Atelier-Theater, Bern BE

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Sprechtheater mit Eigenproduktionen und Gastspielen

Im Juni 1951 wurde die "Kammerspiele Bern AG" gegründet. Das Aktienkapital war die Grundlage des vorerst nicht subventionierten und auf gewerblicher Basis realisierten Unternehmens, das am 16.11.1951 mit Tirso de Molinas "Don Gil von den grünen Hosen" unter der Leitung von →Adolph Spalinger eröffnet wurde. Im Rahmen einer zehnmonatigen Spielzeit wurde in den ersten Jahren täglich gespielt, in den ersten beiden Spielzeiten realisierte das kleine Stammensemble mit Gästen je sechzehn Premieren, später wurden je Spielzeit acht bis zehn Eigenproduktionen gegeben, anfänglich im Repertoire-, später im Ensuitebetrieb. Bühnenwerke moderner Autoren wie Cocteau, Williams und Wilder gaben dem Spielplan Spalingers, der in der Hälfte aller Produktionen spielte und inszenierte, ein eigenes Profil. Erstmals in Bern in deutscher Sprache zu sehen waren Sartres "Die ehrbare Dirne" (Regie: →Hans Gaugler), "Hinter geschlossenen Türen", "Die schmutzigen Hände" und "Die Fliegen" (Regie: Spalinger). Steinbecks "Von Mäusen und Menschen" und Claudels "Der Tausch" waren unter anderen Schweizer Erstaufführungen. Anfänglich standen weniger als die Hälfte, später deutlich mehr Komödien und Lustspiele im Programm, darunter Shaws "Pygmalion" (Regie: Gaugler) und dessen "Helden", Guitrys "Nicht zuhören, meine Damen", Chases "Mein Freund Harvey" (Regie alle: Hans E. Berg) sowie Wildes "Ein idealer Gatte". Bühnenbildner während der ersten Direktionszeiten waren →Remo Zimmermann und →Ary Oechslin, prägend während fast zwanzig Jahren wurden dann die Bühnenräume von →Dieter von Arx. Die erfolgreiche Arbeit Spalingers trug dem A. 1953 die ersten Subventionen der Stadt und des Kantons Bern ein. Die Unterstützung von kulturpolitischer Seite war gegeben, um die Gunst des Publikums musste das A. immer wieder werben. Unter der Direktion →Raoul Alsters (1955–62) bildeten Stücke englischsprachiger Autoren (Fry, Priestley, Wilde und Williams) einen Schwerpunkt, zum Teil wurden die jeweiligen Stücke erstmals in der Schweiz aufgeführt (Samuel Taylor, Maxwell Anderson, Nash, Rattigan, Sherwood). In der Spielzeit 1959/60 gelang mit der Inszenierung von →Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" (Regie: Dürrenmatt) ein grosser Publikumserfolg des A. Ebenfalls erfolgreich waren Franz und Paul von Schönthans Schwank "Der Raub der Sabinerinnen" (1959/60), Paul Osborns "Der Tod im Apfelbaum" (1960/61), Molières "Der Geizige", →Max Frischs "Andorra" und Albert Hussons "Eine schöne Bescherung" (alle: 1961/62). Nach Alsters plötzlichem Tod übernahm 1962 →Rudolf Wessely die Bühne; seine Inszenierung von Dürrenmatts "Die Physiker" wurde zu einem "Publikumsrenner" seiner Direktionszeit. Schweizer Erstaufführungen von Komödien von Shaw, Saul O’Hara, Kishon, Sagan, aber auch von Autoren wie →Georg Kaiser, Anouilh und Mrożek formten den Spielplan. Unter der Leitung Ernst Ernsthoffs (1965–70) konnte das A. mit Stücken von Goldoni, Pagnol und →Curt Goetz den Zuschauerzuspruch halten, Stücke wie Mrożeks "Tango", Martin Walsers "Die Zimmerschlacht", Pinters "Die Heimkehr", Millers "Der Preis" oder →Peter Bürkis "Die Mondfrau" erreichten eine geringere Auslastung. →Emil Stöhr, der auch als Regisseur und Schauspieler den Spielplan prägte, startete 1970/71 daher seine erste Spielzeit mit vierzehn Lustspielen und Komödien und nur vier Schauspielen. Dieses Verhältnis wurde auch in den weiteren Spielzeiten mit geringerer Premierenanzahl beibehalten, vermehrt gab es Kriminalstücke (wie Christies "Die Mausefalle") und Boulevardkomödien zu sehen. Auch während der