Japanesengesellschaft, Schwyz SZ

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Fastnachtsgesellschaft, Freilichtspiele in unregelmässigen Abständen

Älteste bestehende Fastnachtsgesellschaft von Schwyz, gegründet 1857 als lose Gruppe, die sich "Freunde des tollen Lebens", laut Eberle "Brüder vom tollen Leben", nannte. Nach dem erfolgreichen →Fastnachtspiel von 1863 wurde die J. als reine Männervereinigung konstituiert, Frauen sind erst seit 1995 als Mitglieder zugelassen. Zunächst in unregelmässigen Abständen, seit 1970 zumeist alle fünf Jahre, wird während der Fastnachtszeit von der J. ein grösseres Spiel aufgeführt, das stets mit dem Fastnachtsumzug verbunden ist. Die Zahl der Mitwirkenden variierte je nach Inszenierung (zirka 100–400). Das Fastnachtspiel wird jeweils auf dem Hauptplatz, meist unterhalb der Kirche oder vor dem Rathaus, rund drei Mal aufgeführt. Die jeweils eigens verfassten Spiele übten auf satirische und humoristische Weise Kritik an aktuellen lokalen und eidgenössischen Sachverhalten, hielten den Zuschauenden den "Narrenspiegel" vor. Wiederkehrende typologisierte Figuren waren beispielsweise der Bürger "Schuelherr Karlifranz" oder der Bauer "Träsmere Jöretönel". Gespielt wurde auf Hochdeutsch oder in Mundart, die Texte waren oft gereimt. Das Spiel von 1857 trug den Titel "Circus Carneval", Anlass der Themenwahl war ein Gastspiel des Zirkus Knie in Schwyz. 1860–83 schrieb Ambros Eberle (Urgrossvater von →Oskar Eberle und →Meinrad Inglin), Nationalrat, Redaktor und Verleger, insgesamt sechs Spiele. Der Name der Japanesen geht zurück auf Ambros Eberles Fastnachtspiel von 1863 "Die Schweiz in Japan. Grosses japanesisch-schwyzerisches Hof- und Volksfest in Jeddo-Schwyz". Das Stück nahm die damaligen vergeblichen Bemühungen der Schweiz, mit Japan Handelsbeziehungen anzuknüpfen, aufs Korn (Japans Hauptstadt Tokio hiess damals noch Yedo). Auf dem Titelblatt des Textes findet sich eine Figur mit Schellenkragen, darunter steht "He-so-nu-so-de" (Dialekt für: nun also denn). Der Hesonusode blieb der J. als witzig freundlicher Präsident erhalten und tritt mit seinem Gefolge bei allen Spielen auf. Jährlich wird am 6. Januar als Vorankündigung der Fastnachtszeit die Reichs­versammlung abgehalten, versteht sich doch die J. als Staat im Staat. Der Hesonusode (auch Tenno oder Kaiser genannt) zieht in feierlichem Zug, begleitet von seinem Gefolge, den bunt bekleideten "Mandarinen", in den Reichspalast ein (im Laufe der Zeit wurden verschiedene Lokalitäten dafür gewählt), wo er seine Thronrede hält. Nach Ambros Eberles Tod 1883 wurde erst 1907, nach verschiedenen Spielen, die von anderen Gruppierungen (beispielsweise den "Jungjapanesen") organisiert wurden, zur 50-Jahr-Feier der J. wieder ein Fastnachtspiel gegeben: Jakob Grüninger/Martin Martys "Das Glück in der Heimat" (Musik: →Othmar Schoeck). Weitere Autoren waren unter anderem And­reas Abegg (1922 «Die Abrüstungskonferenz in Yeddo­-Schwyz»), Paul Styger (1937 "Lumpinade in Yeddo-Schwyz"), Oskar Eberle (1947 "Vivelun Taikun!") und Inglin (1952 "Der Volksfriedenskongress in Yeddo-Schwyz"). Zwischen 1958 und 1980 schrieb Paul Kamer insgesamt sechs literarisch anspruchsvolle Spiele, 1985 verfasste der Luzerner Gymnasiallehrer und Kabarettist Marcel Gaberthuel die Texte (1995 "Verspielt", 2001 «in­­­kogg-nii-toh!»). Neben den Fastnachtspielen führte die J. auch verschiedene historische Festspiele durch, so das Bundesfeierspiel von 1891 zur 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft und 1936 Stygers "Schwyzer Landsgemeinde am 1. August 1291" zur Einweihung des Bundesbriefmuseums in Schwyz. 1941 beteiligte sie sich an der 650-Jahr-­Feier der Eidgenossenschaft (→Cäsar von Arx’ Bundesfeierspiel) und 1965 an der 650-Jahr-Feier zur Schlacht bei Morgarten (Kamers "Letzi"). Die J. finanziert sich unter anderem durch Eintrittsgelder und Beiträge von Gönnern. Fastnachtsumzug und Spiel wurden mehrmals vom japanischen wie auch vom Schweizer Fernsehen DRS aufgezeichnet.

Literatur

  • Eberle, Oskar (Hg.): Fastnachtsspiele, 1935.
  • Annen, Daniel: Die Schwyzer Japanesen und ihre Tradition. In: Vaterland (Luzern), 9.2.1980.
  • Weibel, Viktor: Japanesen in Schwyz. In: Das Jahr der Schweiz in Fest und Brauch, 1981.


Autor: Christian Jauslin



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Jauslin, Christian: Japanesengesellschaft, Schwyz SZ, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 917–918.