Paul Hindemith

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* 16.11.1895 Hanau (D), † 28.12.1963 Frankfurt am Main (D).

Ab 1908 Violinstudium am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main, ab 1912 Kompositionsunterricht. Während der Sommermonate 1913/14 Mitglied eines Schweizer Kurorchesters auf dem Bürgenstock und in Heiden. Bereits ab Mitte der zehner Jahre trat H. als Solist (Bratsche und Viola d’amore) und später als Dirigent von eigenen Kompositionen auf. 1915–23 Konzertmeister des Opernhausorchesters Frankfurt am Main und 1921–29 Bratschist beim Amar-Quartett in Frankfurt. Ab 1921 beteiligte er sich an den jährlich in Donaueschingen und später in Baden-Baden stattfindenden "Kammermusikaufführungen zur Förderung Zeitgenössischer Tonkunst". H.s Operneinakter "Mörder, Hoffnung der Frauen" (Text: Oskar Kokoschka), "Das Nusch-Nuschi" (Text: Franz Blei, Uraufführung beide 4.6.1921, Württembergisches Landestheater Stuttgart, Regie: Otto Erhardt, musikalische Leitung: Fritz Busch) und "Sancta Susanna" (Text: August Stramm, Uraufführung 26.3.1922, Opernhaus Frankfurt am Main, Regie: Ernst Lert, musikalische Leitung: Ludwig Rottenberg) provozierten bei den Uraufführungen Skandale, nicht zuletzt wegen den als unschicklich geltenden Sujets, und positionierten H. als Wortführer der musikalischen Avantgarde. Seit den frühen zwanziger Jahren wurde H. massgeblich vom Winterthurer Mäzen Werner Reinhart und von →Hermann Scherchen gefördert. H.s erste abendfüllende Oper "Cardillac" (Text: Ferdinand Lion nach E. T. A. Hoffmanns Erzählung "Das Fräulein von Scuderi", Uraufführung 9.11.1926, Sächsisches Staatstheater Dresden, Regie: Issai Dobrowen, musikalische Leitung: Busch) brachte ihm öffentliche Anerkennung. 1927 wurde H. Professor für Komposition an der Hochschule für Musik in Berlin. Dort entstanden zusammen mit dem Kabarett-Autor Marcellus Schiffer der Sketch mit Musik "Hin und zurück" (17.7.1927, Deutsche Kammermusik Baden-Baden, Regie: →Walther Brügmann, musikalische Leitung: Ernst Mehlich) und die lustige Oper "Neues vom Tage" (Uraufführung 8.6.1929, Kroll-Oper Berlin, Regie: Ernst Legal, musikalische Leitung: Otto Klemperer). Mit →Bertolt Brecht erarbeitete H. das experimentelle Bühnenwerk "Lehrstück" (Uraufführung 28.7.1929 im Rahmen der Festtage "Deutsche Kammermusik Baden-Baden"); für den Avantgardisten Hans Richter schrieb er die – heute verschollene – Musik zu dessen dadaistischem Kurzfilm "Vormittagsspuk" (1928), in dem er neben Darius Milhaud und anderen als Darsteller auftrat. Nach 1933 verschwanden H.s Werke aus dem Konzertprogramm, 1936 wurden sie in Deutschland als "entartet" verboten. Zwischen 1935 und 1937 reiste H. auf Einladung der türkischen Regierung mehrmals nach Ankara, wo er als Berater beim Aufbau des türkischen Musiklebens mithalf. 1937 legte er sein Lehramt in Berlin nieder. Nach vergeblichen Versuchen, seine Oper "Mathis der Maler" an einer deutschen oder österreichischen Bühne zur Uraufführung zu bringen, fand diese am →Stadttheater Zürich im Rahmen der Juni-Festwochen am 28.5.1938 statt (Text: H., Regie: →Karl Schmid-Bloß/→Hans Zimmermann, musikalische Leitung: →Robert F. Denzler). Kurz darauf emigrierte er in die Schweiz nach Bluche im Wallis, 1940 in die USA. 1940–53 war er Professor für Musiktheorie an der Yale University in New Haven, 1946 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1951 nahm er zusätzlich eine Professur für Musikwissenschaft an der Universität Zürich an, ein Lehrstuhl, der eigens für ihn geschaffen wurde und den er bis 1957 innehatte. Er bearbeitete seine Oper "Cardillac", die in zweiter Fassung am 20.6.1952 am Stadttheater Zürich uraufgeführt wurde (Regie: Zimmermann, musikalische Leitung: →Victor Reinshagen). 1953 beendete er seine Lehrtätigkeit in den USA und liess sich in der Schweiz nieder, zunächst in Glattfelden bei Zürich, dann im Haus "La Chance" in Blonay am Genfer See. Dort entstand die Oper "Die Harmonie der Welt" (Text: H., Uraufführung 11.8.1957, Prinzregententheater München, Regie: Rudolf Hartmann, musikalische Leitung: H.). 1961 wurde H.s letzte Oper "Das lange Weihnachtsmahl" uraufgeführt (Text: Thornton Wilder, 17.12.1961, Nationaltheater Mannheim, Regie: Hans Schüler, musikalische Leitung: H.). H. schrieb ausserdem die Ballett-Werke "Der Dämon" (Uraufführung 1.12.1923 in Darmstadt), "Nobilissima Visione" (Uraufführung 21.7.1938 in London), "Theme with four Variations" (Uraufführung 3.12.1940 in Boston) und "Hérodiade" (Uraufführung 30.10.1944 in Washington, D. C.) sowie Musik für Puppentheater und Filme. H.s Haus in Blonay ist heute Sitz der 1968 ins Leben gerufenen H.-Stiftung, die unter anderem die Gesamtausgabe von H.s Werken betreut. 1974 Eröffnung des H.-Instituts in Frankfurt am Main. Eine Sammlung von H.s Schriften wurde 1994 herausgegeben von Giselher Schubert: "Aufsätze, Vorträge, Reden".

Auszeichnungen

unter anderem

  • Ehrendoktorate der Universität Frankfurt am Main (1949), der Freien Universität Berlin (1950) und der Oxford University (1954),
  • 1951 Bach-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg,
  • 1955 Sibelius-Preis der Jenny und Antti Wihuri-Stiftung Helsinki,
  • 1956 Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main,
  • 1958 Grosser Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen und
  • 1963 Balzan-Preis der Internationalen Balzan-Stiftung.

Literatur

  • P. H. Katalog seiner Werke, Diskographie, Bibliographie, Einführung in das Schaffen, 1970.
  • Briner, Andres: P. H., 1971.
  • Skelton, Geoffrey: P. H., 1975.
  • Schubert, Giselher: P. H., 1981.
  • Ansichten eines Weitsichtigen. P. H. und die Schweiz. Publikation zur Ausstellung der Präsidialabteilung der Stadt Zürich, Stadthaus Zürich 30.1.–28.3.1996, herausgegeben vom Schweizer Musik­rat, 1996.

Nachlass

  • H.-Institut, Frankfurt am Main.


Autorin: Ingrid Bigler-Marschall



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Bigler-Marschall, Ingrid: Paul Hindemith, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 2, S. 843–844, mit Abbildung auf S. 843.

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