Direktionszeit der Verwaltungsdirektorin Susi Matthys und des künstlerischen Direktors Urs Bürgin (ab 1975) behielt das A. dieses Profil bei. Von neun Premieren waren im Durchschnitt fünf Komödien im Spielplan, dazu Schauspiele, beispielsweise von Ibsen, Kleist und Lessing. In den ersten zwei Saisons wurden zudem neun Schweizer Erstaufführungen inszeniert, die jedoch nicht den gewünschten Erfolg erzielten. Bürgin löste seinen Vierjahresvertrag im Dezember 1977 vorzeitig auf. Im Repertoire Dieter Stürmers (1978–83) dominierten der "gehobene Boulevard" und die Komödie, zur obligatorischen Kriminalkomödie gesellte sich neu je ein Musical/eine Operette wie Breffort/Monnots "Irma la Douce" oder Camoletti/Flatow/Thomas’ "Boeing-Boeing, Jumbo Jet". Als grosse Erfolge erwiesen sich Ibsens "Gespenster" oder das die Sterbehilfe thematisierende Stück "Ist das nicht mein Leben?" von Brian Clark. Ein Viertel aller Produktionen machten Stücke aus, die bereits in früheren Jahren erfolgreich waren (Priestleys "Ein Inspektor kommt", Goetz’ "Ingeborg", Nashs "Der Regenmacher" und Williams’ "Endstation Sehnsucht"). In Stürmers erster Spielzeit verfügte das A. über ein kleines Kern­ensemble, ab 1979/80 wurden Schauspielerinnen und Schauspieler nur noch produktionsweise engagiert. Stürmer trat auf Ende der Spielzeit 1981/82 aus gesundheitlichen Gründen zurück; die von ihm geplante Saison 1982/83 betreuten Matthys und der seit 1974 als Dramaturg und Regisseur tätige →Kurt Wanzenried. Der nachfolgende Direktor Wolfgang Schön setzte andere Akzente: Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Klassikern und Gegenwartsstücken sowie Komödien sollte dem A. neue Besucherkreise erschliessen. Dementsprechend standen in den ersten zwei Spielzeiten ausser Komödien Stücke von Goethe, Sophokles, Zola, Schnitzler, Fassbinder, Thomas Bernhard und Mitterer auf dem Programm. Ein Rückgang der Zuschauerfrequenz führte zurück zur bewährten Aufteilung von fünf Komödien und drei Schauspielen. Die erste Spielzeit des Direktors →Michael Wedekind konnte die seit einem Jahrzehnt zweithöchste Besucherzahl verzeichnen: Ibsens "Ein Volksfeind" trug massgeblich dazu bei, aber auch →Urs Widmers’ "Stan und Ollie in der Schweiz", Frischs "Biografie. Ein Spiel", King/Carys "Die Maus" und Flatows "Romeo mit grauen Schläfen". Nach seiner fünfjährigen Amtszeit, in der Borchert, Ibsen, Goethe, Beckett, Havel, Poiret, Camoletti und Tinney gespielt wurden, konnte Wedekind auf eine erfolgreiche Leitung zurückblicken. Wanzenried, seit 1992 Direktor, behielt das Spielplankonzept des A. mit einer Mischung aus Klassikern, gehobenem Boulevard und einzelnen Problemstücken bei. Das Publikum wurde davon jedoch nicht mehr wie in anderen Jahren angesprochen. Nach der Entscheidung des Gemeinderats der Stadt Bern, die schon seit 1992 zur Diskussion stehenden Subventionen Ende der Spielzeit 1995/96 zu streichen, musste der Betrieb zum 30.6.1996 eingestellt werden; die Aktiengesellschaft wurde aufgelöst. Knapp drei Monate später wurde in den renovierten ehemaligen Räumlichkeiten des A. das →Theater an der Effingerstrasse, Bern BE eröffnet.

Spielstätte

Effingerstr. 14, 3008 Bern. 1951 erbaut, Architekt: Otto Lutstorf. Foyer mit Stehbar, Zuschauerraum und Bühne im Untergeschoss des Mehrzweckgebäudes. Platzkapazität: rund 200 Plätze. Guckkastenbühne: 6,5 m breit, 3 m hoch, 6,2 m tief. Portal: 4,55 m breit, 2,85 m hoch. Versenkungen: 1,85 x 2,55 m, 0–2,45 m.

Literatur

  • AT Atelier Theater Bern 1951–1996, 1996.


Autorin: Simone Gojan



Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:

Gojan, Simone: Atelier-Theater, Bern BE. In: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 1, S. 82–83.