungen als Auslandskorrespondent in Paris. 1927 verfasste er Songs zu Ernst Tollers "Hoppla, wir leben!". 1929 wurde M.s Drama "Der Kaufmann von Berlin"über Kriegs- und Inflationsgewinner im Theater am Nollendorfplatz Berlin uraufgeführt (Musik: Kurt Weill, Bühne: Laszlo Moholy-Nagy, Regie: Erwin Piscator) und provozierte einen Publikumsskandal. 1932 verfasste M. "Die höllische Komödie", die 1933 vor der Uraufführung verboten wurde. Im gleichen Jahr Flucht nach Paris. 1934 Korrespondent der Exilzeitschrift "Das neue Tagebuch" in Wien. Dann erneute Flucht nach Paris. Im Sommer 1940 Flucht nach Marseille und Inhaftierung. 1941 gelangte M. über Casablanca und La Martinique nach Florida, Hollywood und später New York. Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft. Verschiedene Berufe, darunter Drehbucharbeit in Hollywood sowie Hörspielarbeit für den jüdischen Sender WEVD, aber gravierende finanzielle Probleme. 1953 Rückkehr nach Europa. Stationen in Berlin, Paris und Sommière. 1958–64 lebte M. in Ascona und übersiedelte 1971 in ein Zürcher Hotel. 1975 Umzug nach München und erneute Rückkehr nach Zürich wegen einer medizinischen Behandlung. Zunehmende Isolierung. 1976 Verlust eines 800-seitigen Manuskripts. Die letzten Lebensjahre verbrachte M. in einem Zürcher Altersheim. Neben Chansons, Dramen und Hörspielen verfasste er Novellen und Romane (unter anderem die Satire "Müller. Die Chronik einer deutschen Sippe von Tacitus bis Hitler", die 1935 verboten wurde und erst 1971 erschien), Monografien und Essays (1951 "The Lost Library", 1958 "Verrufene Malerei"). Eine Auswahl seiner Gedichte und Chansons ist in "Grosses Ketzerbrevier. Die Kunst der lyrischen Fuge" (1974) zusammengestellt. Darüber hinaus übersetzte er unter anderem Honoré de Balzacs "Contes drôlatiques" (1923) und Jacques Audibertis "Le Mal court" ("Der Lauf des Bösen", Schweizer Erstaufführung am 9.3.1965 im →Galerietheater Die Rampe Bern) und betätigte sich als Zeichner. M. war Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt).

Auszeichnungen

  • 1967 Fontane-Preis der Stadt Berlin,
  • 1976 Titularprofessor (Berlin),
  • 1977 Bundesverdienstkreuz,
  • 1979 Literaturpreis der Julius-Marx-Stiftung.

Literatur

  • Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): W. M., Text und Kritik 78/1983.
  • Hellberg, Frank: W. M. Schriftsteller zwischen Kabarett und Avantgarde, 1983.

Nachlass

  • Akademie der Künste Berlin.


Autor: Dietrich Seybold



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Seybold, Dietrich: Walter Mehring, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 1215–1216.

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